Donna Leon - Venezianisches Finale

Kurzbeschreibung

Skandal in Venedigs Opernhaus ›La Fenice‹: In der Pause vor dem letzten Akt der ›Traviata‹ wird der deutsche Stardirigent Helmut Wellauer tot aufgefunden. In seiner Garderobe riecht es unverkennbar nach Bittermandel – Zyankali. Ein großer Verlust für die Musikwelt und ein heikler Fall für Commissario Guido Brunetti. Dessen Ermittlungen bringen Dinge an den Tag, wonach einige Leute allen Grund gehabt hätten, den Maestro unter die Erde zu bringen. Der Commissario entdeckt nach und nach einen wahren Teufelskreis aus Ressentiments, Verworfenheit und Rache. Sein Empfinden für Recht und Unrecht wird auf eine harte Probe gestellt.


Rezension

Commissario Brunetti muss ins Opernhaus "La Fenice" von Venedig. Der Stardirigent Helmut Wellauer wurde in der Pause vor dem dritten Akt tot in seiner Garderobe aufgefunden. Offenbar wurde er mit Zyankali vergiftet, das seinem Kaffee zugegeben wurde. Brunettis Chef, der Polizeivizepräsident Giuseppe Patta, hat eigentlich nur zwei Anforderungen: Der Täter muss ganz besonders schnell gefunden werden und jeden Morgen um acht Uhr hat ein Bericht mit sämtlichen Fortschritten auf seinem Schreibtisch zu liegen. Bei berühmten Toten versteht die Presse keinen Spaß und die Polizei muss die Gelegenheit nutzen, kompetent und zügig arbeitend zu erscheinen. Aber ganz so einfach ist es erwartungsgemäß nicht.

Commissario Brunetti stellt sich in seinem ersten Fall als ein Polizist vor, der zunächst dem Charakter des Opfers nachspüren möchte. Erst will er potenzielle Motive verstehen, bevor er sich auf die Tätersuche macht. Helmut Wellauer war offenbar ein Mensch, der zu Lebzeiten ausreichend ekelhaft gewesen war. Wellauer entpuppt sich in seinem Leben hinter den Kulissen als moralinsaurer Prinzipienreiter, der seinen Ruhm ausnutzte. Wer nicht so wollte wie der Star, dem wurde mit wenigen Telefonaten bei anderen Kunstschaffenden die Karriere zunichte gemacht. Vor allem Sängerinnen gerieten bei ihm leicht in Abseits, wenn sie sich von ihm nicht nach seinen Vorstellungen "fördern" ließen - die Besetzungscouch lässt auch in der Klassik grüßen. Die Berichte für die 8-Uhr-Vorlage fallen zunächst also dünn aus, weil sich Brunetti viel Zeit nimmt und sich auch über die Vergangenheit des Dirigenten schlau machen will. Der vermeintlich sinnlose Ausflug zu Wellauers Karriere in den 1930er Jahren verschafft Brunetti letztlich aber den Durchblick, um die vorhandenen Informationen richtig miteinander verbinden zu können.

Die schöne Ausgabe, die ich anno 2015 gelesen habe, stammt aus der Jubiläumsausgabe des Diogenes Verlags von 2012: "20 Jahre Brunetti". Alle Bände waren seinerzeit in bedrucktes Leinen eingebunden und den Umschlag dieses Krimis ziert das beeindruckende Innere des berühmten "La Fenice" (2016 feiert die Serie übrigens bereits das nächste Jubiläum, denn der 25. Band wird erscheinen). Der Erstling der Brunetti-Serie von 1993 besticht auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen noch durch seine Themen und die Herangehensweise an unangenehme Wahrheiten. Es geht ruhig zu, um die Konzentration auf menschliche Nöte und die persönliche Note von Brunetti zu unterstreichen. In diesem Fall porträtiert Donna Leon einen Prominenten, der sich selbst Freiheiten zugesteht, die er anderen nie gönnen würde. Wäre er Beamter, würde man es Machtmissbrauch nennen. Obendrauf addiert sich für Wellauers Opfer das Problem, dass der Dirigent auf Grund seines Ruhms über Jahre unangreifbar blieb. Einen so brillianten Musiker greift man nicht an. Ein so genialer Kopf kann gar nicht Schlechtes gemacht haben. Die Menschen, die unter ihm gelitten haben, hatten letztlich keine Chance, weil Wellauer in gewisser Weise unter dem Schutz der Öffentlichkeit stand. Und so muss Brunetti am Ende feststellen, dass die Bewertung des Ganzen nur schwer zu machen ist.

Die große Ruhe dieses Brunetti-Romans ist gewiss nicht jedermanns Sache. Die Familie ist adrett, der Commissario lässt sich von seinem stichelnden und um seinen Ruf bedachten Chef kein bisschen aus der Ruhe bringen, die vom Tod wenig berührte Witwe steht nicht sofort unter Verdacht und Brunetti benötigt nicht ein einziges Mal ein Verhör unter Druck oder eine Vorladung auf die Wache. Wer mit so viel Gelassenheit zurecht kommt, liest einen Krimi, der mit feinen Tönen sehr viel über menschliche Abgründe, Ressentiments, Abhängigkeiten und gesellschaftliche Mythen erzählt.

Meine Bewertung

bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-25723-171-7
Originaltitel: Death at La Fenice
Erstveröffentlichung: 1992
Deutsche Erstveröffentlichung: 1993
Schauplatz: Venedig
Autorenwebsite

Bestellen

... mehr von Donna Leon

  • Die dunkle Stunde der Serenissima
  • Verschwiegene Kanäle
  • Es gibt für mich nichts Schöneres, als abends um halb neun mit einem Buch ins Bett zu gehen.

    Emma Thompson

    Suche

    medimops.de - Einkaufen zum Bestpreis