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David Sedlaczek – Runaway

David Sedlaczek - RunawayWegen des Mordes an seiner Frau sitzt Frederick Hagel seit 18 Jahren in der geschlossenen forensischen Psychiatrie. Gefügig gemacht durch unzählige Medikamente. Ohne Aussicht auf Entlassung. Eines Abends läuft im Aufenthaltsraum die Übertragung eines belanglosen College-Baseballspiels. Eine Großbildaufnahme zeigt das Publikum. Er will nicht glauben, was er gerade dort oben auf dem kleinen Fernseher gesehen hat. Ein verzweifeltes Katz-und-Maus-Spiel beginnt …

Rezension

Frederick Hagel hat es nicht leicht: Seine Frau Linda arbeitet zwar erfolgreich in einer großen Bank, aber es ist ziemlich sicher, dass sie dort als Steuerhinterzieherin für ihre Kunden arbeitet. Frederick Hagel macht es sich leider auch nicht leicht: Natürlich mahnt er seine Frau immer wieder an, sie solle damit aufhören. Aber er nutzt dummerweise auch kleine Partys, um wildfremde Menschen auf den merkwürdigen Beruf seiner Frau aufmerksam zu machen und er ist naiv genug, bei einem der Bankchefs aufzukreuzen und um Heilung seiner Frau zu bitten.

Statt die Scheidung einzureichen, lässt sich Linda ein kleines Spielchen einfallen: Sie inszeniert kleine Szenen, die Frederick als Gefahr abstempeln sollen und letztlich täuscht sie ihren eigenen Tod vor. Frederick landet in der Anstalt. Womit ich bereits Probleme habe, denn Verteidiger scheint es in den USA keine zu geben und das psychiatrische Gutachten, das Linda erstellen lässt, ohne dass der Psychiater Frederick je gesehen hat, wäre wohl bereits 1988, beim Startpunkt der Geschichte, fragwürdig genug gewesen in einem Prozess.

Für mich lief’s mit dem Anstaltsflüchtling selten rund, zu brüchig wirkten die Abläufe auf mich. Es gibt Szenen, in denen Frederick einen Schnaps kauft und dann mit dem Auto in der Gegend herumkurvt. Er trinkt keinen Schluck, ist am Ende der Szene aber stockbesoffen. Auf seiner Flucht sinniert er vier Seiten lang darüber, ob in den Wäldern ein Bär oder ein Wolf gefährlicher für ihn wäre oder ob es taktisch nicht gar besser sei, beiden gleichzeitig zu begegnen. Es wäre sinnvoller gewesen, ihn irgendwo die Anstaltskleidung wechseln zu lassen. Ich verfolgte seitenlang seine Flucht mit dem Bild eines Mannes in Anstaltskleidung im Kopf, der seinen Mitmenschen trotzdem nie auffiel.

Die Anstaltszeit ist voller Medikamente und Psychopharmaka und eine längere Passage Anstalts- und Medizinkritik. Sicher berechtigt, aber in diesem Umfang ein Bremsklotz für die Story. Ein bisschen mehr Alltag wäre besser gewesen, nicht nur, weil sich Nebenwirkungen erstmals Monate nach dem Ausbruch zeigen. Außerdem hat er überraschend gute PC-Kenntnisse und kann die (seinerzeit für ihn neue) Technik ziemlich gut nutzen. Er googelt ohne Probleme, klickt ein wenig und beschafft sich zügig gefälschte Papiere. Nach 18 Jahren Psychiatrie. Er sucht die Übeltäterin unter ihrem alten Namen, eine Frau wohlgemerkt, die sich von der Bildfläche verschwinden lässt, um sich von ihrem Ex-Mann später allen Ernstes als Linda Hagel finden zu lassen. Es gibt dafür am Ende zwar eine Erklärung, aber die ist ganz schön simpel und wenig realistisch.

Es gibt eine Grenze dafür, was noch als plausibel durchgeht. Wer es bis zum letzten Satz schafft, findet ein Finish, das den Rest des Romans in Sachen Plausibilität tatsächlich noch in der Pfeife raucht. Überzeugend war Frederick schon zu Beginn nicht und dabei blieb es.

Bibliografische Angaben

Verlag: Selbstverlag
ISBN: 978-3-000-57076-6
Erstveröffentlichung: 2017

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