Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
Arabisches Sprichwort
Bücher aus China? Bleisatz geriet ins Grübeln, als das Gastland 2009 bekannt gegeben wurde. Was habe ich aus dem fernen, großen Reich im Bücherregal? Nahezu nichts, so mein erschütterndes Fazit. Außer den Abenteuern des Richters Di, geschrieben von einem Niederländer, und den schönen Fiktionen von Karl May in "Der blaurote Methusalem" findet sich nichts im heimischen Regal. Dabei beteuert die Direktion der Buchmesse, dass China ein reichhaltige Angebot zeitgenössischer Autoren habe, die in ihren Werken die aktuelle Dynamik des Landes wiederspiegelt und von denen gerade mal eine Handvoll übersetzt werde und so den Sprung nach Europa oder auf andere Kontinente schaffe.
Was schreiben die Veranstalter zum chinesischen Buchmarkt: Es gibt rund 570 staatliche Verlage und viele kleinere Verlage drängen auf einen expandierenden Buchmarkt. 2005 wurden rund 220.000 Titel produziert und im gleichen Jahr wurde von Regierungsseite ein Förderprogramm für Übersetzungen aus dem Chinesischen ins Leben gerufen, in dessen Rahmen bereits die Übersetzung von mehr als 200 Titeln gefördert wurde. Für deutsche Lizenzen gehört China seit Jahren zu den Spitzenabnehmern: 2005 wurden 555 Lizenzen in den chinesischen Raum verkauft, besonders begehrt sind Kinder- und Jugendbücher. International wurden im vergangenen Jahr laut China Book Review insgesamt 9.328 Lizenzen in die Volksrepublik vergeben. Diese Titel entwickeln sich im Land offensichtlich vielfach zu Topsellern.
Als Klassiker gelten z. B. "Der Traum der roten Kammer" oder "Kin Ping Meh oder die abenteuerliche Geschichte von Hsi Men und seinen sechs Frauen". Wer etwas weiter sucht, dem öffnet sich ein verblüffend weites Feld verschiedener Romane.
Da wäre zum Beispiel der in Frankreich lebende Nobelpreisträger Gao Xingjian (*1940), von dem "Die Angel meines Großvaters" stammen oder "Der Berg der Seele" und "Auf dem Meer". Auf deutsch erhältlich ist auch Hong Ying (*1962) mit "Die chinesische Geliebte" oder Mo Yan mit "Das rote Kornfeld". Von Lu Wenfu (*1928) bietet sich u.a. an "Der Gourmet: Leben und Leidenschaft eines chinesischen Feinschmeckers". Auch Adeline Yen Mah (*1937) sollte genannt werden mit "Fallende Blätter", das einen guten Einblick in eine chinesische Kindheit der 1940er Jahre bietet. Dai Sijie (*1954), der 1984 nach Paris emigrierte, schrieb eines der bekannteren zeitgenössichen Bücher: "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin", in der er seine eigenen Erfahrungen der "kulturellen Umerziehung" einarbeitet. Kultstatus in China wird Xu Xing (*1956) nachgesagt, der in Peking lebt. Sein Buch "Und alles, was bleibt, ist für dich" spielt übrigens u.a. in Deutschland. Abschließend in dieser Reihe soll noch Qian Zhongshu (1910-1999) genannt werden, der Werke westlicher Autoren übersetzte und der mit "Die umzingelte Festung" bekannt wurde.
Ich bin so frei und habe mich auch nach Büchern umgesehen, die zwar in China spielen, jedoch nicht von Chinesen geschrieben worden sind. Hoppla, auch da klingen viele Bücher sehr interessant. Allen voran Krimis, unter deren Autoren ganz direkt und ohne Übersetzungsprobleme ein Deutscher steht: Christopher West (*1954). Seine Hauptperson ist Kommissar Wang, der in Peking ermittelt; ein bisschen klassischer Krmimi, gemischt mit klaren aktuellen Bezügen. Weiter geht es mit dem Schotten Peter May (*1951), der sich guter Kontakte zur chinesischen Polizei erfreuen darf, aus denen er seine Inspirationen zieht. Am bekanntesten dürften die Krimis von Robert van Gulik (1910-1967) sein, der 15 Folgen rund um Richter Di geschrieben hat. Ein Renner in Frankreich sind die Bücher um die Konkubine Pfauenauge, die ein französischer Autor unter dem Pseudonym Taiping Shangdi schreibt. Und aus den USA kommen die Bücher von Eliot Pattison (*1971); er lässt seine Krimis in Tibet spielen.
Bei den Romanen sollte ich gleich als erstes Pearl S. Buck (1892-1973) nennen, die 1938 den Literaturnobelpreis erhielt "für ihre reichen und wahrhaft epischen Schilderungen des chinesischen Bauernlebens". Als Tochter eines Missionars verbrachte sie einen Teil ihrer Kindheit im Kaiserreich China. Sie studierte in den USA und arbeitete später als Professorin für englische Literatur im chinesischen Nanking. Ebenfalls aus den USA stammt Amy Tan (*1952), die ihre Romane rund um die Begegnung der traditionell chinesischen mit den amerikanischen Sitten ansiedelt. Mal einen Krimi, mal einen Roman kann man von der US- amerikanischen Autorin Lisa See (*1955) lesen, Tochter eines chinesischen Vaters.
Das Fazit meiner kleinen Recherchen: Es gibt viel zu entdecken!
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© Bettina Schnerr-Laube, November 2008