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Martin Walker – Hotel Schräg

Martin Walker - Hotel SchrägDas Hotel Schräg – seit vier Generationen in Familienbesitz – erlebt bis Ende der dreißiger Jahre turbulente Zeiten und ist ein beliebter Künstlertreffpunkt in den Bergen. Picasso und Duchamp sind hier ebenso abgestiegen wie Malewitsch oder der Fotograf Valéry Valse. Nun allerdings dümpelt das Hotel seit Jahrzehnten vor sich hin. Bis sich der junge Kunsthistoriker Benoît Flucks mit seiner Freundin Lola im Hotel einquartiert. Flucks hofft, hier bisher unbekannte Fotografien des Künstlers zu finden. Hotelier Alain Schräg weiß sehr genau, dass es nur noch ein einziges erhaltenes Werk gibt. Doch sieht Lola einem von Valse’ Modellen verblüffend ähnlich, und er hat eine Idee.

Rezension

Die Zimmervergabe im Hotel Schräg folgt eigenen Regeln, die mit Auslastung wenig zu tun haben. Das junge Pärchen Benoît und Lola hat reserviert und Glück. Sie bekommen Zimmer Nullfünf, „ein Zimmer mit Geschichte“, perfekte Ausgangslage für Benoît und seine Forschungen zum Fotografen Valéry Valse, der in St. Meinart gewirkt hat. Von Valse gibt es kaum bekannte Werke, natürlich hängt aber just im Hotel eines herum.

Das Hotel hatte einst mehr Gäste und deutlich bessere Zeiten gesehen. Man traut es dem kleinen Dörfchen St. Meinart kaum zu, aber hier gastierte so ziemlich jede Kunstströmung, jede gesellschaftliche Welle schwappte durch das Hotel. Während Benoît nach Spuren des Fotografen Valse sucht, freunden sich Alain und Lola an. Alain erzählt und erzählt, wer so alles schon im Slant residierte, was das Slant so alles an Spleens gesehen hat. Natürlich hat Alain auch Geschichten über eigene Abenteuer auf Lager und in Lola eine neugierige Zuhörerin gefunden.

Das Slant House, so kann man sagen, ist seit 1892, seit seiner Geburt, am Delirieren, mal aus Selbstüberschätzung, mal aus übermäßigem Drogenkonsum und Genusssucht, mal aus Melancholie und zwischendurch auch aus Bitterkeit und Todessehnsucht, aus Langeweile ebenso wie aus Boshaftigkeit und Einsamkeit. Das Slant ist das Leben. Wenn es ein Schiff wäre, würden Freibeuter darauf segeln, Piraten, die keine Beute machen.

Heute ist das Slant bei Weitem nicht mehr das, was es offenbar einst war, ein Hotel, das es sogar in einen englischen Alpenführer als „Accomodation“ geschafft hat. Als Hotel dümpelt es vor sich hin. Umso mehr leben Alain und sein Vater Emil in Geschichten auf. So unbefangen erzählt und so sympathisch, dass man den beiden schrägen Herren auf dem Leim geht. Oder auch nicht. Es könnte alles so gewesen sein. Oder auch nicht. Durch’s Haus weht ein schräger Charme, aber unwiderstehlich.

Auf ungewöhnliche Art und Weise erhält sich das Hotel, ob leicht angestaubt oder nicht, einen eigenen Kosmos. Im Lauf der Geschichte entpuppt er sich als Magnet: Wer einmal mit dem Hotel und seinen Betreibern guten Kontakt hatte, kommt aus diesem Kosmos nicht mehr heraus. Alle Wege führen wieder zu ihm zurück, selbst in seiner kleinen Dépendance in Paris. Vielleicht findet es Lola sogar eines Tages heraus.

Es ist große Erzählkunst in kleinem Rahmen, was auf der rot-weiß karierten Tischdecke aufgetischt wird. Ein Kaleidoskop, aber nicht nur, weil es so herrlich bunt erzählt ist. Sondern auch, weil viele der bunten Teile eben immer wieder in neuer Optik, neu zusammen gewürfelt auftauchen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Dörlemann
ISBN: 978-3-038-20022-2
Erstveröffentlichung: 2015


Buchkunst

In „Hotel Schräg“ geht es oft um Kunst. Fotografien, Skulpturen im Dorf, eine Galerie in Paris, Origami.

„Und was machst du, wenn du etwas zu tun hast?“
„Origami.“
„Du faltest Papier?“
„Ich gebe ihm die Dimension, die ihm gebührt.“
„Pardon! Davon lebst du?“
„Davon lebt das Papier.“

Eine große Rolle spielt zunächst die Tulpe, später eine ganze Reihe von Kamelen. Eine so große Rolle, dass Martin Walker so ein Kamel selbst fehlerfrei falten kann. Wer es nachmachen will, findet im Netz viele Anleitungen. Mit der Anleitung vom Bastelparadies kommt genaus das Kamel raus (OK, Dromedar, um genau zu sein), das auch Walker beherrscht. Das Dromekameldar macht sich übrigens hervorragend als Lesezeichen, auch, wenn beim Dörlemann Verlag das Buch mit dem Tischtuch als Cover von einem grünen Lesebändchen begleitet wird.

Und damit löse ich auch mein kleines Instagram-Rätsel vom 28. Juli auf — man kann zum Falten natürlich Kamelfarben benutzen, aber das ist freilich langweilig 😉

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