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James Grippando – Vor der Wahrheit

James Grippando - Vor der Wahrheit (Jack Swyteck #12)Strafverteidiger Jack Swyteck ist in Florida bekannt als Experte für die schwierigsten Fälle aus dem Todestrakt. Auch Dylan Reeves ist einer von ihnen: eine Siebzehnjährige wird vermisst, und ihre letzten Spuren finden sich in Reeves’ Auto. Doch dann wird Swyteck von der Mutter der Vermissten kontaktiert, die behauptet, ihre Tochter habe sie angerufen. Jack bleiben nun dreißig Tage, um die Vollstreckung des Todesurteils zu verhindern.

Rezension

Vor rund zehn Jahren arbeitete Jack Swyteck für das Freedom Insitute, eine Gruppe von Anwälten, die sich aus Idealismus auf Revisionen der Todesstrafe spezialisiert hatte. Inzwischen ist er erfolgreich mit anderen Aufträgen selbständig, kehrt aber als Mieter in das alte Haus zurück. Dank Swytecks Miete kann das Institute ein paar seiner laufenden Kosten zahlen. Kaum eingetroffen, hängt er in einem Fall wie früher. Allerdings mit einer ungewöhnlichen Auftraggeberin, nämlich der Mutter eines Opfers.

Debra Burgette bittet Swyteck, das Todesurteil des Verurteilten Dylan Reeves aufzuheben. Ihre Argumentation: Ihre Tochter Sashi lebe noch, rufe ein Mal jährlich an, folglich könne Reeves nicht wegen Mordes verurteilt werden. Außer Debra glaubt niemand daran, dass Sashi wirklich noch leben könnte und eine Neuafnahme des Verfahrens ist mangels neuer Beweise nicht drin. Swyteck informiert sich und konstruiert einen juristischen Hebel dank einger Fehler im damaligen Verfahren. Stimmt Debras Einschätzung, könnte er Reeves zwar nicht aus dem Gefängnis holen, jedoch sein Leben retten. Je mehr er sich mit dem Fall befasst, umso weiter entfernt er sich von jener Realität, die man damals beim Prozess gegen Reeves noch für bare Münze genommen hatte.

Gibt es irgendjemanden in diesem Gerichtssaal, der die Wahrheit sagt?

Was man damals aus Rücksicht gegenüber den Eltern kaum vor Gericht breit getreten hatte, scheint inzwischen den Weg zur eigentlichen Lösung des Falls zu bereiten: Sashi litt schwer unter RAD (Reactive Attachment Disorder), einer reaktiven Beziehungsstörung. Sie kollidierte regelmäßig mit Schulen oder Kursleitern und machte der Familie das Leben schwer. Möglicherweise war der Slip in Reeves‘ Auto ein aus falscher Rücksicht falsch bewerteter Beweis.

Zugleich bewegt sich Jack Swyteck mit seinem habeas corpus-Antrag in recht engen juristischen Bahnen und er kann nicht beliebig Zeugen oder Beweise herbeischaffen; was er tut, muss zum Antrag passen. Während Ermittlungen in alle Richtungen erfolgen können, muss Swyteck eine gezielte Strategie aufbauen und hoffen, dass sie zum Ziel führt. Was vom Antrag abweicht, könnte ihm vor Gericht um die Ohren fliegen: „Einspruch“. „Einspruch stattgegeben“.

Grippandos zwölfter Band um James Swyteck verbindet gekonnt einen Kriminalfall mit den streng reglementierten Verfahren vor Gericht. Grippando war selbst Strafverteidiger, bevor er Buchautor wurde. Er kann das Geschehen vor Gericht also nicht nur flüssig schreiben, er weiß auch, wo er dem Leser die Taktiken, rechtlichen Grundlagen oder Denkmuster der Juristen erklären muss. In diesem Buch gibt es keine Sätze wie: „Er hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben.“ Die Anwälte hier sind Schnelldenker und auf Zack.

Die eiserne Regel lautete, im Kreuzverhör niemals eine Frage zu stellen, deren Antwort man nicht bereits kannte. Wissen und Vorbereitung waren das Kontrollinstrument eines Strafverteidigers, wenn er es mit einem Zeugen der Gegenseite zu tun hatte.

Was bei „Vor der Wahrheit“ bestens in die Spannung hineinspielt, ist die Art, Kapitel aufzubauen. Grippando schreibt recht kurze Kapitel, jedes Mal wechselt der Protagonist. Und jedes Mal steckt er einen Brocken Information dazu. „Leere“ Kapitel mit zum Beispiel netten Privatabenden gehören an keiner Stelle dazu. Das fordert geradezu zum Lesen heraus, man will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und das bei jedem einzelnen Handlungsstrang. Denn Grippando versteht es, so ziemlich jeden in Zweifel zu ziehen, der mit Sashi Burgette zu tun hatte. Am Ende löst er seinen Auftrag von Debra Burgette so, wie es Richter Frederick geraten hatte:

„Aus juristischer Sicht jedoch ist das einzige Argument, das Ihnen bleibt, das jemand anders als Dylan Reeves der Mörder von Sashi Burgette ist.“

Bibliografische Angaben

Verlag: Harper Collins
ISBN: 978-3-95967-642-7
Originaltitel: Gone again
Erstveröffentlichung: 2016
Deutsche Erstveröffentlichung: 2017
Übersetzung: Marco Mewes
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