Jahresrückblick 2015

buchsaiten blogparade no. 7

Der Jahresrückblick von buchsaiten gehört inzwischen zur schönen Tradition. Auch dieses Jahr auf's Neue wieder, um das Lesejahr 2015 zu verabschieden und das Lesejahr 2016 zu begrüßen. Obgleich es immer dieselben fünf Fragen sind, ist es jedes Jahr ein erquickender Anlass, die vergangene Lektüre Revue passieren zu lassen.

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?

Mit wirklich wenig Erwartungen gehe ich in der Regel nicht an ein Buch. Ich schaue vorab schon ziemlich genau hin und weiß mindestens immer, was ich GAR NICHT lesen möchte. Die Formulierung "wenig versprochen" passt also nur mal eben gerade so. Die folgenden Bücher sind welche, die mich überrascht haben, weil sie weitaus mehr geleistet haben, als ich erwartet hatte:

Fangen wir an mit Kein Leben ohne Minibar von Will Wiles. Darin stecken so viele Anspielungen auf Mathematik, dass ich erst hinterher so richtig bemerkt hatte, wieviele Referenzen und Verweise es sind (und ich konnte vermutlich nicht einmal alle entdecken). Auf Wikipedia hangelte ich mich zuerst mit offensichtlicheren Begriffen von einem Link zum nächsten, später Stichwörter auf gut Glück eingegeben und gemerkt, dass auch sie Hinweise zu Mathematikern und Theorien sind. Das beeindruckte mich ziemlich und das Buch erhielt rückblickend an einigen Stellen noch einen ganz neuen Aspekt.

Eine sehr gute Aufweitung erfuhr auch Der Eismann von Silja Ukena. Was die Ankündigung nicht verraten hatte: Der Krimi thematisiert die Aufarbeitung von Stasi-Vergangenheiten und den Aktenkilometern in den Archiven sowie die Seilschaften, die noch jahrelang nachwirken.

Dritter im Bunde ist Boarding Time von Peter Hänni. Das ist ein hervorragend geschriebener Krimi, in seiner Kürze so, so gut auf das Wichtige kondensiert. Damals hatte ich getwittert: "Wenn er das Ende jetzt noch so gut hinbringt wie den Rest des Buches, wird Boarding Time mein nächster Geheimtipp." Genau so kam es noch und Hänni lieferte sogar einen perfekten letzten Satz ab. Kriegt auch nicht jeder hin.

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?

Zwei Titel sind mir dazu recht schnell eingefallen, zumal ich sie zunächst begeistert auf meinen Merkzettel für 2015 geschrieben hatte. Dummerweise hatte ich mir damit im Vorschau-Bilderbuch zwei Luschen eingefangen.

Das ist zum Einen Sehr geehrter Herr M. von Herman Koch. Von ihm kannte ich bereits Angerichtet, das ich unglaublich gut geschrieben und entwickelt fand. Vom nachfolgenden Titel erwartete ich instinktiv ebenfalls einen starken Auftritt. Der kam aber nicht; insgesamt fand ich das Buch unglaublich müde.

Zum Anderen ist das Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek von David Whitehouse. Klingt ja schon verlockend für einen Büchermenschen, wenn in einem Roman viele Bücher eine Rolle spielen. Aber sie sind eben keine Garantie für einen guten Plot und eine gute Erzählung. Einen Bücherbus in einen Roman einzubauen, reißt halt nichts raus, wenn der Rest nicht stimmt. Und nur wegen eines Bücherbusses als Schauplatz lohnt ein Buch noch lange nicht.

Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Ich hatte im letzten Jahr schon einen Japaner an dieser Stelle genannt: Keigo Higashino. Dieses Jahr wird es wieder einer: Fuminori Nakamura. Von ihm ist Der Dieb bei Diogenes erschienen und das war auf alle Fälle ein Highlight. Knappe, präzise Sprache, der Plot auf das Wesentliche beschränkt, eine Handlung, die nachdenklich macht und kluge Fragen zu Schicksal und Zufall aufwirft.

Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?

Wie üblich gibt es kein einzelnes Cover, das in irgendeiner Form heraussticht, daher stelle ich eine kleine Galerie vor. Die beiden letzten Cover verbargen zwar keine besonders dollen Bücher (das sei an dieser Stelle warnend ausgesprochen), aber die Cover waren trotzdem gut.


Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2015 lesen und warum?

Viel Vorplanung gibt es derzeit nicht. Aber das Bisschen, das es gibt, stürzt sich mit Jubel und besonders lautstark auf Keigo Higashino. Vermutlich langweile ich den einen oder anderen schon damit, weil ich diesen Autoren wirklich jedem unter die Nase reibe, der nach empfehlenswerten japanischen Autoren fragt. Auch übrigens den Japanern, die ich kenne.

Von Higashino erscheint 2016 der vierte Titel auf Deutsch: Ich habe ihn getötet, bei Klett-Cotta. Kommissar Kaga wird vor dem Rätsel stehen, dass gleich drei Personen gestehen, ein und denselben Menschen getötet zu haben. Den Tod des Drehbuchautors Makoto wollen sein Manager, der Bruder von Makotos Braut und seine Lektorin verantworten. Wie beim Mord im Orientexpress wird es gewiss nicht ausgehen und Higashino wird daraus sicher ein raffiniertes Rätsel stricken, das mich bis zur letzten Seite wieder nicht loslassen wird. Ich habe bereits herausgefunden, dass der Titel im Original genau so heißt, wie er ins Deutsche übertragen wurde. Solche Details finde ich immer gut, weil so manch eine Übersetzung andere Schwerpunkte setzt als die Originalausgabe (das muss prinzipell nichts Schlimmes sein, aber es fällt mir eben auf).

Bettina Schnerr, Dezember 2015

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