Alex Rühle - Ohne Netz

Kurzbeschreibung

Alex Rühle ist ein erfolgreicher Journalist. Er kommt ganz schön rum, hat zwei Kinder, ist glücklich verheiratet - und süchtig. Ein Internet-Junkie. Kein Extremfall, er fühlt sich nur ebenso abhängig, wie die Meisten es sind. Deshalb macht Alex Rühle Ernst. Ein halbes Jahr wird digital gefastet. Kein Internet, kein E-Mail. Das Leben als Journalist und Vater muss offline weitergehen. Wenn das mal klappt...


Rezension

Es gibt tatsächlich Männer, die bringen einen ins Grübeln... Sechs Monate ohne Mailkontakte brachten Rühle nach seiner Rückkehr in die digitale Welt 5644 ungelesene Mails auf einen Haufen - unerwartet wenig sogar, weil viele Kontakte irgendwann begriffen haben: Der Rühle liest die eh nicht, dem brauchen wir nichts schicken. Vorsichtig tippe ich, dass bei genauerer Betrachtung maximal 25 Prozent der Mails eine nähere Betrachtung wert sind (bei mir sind es im Haufen nach einem Urlaub ca. 20 Prozent); der Rest ist cc-Kategorie oder läuft ohnehin mehrfach in der Redaktion ein. Am Ende ist das Kondensat noch viel kleiner. Aber man muss sie sich wirklich alle angucken, wenn man am Rechner sitzt und eine neue Mail gemeldet bekommt? Ist man dazu verpflichtet? Muss man das?

Diese Fragen stellen sich viele, aber nur einer hat die konsequenteste Antwort darauf ausprobiert und freundlicherweise gleich noch ein Buch darüber geschrieben. Prompt bringt mich Herr Rühle zum heimlichen Überprüfen meiner eigenen digitalen Tätigkeiten, aber noch stehe ich ganz gut da. Kein Blackberry, keine 70 Mails am Tag, kein Internetzugang im Flur griffbereit. Dafür ein funktionierendes Fax und einen unglaublich guten Haustürservice der Post (... schnell auf Holz klopfen ...).
Das Buch gehört in die Kategorie "muss man gelesen haben" für alle, die sich über den alltäglichen Netz-Wahnsinn wundern - selbst, wenn sie selber mit drin hängen. Eine Bekannte formulierte es vor meiner Lektüre drastisch: Warum hat der das probiert? Ich hätte ihm gleich sagen können, dass das nicht funktioniert. Sie hat schon Recht, aber ohne den Versuch gäbe es das Buch nicht und dafür hat sich der Zinnober bereits gelohnt. Ein bisschen Nachdenken vorher hätte gewiss für weniger Erstaunen über das ärmliche Netz öffentlicher Telefonzellen gesorgt. Oder darüber, dass stillschweigend jedermann erwartet, dass man sich alles aus dem Netz saugen kann, egal, ob man es wirklich wissen will oder nicht. Selbst meine Verwandtschaft, teils deutlich über 70 Jahre alt, hat begriffen, dass die liebe Bettina so ziemlich jede Information noch während des Telefonats beschaffen kann, wenn man in Kauf nimmt, dass sie während des Tippens und Querlesens nicht ganz so kommunikativ ist wie sonst.

Ich habe zweierlei festgestellt: Vieles geht nach wie vor offline oder besser gesagt: Soviel braucht man gar nicht aus dem Netz, wie man immer glaubt. Aber ich habe auch gesehen, dass das Experiment nur dank der Hilfsbereitschaft und der Geduld der Kollegen machbar war und dank einer ganzen Reihe von Urlaubstagen, mit denen beruflich erzwungenen Rückfällen vorgebeugt wurde. Ein Besuch in den USA kann man zum Beispiel nur noch mit einem Besuch im WWW vorbereiten, da sind die US-amerikanischen Beamten völlig kompromissfrei, und eine Rückkehr ins Netz ließ sich nur vermeiden, weil zwei Sekretärinnen immer wieder Rühles Internet-Pflichten übernahmen.

Besser hätte man über den "Entzug" nicht schreiben können. Abgesehen von diesem irren Experiment trieb mich noch etwas anderes durch das Buch: Der Schreibstil! Den mag ich und deshalb lese ich so gerne Feuilleton, auch, wenn mich ein Thema nicht brennend interessiert. Aber die Jungs können klasse schreiben, so mag ich das, das würde ich selber gerne können. Dafür gehe ich auch nicht ins Netz, zu einem Feuilleton gehört einfach knisterndes Zeitungspapier, egal, ob die Süddeutsche einen Internetauftritt hat oder nicht. Das muss ich an dieser Stelle einfach loswerden.

Rühle lässt die alltäglichen telefonischen Diskussionen raus, in denen er mehrfach am Tag ungläubig staundenden Menschen erklären muss, dass sie Briefmarken kaufen müssen, um Papier an ihn zu schicken. Das wäre freilich nur eine gewisse Zeit lang witzig. Stattdessen pickt er sich Anekdoten mit einer Handvoll Bekannter raus, die ihn in der analogen Welt begleiten, stöbert in Untersuchungen zur Sucht oder zum Internet. Oder er stochert in der Zukunftsbeschimpfung von anno dazumal, als sich die Dramen noch rund um die Eisenbahn oder das gerade erfundene Telefon drehten. Alles scheint schon mal dagewesen zu sein und trotz aller Unruhe, die das ewige Handy-Zücken mit sich bringt, beruhigt vielleicht den einen oder anderen der Gedanke daran, dass sich das alles bald - wie früher auch - normalisieren könnte. Während der sechs Monate Abstinenz jedenfalls gab es keine digitale Revolution, Rühle stellt fest, dass er eigentlich nicht viel verpasst hat - nun ja, 5644 Mails vielleicht, aber jedenfalls nichts wirklich Bedeutendes...

Meine Bewertung

bibliografische Angaben

Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-60894-617-8
Erstveröffentlichung: 2010
Schauplatz: Deutschland

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Es gibt für mich nichts Schöneres, als abends um halb neun mit einem Buch ins Bett zu gehen.

Emma Thompson

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