Meine literarischen Arbeiten sind kleine Fische
- aber Goldfische sind auch nicht groß.

Hans Hollweg

Das Buch

Yasmina Khadra - Die LĂ€mmer des Herrn

ISBN-13: 978-3-74661-187-7

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Kurzbeschreibung / Klappentext

Ein algerisches Dorf Anfang der neunziger Jahre, die Menschen sind ohne Perspektive. Drei Freunde lieben dasselbe MĂ€dchen. Als Sarah sich fĂŒr Allal entscheidet, geht der junge Kada aus Trauer und EnttĂ€uschung zu den Mudschaheddin nach Afghanistan. Als glĂŒhender Fundamentalist kehrt er zurĂŒck, beseelt von dem Gedanken, dem Islamismus im Dorf zum Durchbruch zu verhelfen und sich fĂŒr seine verlorene Liebe zu rĂ€chen. Der Racheplan nimmt seinen mörderischen Lauf.

Originaltitel: Les agneaux du Seigneur (1998)
Deutsche Erstveröffentlichung: 2003
Schauplatz: Algerien

Mein Leseeindruck

Im Dorf Ghachimat scheint alles in Ordnung: In der Bar wird von Morgens bis Abends Domino gespielt, der örtliche Schreiber hilft den Leuten beim AusfĂŒllen vorn Formularen und jeder kennt jeden von Kindesbeinen an. Die drei Freunde Jafar, Kada und Allal haben sich alle drei in Sarah verguckt, die Tochter des BĂŒrgermeisters. Als Kadas Mutter um die Ehe zwischen Kada und Sarah bittet, wird sie zurĂŒckgewiesen. Kada bricht den Kontakt zu seinen Freunden ab, ahnt er doch, dass der Polizist Allal wohl das Rennen machen wird. Er schließt sich den Mudschaheddin an und kommt als RachsĂŒchtiger ins Dorf zurĂŒck. Die Fundamentalisten haben inzwischen an Bedeutung gewonnen und scharen gerade die um sich, die bisher zu den Verlierern im Staat gehörten.

Das Blatt im Dorf dreht sich. Issa Osmane, der als ehemaliger "Kollaborateur" mit den Franzosen jahrelang gerade gut genug fĂŒr niedere Dientleistungen war, wird ehrfĂŒrchtig behandelt. Sein Sohn Tej wehrt sich plötzlich gegen Beleidigungen, und zwar nicht nur mit Worten; bei Tej fliegen schnell die FĂ€usten. Gewaltsam unterwerfen die vormals Schwachen und die Wendeköpfe das gesamte Dorf, in dem zwar blankes Entsetzen herrscht, in dem aber auch die Angst regiert und die HĂ€nde fesselt. Denn fast jede Nacht gibt es Tote, die Mörder gehen sehr brutal mit ihren Opfern um und bereits Kleinigkeiten werden zum Todesurteil. Die Bevölkerung bringt erst dann den Mut auf, eine BĂŒrgerwehr mit Hilfe der Armee zusammen zu stellen, als die Terroristen - die meisten davon aus Ghachimat - nachts ein Massaker im eigenen Dorf anrichten.

Die Fundamentalisten beginnen als Verfechter einer strengen Religionsauffassung. Doch schnell verlieren sie an diesem Profil und die Aktionen ufern aus. Es geht bald um Rache an denen, denen es im bisherigen Staat besser ging und je lĂ€nger der Terror dauert, umso brutaler werden die Methoden. Es geht genauso um Geld und Macht. Tej und der kleinwĂŒchsige Zane nutzen die Lage aus und verschaffen sich beispielsweise mit Tricks und Mord schöne Anwesen im Dorf. Der Terror verselbstĂ€ndigt sich.
Tej Osmane nutzt die Perpektivlosigkeit der Menschen gezielt aus: Wir haben ein ganzes Heer an Rekruten. An jeder Straßenmauer warten sie auf uns, in den CafĂ©s, in der Ausweglosigkeit und im Überdruss. Ein Wink genĂŒgt, sie zu mobilisieren. Selbst wenn sie unsere Ideologie nicht teilen, sobald sie sich der Bedrohung bewusst werden, die von ihnen ausgeht, und der Beute, die fĂŒr sie abfĂ€llt, sobald sie merken, dass Leben und Hab und Gut der anderen in ihrer Hand liegen, dann fĂŒhlt sich jeder einzelne von ihnen so mĂ€chtig wie ein kleiner Gott ... Die Armut macht vor keinem Hort des Friedens halt. Nimm ihr die Leine vom Hals und schon stĂŒrzt sie sich auf das GlĂŒck der anderen. Wenn Du eine Bestie suchst, die keine ErmĂŒdungserscheinungen kennt, dann such sie dir unter den Ärmsten der Armen aus.

Wie so oft in der Geschichte zuvor birgt die einseitige Konzentration auf religiöse Ziele und der Anspruch ihrer Unfehlbarkeit das Risiko des Egoismus der Verfechter und wachsender Unmenschlichkeit. Jeder Religion, die Gott den Menschen bietet, wohnt unfehlbar etwas DĂ€monisches inne. Auf den ersten Blick kaum erkennbar, doch mĂ€chtig genug, die Frohe Botschaft zu verfĂ€lschen und die Achtlosen auf den Irrweg zu leiten und zur Barbarei zu verfĂŒhren. Khadra erzĂ€hlt vom Schicksal Ghachimats schnörkellos und lĂ€sst viele Bilder durch Andeutungen im Kopf entstehen. Umso intensiver wirken die erschreckenden Details der Terrorherrschaft, die selbst vor SĂ€uglingen keinen Halt macht.

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