Kurzkrimis aus Tokyo und London

Zwei schöne Ebooks für Zwischendurch

Jüngst sind zwei Kurzkrimis als Ebooks erschienen, die zwei interessante, bestehende Serien ergänzen. Beide sind so schön kurz, dass sie faktisch auf einer Busfahrt gelesen werden können (für eine Bahnfahrt muss etwas längeres her). Beide sind obendrein kostenfrei und beide lohnen auf ihre Art: Der eine ganz in alter Tradition, der andere verkürzt das Warten auf den zweiten Band.

Die drei Königinnen

Der erste Kurzkrimi stammt von Anthony Horowitz und wurde zeitgleich mit dem zweiten Band der neuen Sherlock Holmes'schen Abenteuer veröffentlicht. Während die Geschichte in England Teil des zweiten Bandes ist, entschied sich der deutsche Insel Verlag dazu, die Geschichte als separates Ebook zu gestalten. Hierzulande ist die Geschichte damit unabhängig von eben diesem zweiten Buch, "Der Fall Moriarty" (engl.: The Three Monarchs). Auf die Idee zu diesem Krimi brachte Horowitz Sir Arthur Conan Doyle selbst, wie der Verlag schreibt: Denn auch die originalen Kriminalfälle waren kurze Geschichten, die zunächst in der Zeitung, später in Sammelbänden veröffentlicht wurden. Horowitz hat mit den "drei Königinnen" diese Tradition wieder aufgegriffen.

Dieser Schachzug macht die Geschichte zu einem sehr guten Nachfolger. Dass Horowitz alleine mit seinem Schreibstil packende Holmes-Literatur schreiben kann, hatte er mit "Das Geheimnis des weissen Bandes" ja schon gezeigt. Dass es ihm auch gelingt, Spannung auf der Kurzstrecke zu erzeugen, beweist er hier. Der Fall wird von dem ratlosen Inspektor Athelney Jones an Holmes herangetragen. Jones kommt der Todesfall eines Einbrechers zu Recht merkwürdig vor, aber was genau nicht stimmt, vermag er nicht zu sagen. Holmes jedoch kommt dem Täter nach einer Ortsbegehung zügig auf die Schliche. Der hatte mit einer ausreichend verwirrten Polizei gerechnet, aber nicht damit, dass diese Sherlock Holmes kontaktieren würde.

Damit ist die erste Hälfte des Ebooks gefüllt; die zweite Hälfte besetzt eine Leseprobe aus "Der Fall Moriarty". Da es sich um die Kapitel 5 und 6 handelt, sehe ich von einer Lektüre ab, weil ich das Buch später noch lesen will. Ich fände es jetzt sehr merkwürdig, Wissen zu sammeln, das ich laut Horowitz beim Kauf des Buches noch gar nicht haben dürfte. Zwar nehme ich an, dass sich im Buch zunächst Watson über die Umstände äußert, unter denen der Fall an sie herangetragen wurde und dass das nicht das größte Zugpferd für eine Leseprobe ist. Trotzdem möchte ich keinesfalls auf Watsons Meinung verzichten, bevor es ans Eingemachte geht.

Bescherung in Kabukicho

Mit seinem Weihnachtskrimi dreht Andreas Neuenkirchen das Rad der Geschichte zurück und erzählt ein bisschen von Yuka Satos Arbeit, bevor sie in "Yoyogi Park" ermitteln wird: Inspector Sato arbeitet auf dem Revier von Shinjuku und kümmert sich um Verbrechen gegen die Sittlichkeit. Ihr Brennpunkt ist das große Rotlichtviertel Tokyos, Kabukicho. Am Ende der Kurzgeschichte wird ihr "die Flause in den Kopf" gesetzt, an einen Wechsel zu denken. In der Abteilung Gewaltverbrechen, am Hauptsitz der Tokyo Metropolitan Police in Kasumigaseki, sei eine Stelle frei, heißt es. Den Wechsel hat sie daraufhin offensichtlich vollzogen und den jungen Kollegen Shun Nakashima, den sie in diesem Kurzkrimi kennen lernt, als Mitarbeiter zugeteilt bekommen.

Der Fall selber ist schnell erzählt mit einem versteckten Clou: Ein Informant findet eine pfiffige, wenn naturgemäß auch leicht riskante Methode, der Polizei wichtige Informationen zukommen zu lassen. Die Bescherung erzählt ein bisschen mehr zu Satos Vorgeschichte (und teilt nebenbei einen Seitenhieb auf die chauvinistische Haltung einiger Männer zu Frauen im Polizeidienst aus). Bei Neuenkirchen sind im letzten Buchdrittel gleich zwei Leseproben dabei, dafür sehr kurze. Die erste ist aus dem ersten Krimi der Yuka Sato-Serie, "Yoyogi Park", gefolgt von der zweiten Leseprobe aus "Roppongi Ripper". Der zweite Fall wird voraussichtlich im März 2015 erscheinen.

Sehr witzig gemacht ist das Cover, komplett ein Zitat des ersten Krimis: Der mit Blut bespritze Origami-Kranich (ausgerechnet: ein Symbol für Glück und Langlebigkeit) taucht wieder auf, dieses Mal mit Nikolausmütze. Und der runde Button, der im Titel der Länderkrimis üblicherweise den Schauplatz ankündigt, mutiert zur Christbaumkugel. Kurzweilige Unterhaltung, perfekt für einen Bustrip.

Bettina Schnerr, November 2014

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