Natasha Solomons - Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand

Kurzbeschreibung

In dem Moment, als Jack Rosenblum 1937 in Harwich von Bord geht, fasst er einen Entschluss: Als deutscher Jude, der mit seiner Frau aus Berlin fliehen konnte, möchte er so schnell wie möglich ein echter Engländer werden. Und so erstellt er eine Liste, einen leicht verständlichen Führer durch die Sitten und Gebräuche Englands. Fünfzehn Jahre später hat Jack viel erreicht. Nur einen Punkt auf seiner Liste konnte er noch nicht abhaken: Er ist noch nicht Mitglied in einem englischen Golfclub. Und da ihn niemand aufnehmen will, beschließt er, selbst einen Golfplatz zu bauen. Also schleift er seine Frau Sarah in das Herz der englischen Countryside, nach Dorset. Doch hier, im Land der Borstenschweine, Glockenblumen und des Apfelweins, scheint die schwierigste Aufgabe noch vor ihnen zu liegen.


Rezension

Jack Maurice Rosenblum erhält nach seiner Ankunft in England wie alle anderen einen kleinen Ratgeber: Neu in England: Nützliche Informationen und freundliche Anleitung für jeden Flüchtling. Was von den Initiatoren vermutlich als Dreingabe gedacht war, um die Flüchtlinge möglichst höflich zur Unauffälligkeit anzuhalten, wird für Rosenblum zur Anleitung, ein Engländer durch und durch zu werden. Akribisch hält er sich an jede Regel, erweitert den Fundus stetig und schafft es, bis auf einen Punkt alle zu erfüllen. Die Golfclubs nämlich wollen ihn nicht. Für Juden gibt es zwar spezielle jüdische Golfclubs und ein Freund Rosenblums ist dort auch glücklich und zufrieden - für Rosenblum selbst aber ist das keine Lösung. Er beginnt, deshalb einen eigenen Platz zu bauen und lässt sich auch von einem wühlenden Wollschwein nicht aufhalten.

Ein sehr schön aufgemachtes Buch, very british, wie es sich Jack Rosenblum vermutlich gewünscht hätte: Englische Rosen als Dekoration auf dem Vorsatzblatt, altrosa Buchrücken aus Leinen mit silberner Prägung und blumige Titelgestaltung mit passenden Schriften.
"Absolut charmant und sehr witzig" war eines der Urteile, die ich vorab über das Buch gelesen habe. Ein wenig verfälschend, wie ich nach der Lektüre finde. Denn die Charaktere von Jack und seiner Frau Sarah sind bisweilen etwas nervig und übertrieben geraten. Jack auf der einen Seite will unbedingt ein anderer werden als der, der er ist. Er will die Vergangenheit überpinseln, nicht mehr gelten lassen und merkt gar nicht, dass er sich seiner Frau damit immer weiter entfremdet. Sarah auf der anderen Seite nämlich trägt schwer an ihrem Familienschicksal und wird von Jacks Turbo in Sachen Vergessen und Verdrängen in die Einsamkeit gepfercht. Sarahs geliebter Bruder Emil und ihre Mutter bekamen keine Ausreisegenehmigung, mussten in Berlin bleiben und starben vermutlich in einem Konzentrationslager. Es gibt eine Szene, in der Sarah den Tod ihrer Mutter spürt und ab diesem Zeitpunkt wird das Zusammenleben mit dem umtriebigen Jack für sie besonders schwer.

"Eine anrührende und überraschende Lektüre, die glückliche Leser hinterlässt" war ein anderer Kommentar, den ich zuvor schon kannte. Das Etikett "anrührend" sollte dranbleiben. Zumindest Sarah rührte mich mit ihrer Einsamkeit und Trauer sehr, wenn ich ihren dauerhaften Gedenkzustand aber auch nicht ganz nachvollziehen kann. Jack dagegen berührte mich kaum; seine Hartnäckigkeit in Ehren, nervte mich der Typ aber mehr als dass ich ihn irgendwie sympathisch fand. Was weder Sarah noch Jack über weite Strecken des Buchs begriffen hatten, war, dass zum Finden einer neuen Heimat der private Kontakt zu den Einheimischen kommen muss. Jack versucht sich lediglich wenig erfolgversprechend im englischen Landadel.
Die meisten Dorfbewohner bleiben für beide lange Fremde. Auch, wenn Jack sich mit dem Dorftrinker anfreundet und einige Männer aus dem Dorf beim Bau des Golfplatzes beschäftigt, scheint er sie erst spät als Freunde oder mindestens gute Bekannte zu begreifen. Dabei wird sich herausstellen, dass die Leute von Pursebury Ash den Rosenblums gar nicht böse wollen. "Im Gegensatz zu Mrs. Hintons Schwester konnte Mrs. Rose-in-Bloom nichts für ihre Vergangenheit..." befindet Lavender Basset irgendwann und in Pursebury Ash hätten die Rosenblums viel eher ein echtes Zuhause finden können. Wenn sie gewollt hätten. Aber, wie gesagt, der eine war mit Vergessen beschäftigt, der andere mit Erinnern. Keiner so richtig mit dem Jetzt.

Ich bleibe insofern als glückliche Leserin zurück, weil ich zu Ende gelesen habe. Das Buch war flüssig und gut zu lesen, bot immer wieder schöne Beschreibungen der Natur, die Jack und Sarah gleichermaßen liebten, endet rund, versöhnt und herzlich; es bleibt nur dieses kleine "aber", weil es mich nicht allzu sehr vom Hocker gerissen hat.

Meine Bewertung

bibliografische Angaben

Verlag: Kindler
ISBN: 978-3-46340-578-0
Originaltitel: Mr Rosenblum’s List or Friendly Guidance for the Aspiring Englishman
Erstveröffentlichung: 2010
Deutsche Erstveröffentlichung: 2010
Schauplatz: Großbritannien
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Es gibt für mich nichts Schöneres, als abends um halb neun mit einem Buch ins Bett zu gehen.

Emma Thompson

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