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Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen; Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen

„Man muss täglich lesen“ – Unterwegs in der Stiftsbibliothek St. Gallen

Wer unterwegs ist in der Ostschweiz, sollte auf alle Fälle einen Abstecher in die Stiftsbibliothek St. Gallen machen. Sie zählt zu den schönsten Bibliotheksbauten der Welt und die gesamte Anlage der ehemaligen Fürstabtei ist seit 1983 gar UNESCO-Weltkulturerbe.

Satte 1400 Jahre Geschichte

Viele wirklich alte Bibliotheken gibt es nicht mehr auf der Welt; in Verona beispielsweise die Biblitoeca capitolare di Verona, entstanden um 380, die Bibliothek der Erzabteil St. Peter in Salzburg von ca. 695, oder die Bibliothek des Katarinenklosters auf dem Sinai, entstanden um 550. Die Schweiz gesellt sich mit der Stiftsbibliothek in die illustre Reihe: Die Anfänge der Abtei gehen auf den irischen Missionar Gallus zurück, der sich 612 in der Region niederließ. Damit zählt die Stiftsbibliothek zu den ältesten heute noch bestehenden Bibliotheken der Welt.

Ein Kloster, wie wir es heute kennen, entstand erst etwa 100 Jahre später und aus diesen Anfangsjahren ist nichts mehr erhalten. Dabei muss die Herstellung von Handschriften schon recht bald nach Gallus‘ Ankunft begonnen haben, denn von dessen Mentor, Kolumban von Luxeuil, weiß man, wie wichtig ihm Gelehrsamkeit war: „Man muss täglich lesen.“ — die Überschrift des Artikels stammt von ihm.

Die ältesten noch erhaltenen Handschriften des Klosters beeindrucken trotzdem: Dazu gehört zum Beispiel der 239 Seiten umfassende „Cod. Sang. 194″ gerade mal so lang wie eine Hand, der zu einem späteren Zeitpunkt einen Schutzeinband aus Pergamenten bekam, die von anderen Manuskripten stammen. Das Kürzel „Cod. Sang“ steht für „Codex Sangallensis“, an dem alle Manuskripte aus der Stiftsbibliothek St. Gallen erkennbar sind. Dazu heißt es in der Dokumentation:

um 700 und erste Hälfte des 8. Jahrhunderts
… geschrieben auf ungeschmeidiges, schlecht geglättetes, ungleich geschnittenes und schadhaftes, bereits früher schon beschriebenes Pergament gehört zu den ältesten Büchern, die aus dem Kloster St. Gallen überliefert sind.

Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen; Ausschnitt aus dem Bestand

Alte Schätze bewundern? Die Ausleihe macht’s möglich!

Die rund 2.100 Handschriften in St. Gallen sind eine Fundgrube für Forscher, die Geschichtsdaten auswerten, Herkünfte bestimmen, Handschriften analysieren, deren Entwicklung über die Jahre dokumentieren und versuchen, einzelne Handschriften bestimmten Autoren zuzuordnen.

Die Handschriften und Inkunablen sind nicht öffentlich zugänglich. Um sie zu sehen, muss man entweder Forscher sein oder die ausgewählten Stücke in den Schaukästen des Barocksaals bewundern. Oder man nutzt die kontinuierliche Digitalisierung der Bestände aus; inzwischen findet die Datenbank rund 600 Einträge (die „Cod. Sang.“-Links in diesem Artikel führen übrigens zu dieser virtuellen Bibliothek).

Was man aber in ganzer Pracht bewundern darf (sofern man einen Wohnsitz in der Schweiz hat), sind die Buchbestände. Denn die Stiftsbibliothek ist tatsächlich eine Leihbibliothek mit rund 170.000 Medien. Alles, was nach 1900 erschienen ist, darf ausgeliehen werden; was vor 1900 erschienen ist, muss im Lesesaal eingesehen werden.

In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts baute die Abtei ihren Bestand so weit aus, dass die St. Galler bereits damals eine der bedeutendsten Bibliotheken der Welt führten. Zu dieser Zeit wurde auch der erste Bibliothekar tätig, um einen Katalog zu erstellen. Den ältesten Bibliothekskatalog der Schweiz findet man folgerichtig ebenfalls in St. Gallen: Er besteht aus Pergament, mit 220 Seiten und 294 Einträgen für 426 Bände und man findet ihn unter dem Namen „Cod. Sang. 728„.

Endlich: Ein eigener Bibliotheksbau

Ein eigenes Bibliotheksgebäude gab es trotz der seinerzeit umfangreichen Produktion und des außergewöhnlichen Bestands erst 1553. Irgendwann im 18. Jahrhundert wurde dem Abt jene Renaissance-Bibliothek zu klein und er beschloss deren Abriss. In nur zehn Jahren zwischen dem Entschluss und der Neueröffnung 1767 lagerte man die Bücher aus, riss das alte Gebäude ab und schuf das Gebäude mit dem Büchersaal (… die 10 Jahre sind nur etwas geschummelt, denn ein paar Detailarbeiten brauchten länger, darunter das Eingangsportal, aber der Abt konnte den Saal 1767 wirklich nutzen).

Die meisten Bücher überstanden Stadtbrände, gar Klosterbrände und den einen oder anderen Krieg — nicht ganz allerdings: So einiges liegt bis heute als Kriegsbeute aus dem Toggenburger Krieg (1712-1718) in Zürich und die Zürcher rückten ihre Beute im Gegensatz zu den Baslern nie wieder komplett raus.

