Jirō Taniguchi - Gipfel der Götter 2

Kurzbeschreibung

Bei seinen Recherchen nach der Herkunft des rätselhaften alten Fotoapparats nähert Fukamachi Makoto sich immer mehr dem mysteriösen Habu Yoshi. Wer ist dieser eigensinnige Alpinist mit den legendären Erfolgen? Wie kam er an die Kamera, die wahrscheinlich dem am Everest verschollenen George Mallory gehörte? Und wer ist der alte Sherpa, der Habu nicht von der Seite weicht? Fukamachi erfährt von Habus Abstürzen am Berg, vom tragischen Ende der Rivalität mit dem weltberühmten Alpinisten Hase Tsuneo, und dass der unter Habus Führung verunglückte junge Kishi eine schöne Schwester namens Ryoko hat.


Rezension

Der Fotograf Fukamachi Makoto bleibt dem legendären Bergsteiger Habu Yoshi auf den Fersen. Vom ehemaligen Arbeitgeber Habus, Mizuno Osamu, erfährt er mehr über die Erstbegehung des Walkerpfeilers im Winter, die Habu noch vor seinem Konkurrenten Hase Tsuneo absolvieren wollte. Was damals in der Wand passierte, steht detailliert in Habus Tagebuch. Mizuno vermittelt den Kontakt zu dessen heutigem Besitzer: Es ist die Schwester Ryoko von Habus ehemaligem Seilkameraden Kishi, der bei einem gemeinsamen Aufstieg ums Leben kam. Ryoko zeigt Fukamachi die Aufzeichnungen von Habus erstem dramatischen Misserfolg in den Bergen: Am Walkerpfeiler überlebte Habu nach einem Sturz zwei Tage lang mit gebrochenem Arm und einem verletzten Bein in der Wand bei eisiger Kälte. Gerettet wurde er durch die Aufmerksamkeit ausgerechnet vom Team Hases, das die Wand minutiös studiert hatte - und infolge des Sturzes von Habu wird die Ehre der Erstdurchsteigung der Wand an Hase gehen.

Mit dem Verlagsmitarbeiter Miyakawa-san vereinbart Fukamachi die Arbeit an der Story um Mallorys Kamera: "Habu Yoshi und Mallorys Fotoapparat, das sind zwei Themen, die man einfach nicht ignorieren kann." Damit bekommt Fukamachi finanzielle Rückendeckung für eine weitere Tour nach Nepal, um die Kamera wiederzufinden. Miyakawa hofft auf eine Sensation, die den stagnierenden Markt des Bergwanderns und der zugehörigen Zeitschriften aufpäppelt. Bei den Recherchen zu Habus Werdegang erfährt Fukamachi endlich die Details zu der Everest-Expedition von 1985, bei der Habu zu einem der potenziellen Gipfelteams gehörte, den Gipfel aber nicht erreichte. Nach der Rückkehr von der Expedition verschwand Habu in Japan von der Bildfläche und keiner weiß, was er seither gemacht hat. Fukamachis Begegnung in Katmandu war die erste bekannte Begegnung mit ihm seit Jahren. Mit den Enthüllungen zur Expedition wird auch klar, warum Habus Abgang so endgültig ausfiel. Er ist ein Ausnahmebergsteiger, aber kein Mensch für taktische Entscheidungen, wie sie bei der Everest-Expedition nötig waren. Er ist kein Teamplayer und begegnet nur sehr wenig Menschen mit Kameradschaft. Bei Habu gelten nur die ganz direkten Methoden und er regelt am liebsten alles alleine. Hase, der eher zu Alternativen bereit ist, bekam 1995 im Gegensatz zu Habu seinen Gipfelerfolg und diese Schlappe sitzt bei Habu tief.

