Glaub ja nicht, Leser, dass dieses Buch dich aus den Augen verliert.
unbekannt
Die Idee der Welthauptstadt des Buches wurde erstmals 2001 umgesetzt. Die UNESCO kannte bereits den World Book and Copyright Day, der seit seiner Initiierung 1996 immer gute Resonanzen hatte. Was lag also näher, als eine Stadt für ein Jahr ganz unter ein Literatur-Motto zu stellen?
Das Literaturjahr rechnet sich in diesem Fall von einem Weltbuchtag (jeweils der 23. April eines Jahres) bis zum nächsten.
Die erste Stadt, die sich mit dem Titel World Book Capital City schmücken durfte, war 2001 die spanische Hauptstadt Madrid. Inzwischen gibt es eine offizielle Resolution mit dem spröden Namen "31C/Resolution29", die die alljährliche Vergabe regelt - unter der Federführing der UNESCO, der International Publishers Associations (IPA-UIE), der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) und der International Booksellers Federation (IBF).
Eine Nominierung bringt der Stadt kein Preisgeld; die UNESCO will viel mehr ein Zeichen setzen: Sie zeichnet ein Kulturprogramm aus, das sich dem Lesen und den Büchern widmet. Dabei genügt es nicht, auf das übliche Programm zu verweisen, dass man ohnehin auf die Beine stellt, sondern gewüscht werden explizit besondere Anlässe, die speziell für das Jahr als Welthauptstadt organisiert werden - vom städtischen über das regionale bis hin zum nationalen Ereignis. Natürlich muss sich auch die komplette "book supply chain" im Programm wiederfinden. Will heißen, alle Beteiligten müssen sich wiederfinden, ob Autoren, Lektoren, Verlage, Bibliotheken, Buchhändler, Leser oder Journalisten. Und es wäre auch kein UNESCO-Programm, müsste sich der Bewerber nicht zudem verpflichten, dass die Bewerbung unter den maßgeblichen Richtlinien wie z.B. Meinungsfreiheit und Informationsfreiheit stattfindet.
In 2010 ist Ljubljana seit dem 23. April die Welthauptstadt des Buchs; die Slowenen setzen sich unter anderem gegen St. Petersburg, Wien und Lissabon durch. Die Stadt organisiert für ihr Hauptstadt-Jahr mehr als 200 Veranstaltungen. Dazu gehört unter anderem ein Festival unter dem Motto "Literaturen der Weltkontinente", an dem Autoren aller Kontinente teilnehmen werden. Zum Thema machen die Slowenen auch "Bücher als Motor der Entwicklung der Menschheit". Für eine Ausstellung haben sich Nachwuchsdesigner mit dem Motto "The Book in Fashion" auseinandergesetzt, es wird nachts gelesen, tagsüber gelesen und vorgelesen. Ein randvoller Kalender informiert über das umfangreiche Programm.
Am 23.4.2011 übergibt Ljubljana die Ehre, Welthauptstadt des Buches zu sein, an Buenos Aires. Die argentinische Hauptstadt wird ein Jahr lang ihre Literatur präsentieren, ein Jahr, nachdem sie übrigens Gastland der Buchmesse in Frankfurt war. Buenos Aires setzte sich unter anderem gegen das kubanische La Habana, Porto Novo im Benin, das iranische Tehran und die venezolanische Stadt Caracas durch.
Wer auf Buenos Aires für das Jahr 2012 folgt, wird die UNESCO voraussichtlich noch in diesem Juni bekanntgeben. Sicher ist nur, dass es keine Stadt aus dem Kulturkreis "Latin America and the Caribbean region" wird, da der Titel in aufeinanderfolgenden Jahren nicht in dieselbe Region vergeben wird. Beworben haben sich zum Beispiel die litauischen Städte Vilnius und Kaunas, die das Jahr gemeinsam gestalten wollen. Doch es wird eng, nachdem sich die Verleger des Landes nicht an der Bewerbung beteiligen wollten. Bessere Chancen hätten - sofern man sich in Litauen nicht einig geworden ist - die armenische Hauptstadt Yerevan oder das britische Bristol. Ich bin gespannt auf das Ergebnis...
© Bettina Schnerr-Laube, Juni 2010