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Don Winslow – London Undercover

Don Winslow - London UndercoverAllie Chase, die minderjährige, rebellische Tochter eines prominenten Senators, ist in die Underground-Szene Londons abgetaucht. Neal hat nur wenige Tage Zeit, um Allie aus dieser Hölle voller Junkies, Drogendealer und Schläger zu befreien, damit sie pünktlich zum Wahlkampf aufgeräumt und strahlend an der Seite ihrer Eltern auftreten kann. Doch was der Untergrund aufzubieten hat, ist nichts gegen das, was Neal an der Oberfläche erwartet – falls er es dorthin zurückschafft.

Rezension

Neal Carey arbeitet für eine Organisation, die wohlhabenden Ostküstenfamilien mühselige Arbeiten abnimmt. Arbeiten der Sorte, bei der die Polizei besser außen vor bleibt. Diese Friends of the Family verwischen kleine Spuren, schaffen gröbere Hindernisse aus dem Weg und, wenn es sein muss, suchen sie auch verlorene Töchter für Präsidentschaftskandidaten.

Nötig ist das für Familie Chase, dessen drogensüchtige Tochter Allie nach London verschwunden ist. Während sich Mutter Liz ernsthaft Sorgen macht, braucht Vater John ein repräsentables Familienbild für seine politische Karriere. Allerdings ist Allie nicht zum ersten Mal verschwunden und Carey fragt sich außerdem, warum die Familie nicht schon früher auf die Idee gekommen ist. Denn auch, wenn die Unterlagen lückenhaft sind, hat die Family Allie offenbar schon öfter nach Hause geholt. Neal Carey ist nun an der Reihe.

Die Bank war die Familie Kitteredge und die Familie Kitteredge war die Bank.

Die Familiy, das ist die Bankiersfamilie Kitteredge. Diskret, konservativ und weitsichtig. Die eng verzahnten, sehr wohlhabenden und alteingesessenen Familien Neuenglands vertrauen der Bank seit ihrer Gründung im achtzehnten Jahrhundert. Kundenservice im Sinne dieser Verzahnung leisten die Friends. Für eben diese wurde Neal Carey, noch als frecher Rotzlöffel, zum verdeckten Ermittler ausgebildet. Einst beklaute er einen der Friends, Joe Graham. Jener war von dem gewitzten Straßenbürschchen so angetan, dass er ihn schulte und als Ziehsohn annahm. Raus aus der zweiköpfigen Familie mit der drogenabhängigen Mutter.

„Neal Carey könnte dir aufs Scheißhaus folgen und die Klorolle reichen“, erklärte der stolze Graham später Ed Levine, „du hättest keine Ahnung, dass er da ist.“

Der Bub zeigte sich ausgesprochen gelehrsam, dabei will er eigentlich Professor für englische Literatur werden. Seine Schwäche sind die englischen Literaten des 18. Jahrhunderts. Die Friends finanzieren ihm das gewünschte Studium an einem angesehenen Institut im Gegenzug für seine Einsätze.

Quasi Neal Carey als Eliza Doolittle — dieser Schachzug macht Carey zur sympathischen Figur. Dabei hat es durchaus mafiöse Züge, was da an Drähten gezogen wird. Ein Schwatz mit dem Richter und Ehen haben nie existiert. Ein Treffen mit Kleinkriminellen und sie treten nie wieder ihren Dienst an. Und auch Careys Studienzeiten, die wegen der Arbeit ausfallen und eigentlich eine Exmatrikulation nach sich ziehen würden, regelt die Family gütlich mit dem Rektor. Nicht zuletzt fischt Carey auf seiner Suche nach Allie nicht nur das Mädchen aus den Tiefen Londons, sondern auch aus trüber Tiefe die Gründe, warum Allie so ist wie sie ist. Die angesehenen Neuengland-Familien kehren sehr grob unter den Teppich. Einfach, weil sie es sich leisten können. Damit nicht zuviel Risiken auf einen Schlag aus London zurück kommen, leistet man sich auch, Careys Einsatz notfalls zu torpedieren.

Dieser Roman erschien schon einmal, seinerzeit unter dem Titel Ein kalter Hauch im Untergrund, also etwas näher am Original. Vielleicht bot es sich an, nachdem Winslow inzwischen zu einem Autor geworden ist, der in Deutschland sehr viel besser ankommt als noch vor zwanzig Jahren. Wann das Buch spielt, wird nie konkret erwähnt; es müssen wohl die frühen 1980er sein (am konkretesten wird Winslow in dieser Hinsicht mit IRA-Anschlägen). Technisch würde heute einiges anders laufen, aber die Grundstrukturen funktionieren damals wie heute. Gut, dass jemand den Staub vom Manuskript gepustet und eine neue Übersetzung organisiert hat. Und von Neal Carey zu lesen bestätigt so großartig, was man gerade tut:

Lesen war toll. Lesen war wunderbar. Wenn er las, war er nie einsam – ihm war nie kalt, er hatte keine Angst, er war nicht allein in der Wohnung.

Bibliografische Angaben

Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46580-6
Originaltitel: A Cool Breeze on the Underground
Erstveröffentlichung: 1991
Deutsche Erstveröffentlichung: 1997
Übersetzung: Conny Lösch

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