Das ist ein hässliches Gebrechen, wenn Menschen wie die Bücher sprechen.
Doch reich und fruchtbar sind für jeden, die Bücher, die wie Menschen reden.

Oskar Blumenthal

Feuilleton

Februar ist Bokrea-Zeit

Schwedisches Literatur-Volksfest

Paradiesische Zustände: Einmal im Jahr fallen tausende Leseratten über die Buchhandlungen her, kaufen sich an Büchern satt und schleppen ihre erworbenen Schätze kiloweise durch den Schnee nach Hause. Möglich macht das Bokrea, der schwedische Bücherausverkauf im Februar.
So ein Bokrea beginnt mit einem wahren Schlachtplan bereits mehrere Tage zuvor: Einen Tag Urlaub beim Chef einreichen, vorab verteilte Kataloge nach interessanten Werken und Autoren abgrasen, ausreichend Tüten und Taschen bereit stellen, rechtzeitig Schließfächer für die Zwischeneinlagerung suchen und am Tag zuvor früh zu Bett gehen.

Bokrea selbst beginnt in der Regel nämlich um sechs Uhr morgens. Da stehen bereits zwei bis drei Dutzend Leseratten pro Buchhandlung vor der Tür, um die umfangreichen Stapel reduzierter Bücher zu dezimieren. Seit einigen Jahren öffnen manche Buchhandlungen bereits um Mitternacht ihre Pforten, ein Kaufhaus sorgt anlässlich des Bokrea für sechzehn Extrakassen und manche Verlage drucken extra Bokrea-Exemplare auf billigerem Papier.

Im Forum von Literaturschock verfolgen die User gespannt die Kommentare von Saltanah, einer Forenteilnehmerin, die seit einigen Jahren in Schweden lebt und die von einem Bokrea gerne mal mit 40-50 Büchern nach Hause zurückkehrt. Saltanah hat bei Bokrea immer Spaß: "Trotz der frühen Zeit, der Enge und des ewigen Anstehens ist die Stimmung gut, man spiezt in die Einkaufskörbe der anderen, macht sich gegenseitig auf besondere Schnäppchen aufmerksam oder lacht über ähnlich aussehende Einkaufslisten."

Eine ihrer Lieblingsbuchhandlungen, ohnehin schon eng und klein, wird im Februar noch enger, denn jeder Quadratzentimeter Platz wird bedingungslos den Bokrea-Stapeln gewidmet. Dafür ist das Einkaufserlebnis ein ganz Besonderes: "Bereits beim Hereinkommen steht man praktisch schon in der Kassenschlange. Die Schlange ringelt sich einmal durch den gesamten Laden und auf dem Weg zur Kasse sammelt man einfach alle interessante Bücher ein." Futterneid gibt es übrigens nicht, denn vergessene Bücher oder spontane Wünsche vermeldet man quer durch den Laden und wildfremde Büchersüchtige reichen das ersehnte Buch quer durch den Laden weiter.

Das Bokrea-Phänomen erhielt sich auch nach Aufhebung der Buchpreisbindung 1970 - und keiner möchte darauf verzichten. Wenn ein Verlag früher ein Buch aus dem Programm nehmen wollte, gab er den Titel für den Schlussverkauf frei, bevor die Restbestände auf dem Müll landeten.
Nach wie vor bleiben Bücher in Schweden ca. 3 Jahre im regulären Sortiment und sind danach in der Regel nur noch in Bibliotheken und Antiquariaten erhältlich. Dank Bokrea retten sich die lesefreudigen Schweden ihren persönlichen Lesestoff über die Jahre hinweg.

Neun Millionen Schweden kaufen übrigens doppelt so viele Bücher wie die Deutschen: Pro Kopf mehr als acht Stück pro Jahr. Saltanah hat dieses Jahr mit 43 gekauften Büchern ihren erklecklichen Beitrag dazu geleistet.

© Bettina Schnerr-Laube, Februar 2007
Quelle: Literaturschock-Forum ("tack" an Saltanah) und andere Webseiten