Während der Reformation und nicht zuletzt beim Einmarsch der Franzosen, kurz vor dem Ende des Klosters im Jahr 1805, hatten die St. Galler mehr Glück. Mit umfangreichen Umlagerungen bis hinüber nach Reutte oder Imst gelang es, wichtige Medien vor dem Einmarsch der Franzosen zu retten. Erst, als Ruhe eingekehrt war, holten sie die ausgelagerten Stücke aus den anderen Abteien und St. Galler Privathäusern zurück.

Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen; Blick in den Barocksaal

Staunen in Filzpantoffeln

Vor dem Betreten heißt es: Fotoapparate und Taschen wegschließen, Filzpantoffeln anziehen und Staunen. Denn letztlich weiß man in diesem Saal nie, wohin man zuerst schauen soll. Da empfiehlt es sich, gleich morgens nach der Öffnung zu kommen; dann sind kaum Besucher da und in der stillen Atmosphäre wirkt der Saal umso beeindruckender.

Im Raum selbst sind rund 30.000 Bände des Gesamtbestands untergebracht, die erkennbar zumindest in Teilen sogar in Doppelreihe stehen. Geschaffen wurde der Raum von Handwerksmeistern aus dem Bodenseeraum: reiche Stuckaturen und Deckengemälde, großartige Holzarbeiten, Säulen mit lebendigen Maserungen und ein Intarsienfußboden. Selbst der kleinste Platz ist ausgenutzt: Auch in den Fenstersimsen brachten die Bauherren kleine schmale Regale unter. Die Kennzeichnung der Regale folgt einfach dem Alphabet: Unten A, B, C über M und N etc, oben ist es AA, BB, oder eben MM und NN etc. In den unteren Schränken stehen allesamt Drucke und die etwa 1.200 Inkunablen des Bestands (also alles, was vor dem 31.12.1500 gedruckt wurde) steht am hinteren Ende des Saals auf der Empore. Ich verrate euch die wichtigsten Schränke dafür: AA und BB.

Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen; Blick in den historischen KatalogWer Fragen hat, wendet sich übrigens am besten an die Raumaufsicht. Die können eine ganze Menge Fragen beantworten und davon tauchen im Lauf des Besuchs ganz sicher ein paar auf. Wie die Mönche sich jemals in der Bibliothek zurechtfanden zum Beispiel. Dann öffnet die Aufsicht vielleicht einen der Kataloge für euch: Jedes Regal hat nämlich einen eigenen, direkt daneben, raffiniert versteckt hinter den Holzpaneelen. So ein Katalog hatte ein ebenso durchdachtes Konzept wie die Raumnutzung. Er besteht aus kleinen, verschiebbaren Holztäfelchen. Kam ein neues Buch hinzu, schob man dessen Täfelchen einfach an der richtigen Stelle dazwischen. Entlieh ein Mönch ein Werk, verschob er eine entsprechende Markierung und jeder konnte die Ausleihe erkennen.

Zum Abschluss des Rundgangs empfiehlt sich ein Abstecher mit dem Fahrstuhl in den Keller, zum Lapidarium. In diesem alten Gewölbekeller entdeckt man in einem Teil mittelalterliche Architekturplastiken aus den Ausgrabungen im Klosterbereich (daher der Name des Ausstellungsraums, vom lateinischen lapis „Stein“, als Bezeichnung für eine Sammlung von Steinwerken, also Skulpturen, Grabplatten, Säulenbauteile und Ähnliches).

Im anderen Ausstellungsteil stehen zahlreiche Stellwände, die die Geschichte des Klosters erzählen. Darunter sind viele Abbildungen jener Handschriften zu sehen, die oben in der Ausstellung nicht gezeigt werden. Und gerade dafür lohnt sich der Abstecher in den Keller allemal. Dabei erhält man auch den einen oder anderen Einblick in die Arbeit der Forscher mit Kommentaren wie:

Eine für St. Gallen typische Verbindung der Buchstaben -rt-, die weit zurückverfolgt werden kann, steht auf Zeile 6.

… und man fängt prompt an zu suchen und versucht, Buchstabenfolgen zu entziffern. Die Entwicklung der Handschriftentechnik lässt sich an den Exponaten prima sehen, ebenso die wunderbaren Illustrationen oder reichhaltige und wertvolle Verzierungen der Einbände. Vergesst also bitte diesen Keller nicht.

Zum Abschluss geht’s zum Selfie-Punkt am Aus- bzw. Eingang, der einzige Ort, an dem man sich mit dem Barocksaal im Rücken ablichten kann.


Fotos: Stiftsbibliothek St.Gallen

2 comments

  1. Die Bibliothek ist wirklich eindrücklich. Ich war von -zig Jahren da, sollte aber mal wohl wieder hin. Schöner Bericht auch; er macht einem so richtig Lust, nach St. Gallen zu fahren. (Das auch sonst ein paar schöne Eckchen hat.)

    1. Vielen Dank für die Rückmeldung!
      Ich glaube auch, dass man solche Orte immer wieder mal besuchen kann. Und die Altstadt drumherum lädt wirklich zum Bummel ein. Genieße den Kaffee, wenn du in den kommenden Wochen vielleicht rund um den Stiftsbezirk einkehrst!

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