Es bedeutete auch, dass ich Liz, wenn sie, wie es seit mehreren Tagen der Fall war, auf die Bücher
zurückgriff, um sich in Hinblick auf irgendwelche komplizierten Schriftsätze schlau zu machen,
normalerweise auf der obersten Stufe der Bibliotheksleiter hocken sehen konnte, wo sie in Büchern aus
dem obersten Fach blätterte, dem Fach, in das sämtliche juristischen Schriften abgeschoben worden waren.

Bemerkenswert verschachtelt übersetzter Satz, entdeckt in Donna Andrews - Böse Vögel lassen Federn

Das Buch

Stefán Máni - Das Schiff

ISBN-13: 978-3-55008-740-0

Über den Autor
• auf den Seiten von Bleisatz

Kurzbeschreibung / Klappentext

Tiefe Sturmwolken hängen über der Stadt, als die Per se den Hafen von Grundartangi verlässt. Kapitän, Steuermann, ein Koch und sechs weitere Männer gehen auf lange Fahrt nach Surinam. Jeder von ihnen hat etwas zu verbergen, alle sind Getriebene. Schon bald vergiften Feindeligkeiten und Drohungen die Atmosphäre. Gerüchte um eine bevorstehende Meuterei verdichten sich. Vor allem Jón Karl, genannt "Satan", sorgt für Unruhe. Auf dem Höhepunkt des Sturms bricht die Verbindung ab und der Schiffsmotor wird zerstört. War es Satan? Da entern Seeräuber das Schiff und zwingen die Männer, ein letztes Mal zusammenzustehen. Doch Surinam ist weit, es zu erreichen ist längst utopisch geworden.

Originaltitel: Skipið (2006)
Deutsche Erstveröffentlichung: 2009

Rezension

Im vertrauten Heim verabschiedet sich ein Seemann von seiner Familie, bevor er für Wochen auf See ist. Die junge Frau ist schwanger und bald soll auch der Sohn erfahren, dass er ein Geschwisterchen bekommt. So idyllisch das Buch beginnt, diese Szene ist so ziemlich die einzig friedliche im ganzen Buch. Bei der Vorstellung der Crew-Mitglieder öffnet sich im Anschluss das ganze Kaleidoskop einsamer, verzweifelter oder abgerutschter Menschen. Den einen plagen Spielschulden, weswegen er zur Rettung der Familie widerwillig zum Drogenschmuggler werden soll, ein anderer will stockbesoffen auf dem Schiff antreten, ein dritter erschlägt im Affekt seine Frau, einer will eine Meuterei anzetteln, weil Kündigungen drohen und der Kapitän sehnt sich nach einer normalen Ehe mit seiner verschlossenen Frau. Zu allem Überfluss gerät durch eine Verwechslung ein bekannter Krimineller mit an Bord, als das Schiff Per se bei stürmischem Wetter nach Surinam ausläuft.

Das kann nicht gut gehen! Diese Vorahnung begleitete mich das gesamte Buch über - und Maní bestätigte sie, wo immer möglich. Der Kriminelle Jón Karl, genannt Satan, kümmert sich nicht die Bohne um die Mitarbeit auf dem Schiff. Der aufgekommene Sturm scheint die ganze Fahrt über nicht aufzuhören und die ohnehin belasteten Männer geraten in dieser klaustrophobischen Atmosphäre unter enormen Druck. Das geht so weit, dass ein Crew-Mitlgied seine Ängste nicht mehr unter Kontrolle bekommt und das Schiff komplett von der Kommunikation nach außen trennt. An eine Reparatur ist bei dem bleibend hohen Wellengang jedoch nicht zu denken.

Maní lässt alles schiefgehen, was schiefgehen kann und braut die Suppe für eine umfassende Katastrophe zusammen. Dass Surinam nie erreicht wird, ist bei dieser Konstellation das einzig Sichere. Obwohl diese Vorahnungen von Beginn an bei der Lektüre dabei sind, bleibt die Atmosphäre immer beängstigend und dunkel. Gleichzeitig beschreibt Maní eindrucksvoll, welche kleinen, eigenen Geister die Besatzungsmitglieder mit sich herumschleppen. Keiner der Protagonisten wird zum Sympathieträger - wir Leser lassen sie sozusagen auch noch alleine. Satan beispielsweise erweist sich zwar als souveräner Gegner für die Piraten, versiebt sich seine Sympathien aber durch seine Vergangenheit, seine Faulheit und später nochmals durch eine völlig unüberlegte Aktion. Auch der Kapitän, dem man zwar eine Erneuerung seiner Ehe gönnen würde, hat durch sein Zögern die Asse verspielt.

Ein wenig irritiert haben mich Anspielungen auf den Cthulhu-Mythos von Lovecraft und anderen Autoren, weil er das Gefühl vermittelte, mit deren Kenntnis könne man das Buch noch besser oder anders verstehen. Dennoch: Auch ohne Cthulhu und trotz aller Finsternis war "Das Schiff" ein mitreißendes Buch, das noch einige Zeit nachwirkt - gerade auch durch die Konsequenz, alles in einer Katastrophe kumulieren zu lassen.

Meine Bewertung