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Warum ich lese?

Auf den Spuren einer Leidenschaft

Warum ich lese? Es gibt ganz sicher einfachere Fragen als diese. Und das sage ich, obwohl ich viel lese, gerne lese, seit Langem lese und mich auch noch über das Lesen austausche. Aber auf der Suche nach dem Warum habe ich mich fast verzettelt, wegen Sandro Abbate, der in seinem Blog Novelero dieselbe Frage aufwarf und viel schneller Bescheid wusste.

Immerhin, lesen konnte ich früh. Ich bekam vorgelesen und wollte das auch selber können. Also lernte ich es und machte es, weil ich es konnte. Genau wie Laufen, Schwimmen und Radfahren. Es war eine Selbstverständlichkeit. Die Schule bot eine kleine Klassenbibliothek an, später stieg ich auf die Jugendbibliothek der Stadt um — ein großartiger Platz übrigens in einer opulenten Gründerzeitvilla, die ich wegen ihrer Pracht und der Nähe zur Schule sehr mochte.

Viele Zeitschriften und ein verkanntes Kinderbuch

Aus einem Leserhaushalt komme ich eigentlich nicht. An etwas Anderes als Fernsehzeitschriften, Strickhefte oder die Fachzeitschriften für den Vater erinnere ich mich kaum (auch die knöpfte ich mir übrigens vor, ohne von Beginn an allzu viel davon zu verstehen). Meine Eltern erlebte ich nie mit einem Buch in der Hand. Es gab wohl einige Bücher im Wohnzimmer, aber aktuelle Lektüren waren das alle nicht. Viel später erst stellte ich fest, dass es in angemessener Vorzeit offenbar eines dieser Abonnements gab, mit denen man quartalsweise vor die Wahl gestellt worden war, entweder ein Buch zu bestellen oder eines willkürlich zugeschickt zu bekommen. Ich erinnere mich daran, dass bei uns sogar ein Kinderbuch herumstand, meine Eltern aber keine Ahnung davon hatten, dass dieser Titel jemals etwas für mich hätte sein können. Es war ein Geschenk an meinen Vater, von irgend jemandem als Jux gedacht, und da mein Vater nicht las, wanderte der Jux unbesehen in den Schrank (und das mit Jim Knopf, der Ärmste).

Es gab allerdings eine Tante, die solche Büchermengen las, dass sie sich einen alten Kleiderschrank mit mehreren, extra verstärkten Einlegeböden zum Bücherschrank umbauen ließ. Ein Paradies! Da standen die Bücher in scheinbar zahllosen Reihen hintereinander und ich durfte aussuchen, was ich wollte. Schöner ging es kaum.

Nimmermüde Anziehungskraft

Mit diesen Erinnerungen komme ich der Frage nach dem Warum aber nicht näher. Mit anderen Erinnerungen allerdings genauso wenig: Mir fiel bei meinen Überlegungen auf, dass ich viele Hobbies im Lauf der Jahre aus verschiedenen Gründen unter- oder gar abgebrochen hatte. Badminton zum Beispiel oder Volleyball. Zwischendurch gab es dementsprechend auch Zeiten mit wenig Lektüren; während harter Prüfungsphasen (davon gab es glücklicherweise nur zwei) hatte ich so viele Fachbücher vor der Nase, dass ich andere Bücher lieber links liegen ließ. Viele Interessen kamen nicht wieder auf mein Radar. Nur mit dem Lesen lief das grundsätzlich anders. Was auch immer passierte, zu den Büchern riss der Kontakt nie ab. Kaum war die letzte Prüfung durchgestanden, hatte ich wieder ein Buch in der Hand.

Die merkwürdigen Schullektüren konnten an der Lust auf das Lesen nie rütteln, dafür hatte ich früh schon viel zu sehr meine eigenen Nischen entdeckt. Warum hatten Bücher mich so am Haken? Für eine solide Antwort fahndete ich nach Schlüsselerlebnissen, aber solche konnte ich in meiner Kindheit keine auftreiben. Der Hang zur Literatur grub sich vermutlich auf andere Art über die Jahre immer tiefer.

Die Expedition Lesen

Wusste ich früher irgendetwas nicht, wurde mir oft nichts erklärt, sondern ein Buch in die Hand gedrückt: Schlag es doch einfach nach. Gab es Erläuterungen, dann immer erst, wenn mein eigener Anlauf ergebnislos blieb. Bücher waren unterhaltsam, keine Frage, sie waren Zeitvertreib. Aber sie gaben auch Antworten. Und damit meine ich nicht nur die teils mehrbändigen Lexika, die bei uns herumstanden. Wie die Welt funktioniert, so verstand ich das jedenfalls, stand offenbar generell in Bücher und einen Unterschied zwischen Lexika und Belletristik machte ich damals nicht.

Da ich nun einmal neugierig auf andere Menschen, andere Sitten, andere Lebenswelten, andere Ideen und andere Länder war, suchte ich die Antworten dazu in den Büchern. Jochen Kienbaum benutzt dafür den Begriff der "Expedition" — so verstehe auch ich das Lesen für mich. Je nachdem, wo ich mich im Leben befand, veränderten sich meine Vorlieben und die wenigen Bücher, die ich mehrfach gelesen habe, veränderten sich in ihrem Eindruck auf mich. Ich lese anders als früher, lese andere Bücher als früher und will neue Eindrücke nicht missen. Diese Neugier will ich mir bewahren; ich glaube, ich würde mit ihr viel verlieren. Zu viel.

Bettina Schnerr, Mai 2016

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