Weder Tapeten noch Bilder verleihen einer Wand soviel Lebendigkeit
wie ein Bücherregal.
in: Wohnen & Garten November 2008, in einer Bildunterschrift
• Seite 1: Der isländische Buchmarkt / Lesetipps und Rezensionen / Eigenwillige Charaktere
• Seite 2: Nordische Mordlust / Das ganz normale Leben
Anno 2011 lädt Island als Ehrengast zur diesjährigen Buchmesse; ein kleines Land im hohen Norden, dass allerdings ein bücherverrücktes Lesepublikum sein eigen nennt wie kaum ein anderes Land dieser Welt. Sagenhaftes Island, so das Motto 2011, darf sich also nicht nur auf den reichen Geschichtenschatz der Isländer beziehen, sondern auch auf die sagenhafte Begeisterung, die die 318.000 Isländer der Literatur entgegen bringen.
Die Website zum Ehrengastprojekt schreibt stolz: "Jedes Jahr erscheinen in Island ungefähr 1500 Buchtitel." Eine unglaubliche Zahl, wenn man sich nochmals die Einwohnerzahl des Landes vor Augen führt. Trotz der geringen Größe existieren im Land listet die Seite üer 40 Verlage und die NZZ erzählt von 400 Mitgliedern im Schriftstellerverband, von denen 70 von ihrem Schreiben leben können. Pro Jahr werden je Einwohner durchschnittlich acht Bücher verkauft - und bei den Einwohnern sind zum Beispiel die noch nicht lesefähigen Kinder mit eingerechnet. Verkauft werden die Bücher nicht nur in Buchhandlungen; bei einem Besuch auf der Insel habe ich Bücher (und deren Übersetzungen in verschiedene Sprachen) auch in fast jedem Souvenirladen entdeckt, wo sich die Menschen offensichtlich ebenfalls damit eindecken.
Diese muntere Begeisterung schwappte auch auf die Verleger über: Mehr als 200 isländische Titel werden von deutschsprachigen Verlagen auf der Messe präsentiert und damit liefert Island mehr ins Deutsche übersetzte Titel als jedes andere Gastland jemals zuvor.
Diese Begeisterung lebt in einem Land, das über Jahrhunderte hinweg eines der ärmsten Länder Europas war. Das kulturelle Angebot hielt sich in Grenzen, doch Geschichten und Erzählungen gab es im Überfluss. Aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammen die bekannten Sagas, die bis heute von den Isländern gelesen werden können, weil sich die Sprache seither wenig verändert hat. Im Frankfurter Fischer Verlag ist 2011 eine mehrbändige Neuübersetzung der Sagas erschienen.
Eine zweite Hochzeit erlebte die Literatur in 19. und 20. Jahrhundert. Deren Krönung war die Verleihung des Noelpreises für Literatur an Halldór Laxness (1902-1998).
Angesichts der Fülle an Neuerscheinungen und der bereits erschienenen Titel lebt es sich als Island-interessierte Leseratte wie im Schlaraffenland. Die oben erwähnte Saga-Sammlung enthält bereits über 60 Sagas und von den zahlreichen Werken von Laxness wurden einige vom Steidl Verlag in den vergangenen Jahren neu übersetzt herausgegeben, einige davon unter Mitarbeit des Autoren selber. Zu den lesenswerten Büchern zählen zum Beispiel "Die Islandglocke" (1943-1946), "Salka Valka" (1931/1932) oder "Atomstation" (1948).
Wer erst einmal Land und Leute kennen lernen möchte, beginnt vielleicht mit "Reykjavik", mit dem Autor Pétur Gunnarsson (*1947) seine Heimatstadt vorstellt. Gunnarsson arbeitet unter anderem als Übersetzer und hat Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" Isländische übersetzt. Dass "Alles ganz isi" ist, erzählt Alva Gehrmann (*1973); der Alltag auf der einsamen Insel im Nordatlantik ist nach ihrer Charakterisierung alles, nur nicht langweilig. Alternativ steht mit "Reise nach Island" ein so genannter Kulturkompass fürs Handgepäck (eine Serie des Unionsverlags) der Herausgeberin Sabine Barth zur Verfügung.
Langweilig wird es in der Literatur selten. Oft prägen skurrile Persönlichkeiten das Geschehen; kein Zweifel daran lässt der Buchtitel "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen" von Hallgrímur Helgason (*1959). Seine Story über einen Killer, der sich mit der Identität eines Predigers aus den Fängen des FBI rettet, wird zu einer irrwitzigen Tour durch Island. Nur ein wenig ungewöhnlicher ist sein aktueller Titel "Ene Frau bei 1000°", in dem eine 80-jährige sich im Internet surfend auf ihre Einäscherung vorbereitet.
Eher gespenstisch geht es bei Stefán Máni (*1970) zu, der in seinem Roman "Das Schiff" die Per se zu einer alptraumhaften Fahrt starten lässt. Máni hatte bereits einige Bücher veröffentlicht, als mit "Das Schiff" sein erster Roman auf Deutsch erschien.
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Foto: © Bettina Schnerr-Laube
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