Schreib den ersten Satz so,
dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will.
William Faulkner
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ISBN-10: 3-886-98595-4 |
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Hörbuch Europa ist kein Paradies fĂŒr Einwanderer, das musste die aus dem Senegal stammende Salie nach einer kurzen Ehe mit einem französischen Entwicklungshelfer erfahren. Trotzdem will ihr kleiner Bruder MadickĂ© nach Frankreich, um als FuĂballer reich und berĂŒhmt zu werden. Doch die TrĂ€ume, die beide auf der kleinen Insel Niodior inmitten des Ozeans ersinnen, stoĂen auf ein Hindernis: die Wirklichkeit.
gelesen von Martina Gedeck
Originaltitel: Le Ventre de l'Atlantique (2003)
Deutsche Erstveröffentlichung: 2004
Schauplatz: Senegal, Frankreich
Salie - das alter ego von Fatou Diome - hört selten von ihrem Bruder und ihrer Heimat. ZuverlĂ€ssig jedoch meldet sich FuĂball-Fan MadickĂ© immer nach den Spielen Italiens und lĂ€sst seine Schwester telefonisch die Spiele rekapitulieren; der einzige Fernseher in MadickĂ©s Dorf lĂ€uft nicht allzu verlĂ€sslich. Eines Tages rĂŒckt er mit seinem gröĂten Wunsch heraus: Er will zu seiner Schwester nach Frankreich kommen und FuĂball-Star werden. Salie aber ist vorsichtig geworden und rĂ€t ab. Ihr Leben lĂ€uft zwar in geordneten Bahnen und sie kann fĂŒr sich selber sorgen, aber sie kennt zu gut die Risiken und Fallstricke: Vom goldenen, erfĂŒllten Leben sind die meisten ihrer Landsleute in der Fremde weiter entfernt als der Senegal von Frankreich.
Die ErzĂ€hlung wechselt immer wieder die Perspektive: Salie erzĂ€hlt aus ihrer Kindheit und davon, wie sie mit Hilfe eines guten Lehrers Lesen und Schreiben gelernt hat. Sie erzĂ€hlt vom Schicksal ihrer Mutter ebenso wie von dem des Dorf-Lehrers, der als Zugereister trotz seiner Verdienste nie dazu gehören wird. Sie erzĂ€hlt immer wieder von anderen Auswanderern aus ihrem Dorf, deren TrĂ€ume in Frankreich gescheitert sind. Wer in Frankreich nicht zerbricht, dem passiert das im schlimmsten Fall da, wo er wieder zur Ruhe kommen möchte: Daheim. Die Idealbilder vom Ausland leben so perfekt in den Köpfen in Niodior, dass jeder RĂŒckkehrer nur Spott verdient - sofern er nicht clever genug ist, lieber von imaginĂ€ren Ruhmestaten zu erzĂ€hlen als von der harten RealitĂ€t, die ihn zur RĂŒckkehr gezwungen hat.
Was der einzige Fernseher im Dorf dazu beitrĂ€gt, erfĂ€hrt Salie auf sehr harsche Art, als sie ihrem Bruder von der Einreise abrĂ€t: Sie sei als Autorin im französischen Fernsehen interviewt worden und mĂŒsse folglich unfassbar reich geworden sein.
Bei Salie kommt allerdings keine der beiden Welten besser davon als die andere. Beide fordern ihren Tribut und kosten TrĂ€ume und WĂŒrde - von MĂ€nnern und Frauen gleichermaĂen, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Auswanderer fallen vom Regen in die Traufe: Als illegale ArbeitskrĂ€fte oder Handlanger fĂŒr die Drecksarbeit, solange, bis sie abgeschoben werden oder aber die Geduld verlieren und "freiwillig" wieder zurĂŒck kehren. Die Daheimgebliebenen opfern Kinder und Zufriedenheit, um sich an die rigiden Vorstellungen von korrektem Dorfleben anzupassen.
Salie schafft aber eines: Sie kann ihrem Bruder in der Tat ein Leben auf sichereren Beinen ermöglichen, wenn sie ihn dazu auch nicht nach Frankreich holen wird.
Was mir an der Umsetzung zum Hörbuch sehr gut gefallen hat, war zum einen die gelegentliche Einspielung von senegalesischer Musik. Zum anderen war es der Stil von Martina Gedeck: Sie lebt die Szenen richtiggehend mit und keucht mit den FuĂballspielern auf dem Platz, ist betrĂŒbt, wenn schöne PlĂ€ne scheitern oder enttĂ€uscht, wenn Salie von ihrem Bruder mal wieder nicht erfahren hat, wie es der Familie geht, sondern nur den Spielergebnissen auflegen musste. Das hat mir sehr imponiert und machte sicher viel am Gesamteindruck aus.
Sprachlich hat mir das Buch gut gefallen: Diome hat eine sehr blumige und reiche Sprache. Sie nutzt viele Vergleiche und erzĂ€hlt lebhaft und abwechslungsreich, wenn sie von den Menschen in ihrer Umgebung erzĂ€hlt. Im Kontrast dazu die FuĂball-Szenen - zwar eine perfekte Spielwiese fĂŒr die Leseart von Gedeck - die aber fĂŒr meinen Geschmack zu lang geraten waren. Sie zeugen von guter Beobachtungsgabe, erzĂ€hlen mir aber sonst nichts ĂŒber die Menschen, wegen denen ich das Hörbuch hören wollte.