Teresa Solana - Mord auf katalanisch

Kurzbeschreibung

"Schon wieder ein betrogener Ehemann!" denken die Zwillinge Eduard und Pep, als sie von dem prominenten katalanischen Politiker Lluis Font den Auftrag erhalten, dessen Frau zu beschatten. Doch was harmlos beginnt, wird zu einem turbulenten Kriminalfall, denn nur wenige Stunden später stirbt die umtriebige Gattin gewaltsam an einer tödlichen Vorliebe für Süßigkeiten.


Rezension

Borja und Eduard betreiben eine kleine Detektei, die sich auf Beratungen und Nachforschungen spezialisiert hat. Ihr Erfolg beruht maßgeblich auf den Kontakten und dem Auftreten Borjas, der gekonnt den Mann von Welt mit Geschmack, Umgangsformen und Geld gibt, während Eduard an der versnobten und stinkreichen Klientel eher wenig Interesse hat. Aber er tut sein Bestes, denn die Reichen und deren Sorgen finanzieren seine Familie gut. Da sie die Detektei vermutlich gerne mit Schwarzgeld bezahlen, fällt auch nicht auf, dass es das kleine Beratungsbüro offiziell gar nicht gibt. Detektei nenne sich die beiden allerdings ungern; Borja betont, dass der Firmenerfolg davon abhängt, sich als guter Freund zu präsentieren, der aus einer misslichen Lage hilft. Auf diese Weise kommt auch der Politiker Font zu ihnen. Er hat große politische Ambitionen und will sichergehen, dass das Privatleben seiner Frau dafür keine Stolperfallen bietet. Denn wäre sie mit einem Maler liiert, wie er vermutet, könnte das seiner Karriere schaden. Borja und Eduard beginnen, Lídia Font zu beschatten.

Dezent weist der Einschub „Ein Barcelona-Krimi“ auf dem Cover auf den Lokalkolorit hin. Den hat der Krimi zweifellos, weil Solana auf geliebte Konditoreien hinweist, überfüllte Einkaufsstraßen oder Cafés und Restaurants, die sogar im Anhang samt Adresse für neugierige Reisende aufgelistet sind. Viel mehr Lokalkolorit aber bekommt der Krimi dank der beiden Hauptpersonen und ihres sonderbaren Auftrags. Damit zeichnet Solana wohl besser das Ambiente nach, als es typische Ortsbeschreibungen jeder Couleur jemals könnten. Denn sie bringt mit dem Pärchen Borja und Eduard zwei Figuren ins Spiel, die das Nebeneinander der Bürger zu spiegeln scheinen.

Borja kennt viele der Spielregeln der oberen Zehntausend ziemlich gut. Unverfroren knöpft er dem Politiker schon im ersten Gespräch einen Vorschuss ab, der Eduard nach Luft schnappen lässt. Während der Beschattung erklärt er regelmäßig, wie die Reichen untereinander Probleme regeln. Vieles hat sich Borja gekonnt abgeguckt, denn beherrschen muss er die Formen: Borja Masdéu-Canals Sáez de Astorga, wie er sich nennt, ist in Wirklichkeit Eduards Zwillingsbruder Pep. Pep hat sich eine markante Vita zurecht gelegt und bewegt sich in Barcelona als Lebenskünstler und Hochstapler. Mit einem raffinierten Dreh in seiner Geschichte hat er auch die Sympathien einer der einflussreichsten Frauen Barcelonas gewonnen, Mariona Castany. Er gilt als Verwandter einer alten Schulfreundin von ihr und verfügt damit über zahlreiche offene Türen in der Gesellschaft. Nicht zuletzt ist die bestens vernetzte Castany eine unerschöpfliche Quelle für Klatsch und Tratsch und Wissenswertes, das dem ungleichen Brüderpaar bei ihren Fällen weiter hilft.

Eduard kann dem versnobten Tun wiederum nichts abgewinnen. Während seines Studiums setzte er alles daran, das Getue um den Nationalhelden Don Quijote zu entlarven. "Es mag ein Jammer sein, aber ich finde dieses Buch unerträglich. … Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich bin allergisch gegen dieses Buch, furchtbar allergisch, möglicherweise, weil es das einzige ist, das einfach jeder lobt. Politiker zitieren es auswendig, heben es in alle Himmel und scheuen nicht davor zurück, unsere Steuergelder für kostspielige Gedenkfeiern und Ehrungen auszugeben, was zumindest misstrauisch machen sollte. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Mehrzahl unserer Parlamentarier es nie vollständig gelesen hat.“ Seine Mutmaßung kann Eduard sogar nachweisen, doch veröffentlichen durfte er seine Studie auf Druck der Fakultätsleitung nie. Verheiratet ist er mit Montse, die eine Praxis für alternative Heilmethoden betreibt, aber nur wenig über den eigentlichen Berufsalltag ihres Mann weiß.

Zu guter Letzt nimmt Solana ihre eigene Arbeit aufs Korn. „Im Fall Lídia Font wird zudem die Mehrzahl der Regeln verletzt, die ein mutmaßlich perfektes Verbrechen ausmachen, bei dem der Zufall eben ausgeschaltet sein muss. Die Geschichte taugt also nicht einmal für einen Kriminalroman.“ Gut, dass jemand an dieser Stelle anderer Meinung war. Das Ende ist ebenso unkonventionell wie das Zwillingspaar Borja und Eduard, das Hin und Her zwischen zwei Gesellschaften ist ebenso unterhaltsam wie die Ausreden, die sich Eduard immer wieder einfallen lassen muss. Und die Kritik an den politischen Machenschaften ist bei Solana genauso präsent, wie bei politisch schärfer aufgestellten Kollegen, nur anders aufbereitet.

Von Solana sind anno 2007 und 2008 nur zwei Bände der Serie ins Deutsche übertragen worden. Eigentlich schade, dass pfiffige Autoren mit einem Hang zur Satire so schnell wieder aus dem Blickfeld verschwinden.

Meine Bewertung

bibliografische Angaben

Verlag: Piper
ISBN: 978-3-49225-260-7
Originaltitel: Un crim imperfecte
Erstveröffentlichung: 2006
Deutsche Erstveröffentlichung: 2008
Schauplatz: Barcelona, Spanien
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Es gibt für mich nichts Schöneres, als abends um halb neun mit einem Buch ins Bett zu gehen.

Emma Thompson

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