Im Gespräch mit dem Herausgeber von Hases Büchern erfährt Fukamachi, dass nicht nur Habu, sondern auch der sonst so zugängliche Hase in seinem Ehrgeiz zu weit gehen konnte. Er erfährt außerdem, wie Hase 1991 ums Leben kam. Motiviert vom Gipfelerfolg am Everest wollte er den K2 allein und ohne Sauerstoff in Angriff nehmen. Beim Aufstieg dorthin wurde er von einer Lawine verschüttet. Fukamachi überzeugt den Herausgeber davon, dass Hase einen bestimmten Auslöser für diese Besteigung gehabt haben musste und vermutet, dass sich Hase und Habu 1990 in Katmandu getroffen haben könnten. Ein Indiz für die Richtigkeit seiner Vermutung erhält Fukamachi von einem Kameramann, der 1990 mit Hase in Katmandu unterwegs war. Hase war dem bekannten Sherpa Ang Tshering begegnet, dessen Geschichte eng mit Habu Yoshi verknüpft ist und die beiden Männer düften infolgedessen nach wie vor eng miteinander befreundet sein. Wo Ang Tshering ist, ist Habu vermutlich nicht weit.

Miyakawa recherchiert die Geschichte von Rekorden, die an den Achttausendern errungen wurden. Dabei entwickelt sich eine interessante Diskussion darüber, welche Rekorde tatsächlich als solche gerechnet werden können. Miyakawa setzt Fukamachi präzise auseinander, dass unter Bergsteigern viele der Rekorde nicht gelten würden. Wenn sich zum Beispiel zwei Bergsteiger gemeinsam auf den Weg machen und erst unterwegs trennen, so dürfe der Gipfelerfolg des Einen streng genommen nicht als Alleinbegehung gewertet werden. Auch, wenn ein Bergsteiger gespurte Routen anderer Teams nutze, könne die Besteigung nicht als Alleingegehung gelten. Mit seiner Spitzfindigkeit zerpflückt Miyakawa die Liste und lässt am Ende nur mehr vier der Rekorde als echte Alleinbegehungen ohne Sauerstoff stehen. Anhand der Liste und dem Wissen darum, dass Habus Ziel es ist, grundsätzlich etwas komplett eigenes und einzigartiges erreichen zu wollen, entschlüsseln sie langsam aber sicher Habus mögliches Ziel: Eine Winterbegehung der Südwestflanke des Everest ohne Sauerstoff.

Die starken Bilder und die Detailliebe fesseln weiterhin. Habus Tagebuch wird passend dargestellt, mit zittrig geschrieben mit Fingern, die steif von der Kälte sind; die Texte in den Textfeldern wechseln passend dazu in Kursivschrift. Besonders eindrucksvoll werden die Bergszenen im ersten Drittel des Buchs, das sich komplett der Besteigung des Walkerpfeilers der Grandes Jorasses widmet. Habus Biwak in der Steilwand, die Kälte der Winterwinde, die Einsamkeit nach dem Sturz, die Halluziantionen ... die Dramatik dieser Besteigung ist packend geschildert und lässt die Verzweiflung Habus deutlich spüren.

Wie schon im Vorgängerband flicht die Geschichte reale Vorbilder und Bergsteiger ein. Dazu gehört unter anderem Reinhaold Messner, der 1980 eine Solo-Begehung des Everest ohne Sauerstoff gelang (da Messner über die Nordroute aufstieg, entfällt im Buch für Habu Yoshi eine Rekordbegehung über diese Strecke). Auch Hasegawa Tsuneo wird in variierter Gestalt wieder eine Rolle spielen. Zwar gelingt seinem literarischen alter ego Hase Tsuneo (im Gegensatz zur Realität) wohl aus dramaturgischen Gründen die Everest-Besteigung im Winter, aber Hase wird - ebenso wie Hasegawa - 1991 im Karakorum durch eine Lawine ums Leben kommen. Das ewige Fernduell der beiden Bergsteiger hat damit zwar ein Ende, aber Habus Stolz und Ehrgeiz werden ihn so lange antreiben, bis er einen eigenen Rekord erzielt hat. Das Buch endet damit, dass Fukamachi ein kleines Bergsteigertraining aufnimmt und sich auf eine weitere Tour nach Nepal vorbereitet.

Meine Bewertung

bibliografische Angaben

Verlag: Schreiber und Leser
ISBN: 978-3-93710-281-8
Originaltitel: Kamigami no itadaki, 神々の山嶺, かみがみのいただき
Erstveröffentlichung: 2000-2003
Deutsche Erstveröffentlichung: 2007
Schauplatz: Japan, Nepal

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