Weder Tapeten noch Bilder verleihen einer Wand soviel Lebendigkeit
wie ein Bücherregal.

in: Wohnen & Garten November 2008, in einer Bildunterschrift

Feuilleton

Leseland Argentinien

Über das Gastland der Buchmesse 2010 - eine kleine Vorschau

• Seite 1: Der argentinische Buchmarkt / Lesetipps und Rezensionen / Modernes Argentinien
Seite 2: Der Klassiker / Schatten der Vergangenheit / Aus fremder Perspektive

Ehrengast der diesjährigen Buchmesse Frankfurt ist Argentinien unter dem Motto cultura in movimento. Die Regierung des Landes betrachtet die Teilnahme an der Messe als Veranstaltung nationalen Interesses und hat im Bereich des Ministeriums für Auslandsbeziehungen, Außenhandel und Kultur ein namhaft besetztes Organisationskomitee gegründet, in dem unter anderem der Chef des Ministerkabinetts sitzt, das Kultursekretariat der Nation, das Sekretariat für Medien, die Argentinische Buchkammer und der Argentinische Schriftstellerverein.

Die Entwicklung der Verlage wird von der Buchmesse Frankfurt so beschrieben:
Die wichtigste Entwicklung hat zwischen 1936 und 1959 stattgefunden, als Argentinien den Binnenmarkt vollständig beherrscht hat und seinen Augenblick größter Bedeutung als internationaler Buchproduzent erlangt hat. Die Exporte erlebten ihren Höhenpunkt 1947 mit über 24 Mio. Büchern und 1953 wurden 50,9 Mio. Bücher produziert.

Einen Rückschlag erlebte die Industrie verständlicherweise während der Militärdiktatur in den 1970er Jahren, als die Produktion auf 17 Mio. Bücher zurückging und auch viele Autoren das Land verließen. Erst Anfang der 1990er Jahre wurde die "magische Grenze" von 50 Mio. Büchern pro Jahr wieder geknackt. Inzwischen erscheinen mehrere tausend Neuerscheinungen pro Jahr und auch die 50-Mio.-Marke hat das Land hinter sich gelassen. Der Großteil der Verlage hat seinen Sitz in der Stadt Buenos Aires, aber bedeutende Verlagshäuser finden sich auch im Landesinneren, in Córdoba, Rosario oder Santa Fe. Argentinien ist nach wie vor ein Land des klassischen Einkaufs: Internet Fehlanzeige, zwei Drittel der Bücher wandern über einen Ladentisch. Große Buchhandelsketten gibt es noch nicht allzu lange und sie machen derzeit ungefähr 25% der Verkäufe.

Lesetipps und Rezensionen

Auf der Suche nach Argentiniern im eigenen Bücherregal gab es dämmrige Erinnerungen an José Pablo Feinmann, den ich allerdings nicht mehr besitze, sowie Pablo de Santis, von dem gerade das zweite Buch seinen Weg zu mir gefunden hat. Völlige Ebbe herrscht also nicht, aber deutlicher Nachholbedarf. Wer ebenso nach Neuem sucht, der wird von vielen Verlagen unterstützt, denn argentinische Autoren sorgen in diesem Jahr für viele Neuerscheinungen und teilweise gibt es sogar "Argentinien-Serien".

Denoch: Allzu üppig fällt das Sortiment nicht aus. Viele Titel sind recherchierbar, aber vergriffen. Ein Manko, das auch die Bonner Informationsstelle Lateinamerika e.V. ausmacht. Die bezeichnet sich selbst sogar als darüber "schockiert" und findet, dass ausgerechnet die Liste der vergriffenen, wenn überhaupt nur noch antiquarisch lieferbaren Titel sich lese wie ein Who is Who der argentinischen Literatur. Ganz leer bleibt das Regal jedoch glücklicherweise nicht. Die argentinische Regierung hat eine größere Summe bereit gestellt, um die Übersetzung von mehr als 290 Werken argentinischer Literatur zu fördern. Darunter etwa 60 Titel, die erstmals auf Deutsch erhältlich sein werden.

Modernes Argentinien

Unter den zeitgenössischen Autoren gibt es eine ganze Reihe interessanter Namen. Dazu gehört der schon genannte Pablo de Santis (*1963), der für "kafkaeske Begebenheiten" und bizarre Komik gerühmt wird. De Santis schreibt Krimis sowie Kinder- und Jugendbücher, viel Übersetztes findet sich in deutschen Buchhandlungen allerdings nicht. Amazon listet im Januar 2010 fünf deutsche Titel, darunter "Die Übersetzung" und "Die sechste Laterne".
Claudia Piñeiro (*1960) ist laut Unionsverlag ein Shootingstar unter den argentinischen Autoren. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete sie als Journalistin, schrieb sie Theaterstücke, führte für das Fernsehen Regie und landete mit dem Debutroman "Ganz die Deine" in der Endauswahl des Preises Premio Planeta, für ihren zweiten Roman erhielt die den Preis Premio Clarin. Der zweite auf deutsch erhältliche Titel ist "Elena weiß Bescheid" und im Sommer erschien Nummer 3, "Die Donnerstags-Witwen", die 2009 bereits für das Kino verfilmt wurde.

Martin Caparros (*1957) wiederum geht es in "Valfierno" um einen genialen Kunstdieb. Der studierte Mathematiker unter den argentinischen Autoren ist Guillermo Martínez (*1962). Wie Piñeiro landete er mit seinem Erstling auf der Auswahlliste des Premio Planeta und "Die Pythagoras-Morde" gewann 2003; inzwischen wurde der Roman verfilmt. Sein aktuellster Titel im Buchhandel ist "Roderers Eröffnung".

Hoch her geht es in "Brennender Zaster" von Ricardo Piglia (*1941). Pate für die furiose Geschichte stand die Realität: Im September 1965 wurde in Buenos Aires auf offener Strasse ein Geldtransport überfallen; es gab zahlreiche Tote und mindestens ein Lokalpolitiker war als Auftraggeber darin verwickelt. Obgleich Juan José Saer (1937-2005), Sohn syrischer Einwanderer, zahlreiche Bücher veröffentlicht hat, habe ich nicht mehr als drei deutsche Titel entdeckt. "Die Gelegenheit" wird 2010 vom Verlag Klaus Wagenbach in einer Argentinien-Edition neu verlegt - ein Buch, das 1988 sowohl in Argentinien als auch Frankreich ausgezeichnet wurde; "Ermittlungen" und "Der Vorfahre" kann man antiquarisch besorgen.

Nachdem Sergio Olguín 2006 "Die Traummannschaft" dank Suhrkamp in Deutschland auflaufen ließ, verfolgt 2010 der Folgeroman "Springfield", was aus den Jugendlichen von damals geworden ist, die in diesem Roman im Mittleren Westen der USA unterwegs sind.

Wer sich gerne mit einem Querschnitt durch die junge argentinische Literatur befassen möchte, dem sei eine Anthologie ans Herz gelegt: "Asado verbal". Herausgegeben von Rike Bolte und Timo Berger präsentiert es Erzählungen junger Autoren jeweils als deutsche Erstveröffentlichung.
Mit einem guten Potpourri wartet auch der Kulturkompass fürs Handgepäck auf, "Reise nach Argentinien" aus dem Unionsverlag. Herausgeberin Eva Karnofski lässt erzählen von der Liebe zum Fußball, von Mate und riesigen Fleischportionen und freilich auch vom Tango und vom geordneten Chaos, das im Land gepflegt wird.

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Der Bundestag (Congreso), reflektiert in einem benachbarten Gebäude.