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Pascale Robert-Diard – Verrat. Das dunkle Geheimnis der Familie Agnelet

Pascale Robert-Diard - Verrat1977 verschwindet Agnès Le Roux, die Tochter einer wohlhabenden Familie an der Côte d’Azur in Frankreich. Bald geht man von einem Verbrechen aus, und der Anwalt der Familie, Maurice Agnelet, gerät in Verdacht, ihr etwas angetan zu haben. Er ist Agnès’ verheirateter Liebhaber, ein Verführer, der es meisterhaft versteht, Menschen für seine Zwecke zu benutzen. Guillaume Agnelet ist noch ein Kind, als ihm sein Vater einen Mord gesteht, für den es keine Beweise gibt. Fast dreißig Jahre lang schweigt der Sohn und verteidigt den Vater sogar vor Gericht. Bis er nicht mehr kann. Pascale Robert-Diard hält auf unheimlich fesselnde Weise fest, wie eine Familie vor den Augen der Öffentlichkeit an ihren Geheimnissen zerbricht. Eine wahre Geschichte.

Rezension

Maurice Agnelet steht 2014 zum mittlerweile dritten Mal vor Gericht, die Anklage lautet unverändert auf Mord an Agnès Le Roux im Jahr 1977. Keiner jedoch zweifelt daran, dass Agnelet erneut mit einem Freispruch rechnen darf. Doch bei diesem dritten Prozess platzt eine sensationelle Neuigkeit in den Gerichtssaal: Der Sohn Guillaume sagt aus — etwas ganz anderes als in den vergangenen zwei Prozessen: Er beschuldigt seinen Vater.

Als Agnès verschwand, war Guilleaume noch ein Teenager. Bei den später folgenden Prozessen war er ein Sohn, der seinen Vater stets verteidigt und für ihn ausgesagt hatte. Die Gerichtsreporterin Pascale Robert-Diard will es nicht bei den Prozessberichten belassen, die sonst üblich sind, und schreibt den Sohn an. Sie will verstehen, was Guilleaume zu solch einer drastischen Sinneswandlung veranlasst hat. Aus den verschiedenen Treffen der beiden entstand dieses Buch.

Robert-Diards Blick hinter die Kulissen der Familie erweckt zwei der Hauptpersonen intensiv zum Leben. Die eine ist Maurice, das Familienoberhaupt. Ein nach außen hin charismatischer Mann, der bei genauem Hinschauen Mitmenschen benutzt, manipuliert und verängstigt. Die andere ist Guilleaume, der zunächst an der Vaterfigur festhält und die Familie erhalten will. Zusammen mit seinem Bruder Thomas und Mutter Anne. Auch die zweite Ehefrau Françoise spielt mit. Alle halten trotz ihrer Ahnungen, ihrer Schlussfolgerungen oder ihres Wissens dicht.

Doch der Druck auf die Familie von außen ist dauerhaft und groß. Die Medien und Freundeskreise sind das Eine, das Andere ist die dritte Hauptperson im Hintergrund der Familie: Renée Le Roux, Mutter der Vermissten. Ihre Hartnäckigkeit sorgt dafür, dass Maurice Agnelet nach dem ersten Prozess mit Freispruch nochmals vor Gericht gestellt wird. Eine Mischung aus Trauer, Wut und tiefstem Misstrauen ist ihre Triebkraft.

Robert-Diard erzählt, was sie von Guilleaume Agnelet im Lauf ihrer Gespräche erfahren hat. Über die Charaktere der Familie, über ihre Gepflogenheiten. Über Szenen und Gespräche, die dem Teenager Guilleaume irgendwann dann doch realisieren ließen, wie der eigene Vater und die verschwundene Geliebte zusammen hängen. An keinem Punkt wird ihr Bericht erzählerisch ausgeschmückt und doch gelingt ihr mit dem sachlichen Text ein intensives Familienportrait. Genau das macht dieses Buch so stark. Die Fakten verknüpft mit entsprechenden Familienszenen, von denen Guilleaume erzählt, lassen verstehen, warum er irgendwann entschieden hatte:

Ich sage nur, dass die Wahrheit heilende Kräfte hat, die Lüge nicht.

Erst am Ende wird Robert-Diard den genauen Ablauf während der Tage rund um das Verschwinden von Agnès Le Roux schildern. Die exakten Beweise fehlen immer noch, aber es wird verständlich, warum Guilleaume sich gegen die Familie entschieden hat und die Geschworenen ein verändertes Urteil fällen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05857-6
Originaltitel: La déposition
Erstveröffentlichung: 2016
Deutsche Erstveröffentlichung: 2017
Übersetzung: Ina Kronenberger

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