Ernst Solèr - Staub im Wasser

Kurzbeschreibung

Fred Staub, Hauptmann der Zürcher Kantonspolizei, bekommt es mit einer ungewöhnlich brutalen Mordserie zu tun: Binnen kürzester Zeit werden die Leichen von drei Schweizer Treuhändern gefunden – allen fehlt der Kopf. Auffällig an den Tatorten sind rätselhafte orangefarbene Graffiti, deren Bedeutung sich den Ermittlern aber nicht erschließt. Dafür finden sie bald heraus, dass die Toten durch äußerst dubiose Geschäftspraktiken miteinander verbunden waren und einen Großteil ihrer gemeinsamen Klienten um viel Geld gebracht hatten. Im Umfeld der drei Ermordeten gibt es einen weiteren Finanzakrobaten – und der trägt seinen Kopf noch fest auf den Schultern. Staub wird klar, dass er den Mann nur retten kann, wenn es ihm gelingt, die Graffiti-Botschaften zu entschlüsseln. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.


Rezension

Wenigstens hat Fred Staubs Ehefrau Leonie bessere Laune: Sie darf mit Olivenöl Extra Vergine Planeta einen leckeren Salat zubereiten, während sich ihr Mann mit einer Leiche ohne Kopf herumschlagen darf. Wer er ist, ist unklar, was die Ermittlungen verständlicherweise stocken lässt. Erst eine Vermisstenmeldung bringt Staubs Team auf die richtige Fährte. Der vermeintliche Grund für den Tod wird Makulatur, als die zweite Leiche ohne Kopf auftaucht. Zu beiden Morden lassen sich Graffiti-Botschaften zuordnen, die aber eher verwirren als aufklären. Richtiggehend unheimlich wird es, als eine dritte Serie Botschaften auftaucht - das potenzielle Opfer steht umgehend unter Polizeischutz, aber von einem Täter fehlt weit und breit jede Spur. Irgendeine Lücke ist immer und für einen Haftbefehl auf Nummer Sicher reicht es hinten und vorne nicht.

Fred Staub steht vor einem vertrackten Fall, bei dem sich der Täter in der Erzählung immer wieder selbst äußert. So viel früher als die Ermittler war ich als Leser aber auch nicht dran - da hat mich dieses stilistische Hilfsmittel schön an der Nase herum geführt. Die verschiedenen Erzählperspektiven sorgen folglich dank versteckter Vorahnungen und Hinweise immer für Spannung. Die Opfer, von denen der Täter erzählt, sind teils gut zu erahnen, wärend die Hinweise auf den Täter selbst - natürlich - sehr spät erst ein komplettes Bild ergeben. Zum Schluss wartet eine wirkliche Überraschung auf Staub und sein Team - ein Dreh, den ich weder so erwartet habe noch jemals so gelesen habe. Wer bis dato "bloß" einen runden Whodunit gelesen hat, bekommt hier einen Clou obendrauf.

Solèr schreibt kurz und bündig worum es geht, bauscht seine Charaktere nicht auf und das macht ihn mir so sympathisch. Sein Staub hat ein schönes Privatleben, das er genießt, vor allem, wenn es gutes Essen gibt. Zieht sich Staub zum Denken zurück oder hat er kurzzeitig mal keine Lust auf ein Diner mit Fremden, zerfleddert er sich nie in Selbstmitleid deshalb - was woanders ohnehin gerne übertrieben wird. Er opfert statt dessen tapfer 32,80 Franken für Olivenöl für ein wenig Salat und für seine Frau und der Abend kann kommen. Über die Kinder und die Kollegen bin ich im Bilde, ohne dass ich seitenlang über sie lese.

Auch aktuelle Politik kommt zum Zug und Solèr bezieht - finde ich jedenfalls - dezent Stellung. Ein ganz anderer Typ als Staub ist seine Kollegin Bea, sie konservative Hardlinerin, er verfährt auch mal nach dem Motto "Mer muss och jönne könne"; Staub hat Zeit für einen Schwatz mit Kleinkriminellen, die sich über Wasser halten und sich um Hunde aus dem Tierheim kümmern und wundert sich über seltsame Kontraste, die der Besitz oder Nichtbesitz von Aufenthaltspapieren auslösen kann.
Wie auch in den anderen Bänden klärt ein kleines Glossar über einige Helvetizismen im Text auf - sehr hilfreich für jeden, der Lavabo, Schopf oder Natel nicht zuordnen kann.

Meine Bewertung

bibliografische Angaben

Verlag: Grafit
ISBN: 978-3-89425-332-5
Erstveröffentlichung: 2007
Schauplatz: Zürich
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