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Maj Sjöwall, Per Wahlöö – Die Tote im Götakanal

Maj Sjöwall, Per Wahlöö - Die Tote im GötakanalEine Tote, die niemand vermisst und keiner kennt: Eine Leiche wird aus dem Götakanal geborgen. Sie kann nur wenige Tage im Schlamm des Schleusenbeckens gelegen haben – noch immer erkennt man, dass die junge Frau dunkelhaarig und hübsch war. Wie die Obduktion ergibt, wurde sie vor ihrem Tod misshandelt. Tatort: unbekannt. Die Kriminalbeamten stehen vor einem absoluten Rätsel, weil niemand die Frau zu vermissen scheint. Nicht einmal ihr Name kann ermittelt werden. Aber Kommissar Martin Beck gibt nicht auf. Und allmählich erwacht die Tote zum Leben.

Rezension

Aus einer Baggerschaufel voller Sand schaut ein Arm heraus. Kein Unfall, das steht sofort fest, sondern Mord. Die Polizei in Motala am Kanal bittet in Stockholm um Hilfe. Doch trotz der engen Zusammenarbeit stehen den Beamten lange und mühsame Wochen bevor. Es sieht so aus, als bekämen sie nie heraus, wer die tote Frau ist. Erst Anfragen ins Ausland bringen Ergebnisse, auch, wenn die Beamten davon zunächst wenig erwarten. Zu oft schon waren die Meldungen fehlerhaft.

Es ist noch nicht mal Klassikerherbst und trotzdem war mir ganz entschieden danach, eine Leselücke teilweise zu schließen: Die Kommissar Beck-Reihe des Autorenduos Sjöwall/Wahlöö. 1965 erschien der erste Band einer Reihe von zehn Titeln und 2008 gab rororo das Buch in einer Neuübersetzung heraus, versehen mit einem Vorwort von Henning Mankell. Es tut in dieser Sache gut, Mankells Sicht vorauszuschicken. Denn sonst geht unter, was dieser Krimi damals war: Er brach in Schweden erstmals mit den typischen Erzählmustern des netten „Rätselkrimis“ (wie Mankell sie nennt) von Autoren wie Stieg Trenter oder Maria Lang.

Es war nie ihre Absicht, Kriminalliteratur zur Unterhaltung zu schreiben. … Ihnen war bewusst geworden, dass es für Kriminalliteratur als Rahmen gesellschaftskritischen Erzählens ein riesiges, noch unerforschtes Terrain gab.
Henning Mankell im Vorwort über Sjöwall/Wahlöö

Heute merkt man dem Krimi diese Besonderheit gar nicht mehr an. Es ist völlig normal für uns geworden, von Ermittlern mit Kopfschmerzen zu lesen und welchen, die dicke Luft daheim haben, weil sie wegen der vielen Arbeit wenig zu Hause sind und die Kinder so selten sehen. Die Hauptarbeit besteht aus Warten statt Ermitteln. Warten darauf, ob sich der Name der Toten finden lässt. Dann erst kommt die Arbeit daran, den Namen mit einem möglichen Täter zu verknüpfen — und das zu einem Zeitpunkt, wo die Kreuzfahrt schon Monate her ist und die Begegnungen des Sommers bereits verblassen.

Sjöwall/Wahlöö ließen sich mit der Aufklärung Zeit. Beck braucht gut ein halbes Jahr, bis er den Mörder findet. Alleine ein Dutzend Wochen gehen drauf, bis die Identität der Toten überhaupt feststeht. Natürlich spielt es dabei eine Rolle, dass man Unterlagen kopieren und per Post verschicken muss. Dass man Adressen (in diesem Fall sogar weltweit) postalisch erfragen oder in Telefonbüchern nachschlagen muss. Dass niemand mal eben in einen Dienstwagen steigen kann. Aber es liegt auch daran, dass sich aus der mageren Faktenlage kaum etwas extrahieren lässt.

Unsere sogenannte Theorie darüber, wie, wo und wann das Verbrechen verübt wurde, basiert also hauptsächlich auf Wahrscheinlichkeiten, logischen Schlussfolgerungen und diversem Psychologisieren. Mit stichhaltigen Beweisen sieht es mau aus. Wir halten aber auf jeden Fall an dieser Rekonstruktion fest, weil sie die einzige ist, die wir haben.

Der Clou an diesem Roman ist, dass er sich kein bisschen antiquiert liest, was mit der bereits erwähnten Maria Lang durchaus der Fall ist. Das mag die Sprache sein, die prägnanter ausfällt als in den weitschweifigeren Erzählungen der Rätselkrimis. Das mag die realitischere Darstellung der Polizeiarbeit sein. Beck erinnert sich zwischendurch an einen Mord in einem Stockholmer Keller, der sieben Jahre bis zur Aufklärung brauchte und es ist gut vorstellbar, dass dieser Fall aus der damaligen schwedischen Realität stammt und den Lesern der ersten Stunde noch in Erinnerung war. Das ist für mich aber auch die Wahl des Motivs: Ein Sexualmord. Dass Morde mit Geld, Erbschaften, Vertuschungen und Eifersucht zu tun haben, kenne ich aus den „alten“ Krimis, aber sexuelle Motive eben nicht. Dabei machen die Autoren deutlich, dass das Motiv keineswegs so neu ist wie es sein Erscheinen vermuten lassen könnte. Durch verschiedene Gespräche mit Ärzten oder Zeugen tischt Beck traurige Wahrheiten auf, die ganz gerne unter dem Teppich gekehrt werden.

Obwohl seit der Neuauflage inzwischen fast zehn Jahre vergangen sind, erhält man offenbar alle zehn Titel immer noch als Taschenbuch (scheint mir keine Selbstverständlichkeit zu sein). Quasi immer noch eine Einladung, in die Vergangenheit schwedischer Krimis zu reisen und die Wirkung auszuprobieren.

Bibliografische Angaben

Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-24441-4
Originaltitel: Roseanna
Erstveröffentlichung: 1965
Deutsche Erstveröffentlichung: 1968
Übersetzung: Hedwig M. Binder

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