Loading

Sunil Mann – Lichterfest

Sunil Mann - Lichterfest

Vijay Kumar ist irritiert: Der Zürcher Medientycoon Blanchard beauftragt ausgerechnet ihn, seine verschwundene Putzfrau Rosie zu suchen. Und bietet dem indischstämmigen Detektiv dafür ein saftiges Honorar. Was ist so besonders an Rosie? Chronisch in Geldnot macht sich Kumar an die Arbeit und findet heraus, dass Rosies Neffe der Junge ist, der am Vorabend von einem Schlägertrupp bewusstlos geprügelt wurde. Als dann der rechte Politiker Graf tot aufgefunden wird, bekommt der Fall eine neue Dimension – denn auch bei Graf hat Rosie geputzt.

Rezension

Genügend Geld hätte der Medientycoon Blanchard, um sich entweder eine neue Putzfrau zu suchen oder eine Stardetektei aus Zürich. Trotzdem fragt er nach Vijay Kumar, den Quereinsteiger aus Kreis 4. „Seit jeher hatte die Stadt unangenehme Themen in diesen Bezirk ausgelagert,“ findet Kumar — warum also steigt ein stinkreicher Schnösel aus seinem Haus an bester Hanglage in die Tiefen der Stadt? Die Sache stinkt zum Himmel. Allein das dringend benötigte Geld, das Blanchard in Fülle anbietet, kocht Kumar weich.

Mein Detektivbüro, das sich an der Dienerstrasse in Zürichs Kreis 4 befand, war gerade mal ein paar Wochen alt. Einen einzigen wirklich spektakulären Fall hatte ich bisher gelöst, der einen Bankdirektor ums Renommee und hinter Gitter gebracht und zwei bisswütige Kampfhunde das Leben gekostet hatte. Seither hatte sich nicht mehr viel getan außer ein paar langweiligen Observationen und Recherchen.

Wo Rosie wohnt, findet Kumar fix heraus, gleich um die Ecke. In einem Block, der für teures Geld modernisiert werden soll. Kreis 4 mag zwar ein Schmelztiegel sein, aber als Spekulationsgrund ist die Gegend perfekt. In dem Zusammenhang wirkt es natürlich merkwürdig, dass die Frau des Mordopfers Graf sich für bezahlbaren Wohnraum stark macht. Vijay Kumar ahnt sehr wohl, dass Prügelattacken, spurloses Abtauchen, Einbruchsversuche oder Verfolgungsjagden zusammenhängen könnten. Nur wie, davon hat er lange keine Ahnung.

Dabei kennt Kumar sein Zürich in- und auswendig. Er weiß, wie die Stadt tickt und hat genug erlebt, um sich über wenig Auswüchse der Städter zu wundern. Sunil Manns Detektiv mag vielleicht ein wenig ratlos sein, was seinen Fall angeht; was seine Menschenkenntnis betrifft, liegt er weitaus seltener falsch.

Doch während man sich in allen anderen Städten dieser Welt freute, Bekannte anzutreffen, war in Zürich das Gegenteil der Fall: Um sich ja nicht anzusehen, geschweige denn begrüßen zu müssen, guckte man so konzentriert zur Decke, als versuchte man, ohne Hilfsmittel die Rotationsgeschwindigkeit des Ventilators zu berechnen. Oder man schenkte seinem Drink, seinem Handy oder den Fingernägeln größte Aufmerksamkeit. So weltstädtisch man sich hier auch gern gab: Die Provinz saß im Kopf.

Vor wiederkehrende Rätsel stellen ihn eigentlich nur seine Mutter, die einen indischen Lebensmittelladen führt, sowie die Ladenangestellte Manju. Jene wurde von Vijays Mutter vor einiger Zeit aus Indien eingeflogen, in der Hoffnung auf eine baldige Hochzeit. Doch die beiden jungen Leute denken gar nicht daran, zumal Manju sich in Zürich zu einer selbstbewussten jungen Frau mausert.

Den Krimi so interessant macht Kumars Sicht auf Land und Leute. Kumar ist Schweizer und Inder gleichermaßen, wechselt die Perspektive zwischen Einheimischem und Außenstehendem „wie ein Hemd“. Als Schweizer zurückhaltend, als Inder der Stadt den Spiegel vorhaltend.

Mit seinem Freund, dem Journalisten José, und der trinkfesten Miranda kommentiert er die Story mit spöttischem Unterton, aber treffsicher. Egal, aus welcher Perspektive. Dass für den sehr konservativen Politiker Graf Gerüchte über die Belästigung junger Mädchen unter den Tisch gekehrt werden, verärgert sehr wohl, verwundert ihn aber auch nicht. Unter den Tischen der Hautevolee liegt bereits so einiges, wie Kumar nicht zuletzt in seinem ersten Fall erfahren konnte. Auch politische Seitenhiebe teilt Kumar aus. Es genügt, ein Werbeplakat für Schweizer Käse unter die Lupe zu nehmen:

Links zogen drei folkloristisch gekleidete Männer auf einer Holzbank griesgrämige Gesichter, …. Wenn ich mir jedoch die verkniffenen Mienen der Appenzeller ansah, wunderte es mich nicht, dass sie beim Frauenstimmrecht bis 1990 genauso stur gewesen waren.

Da guckt einer nicht nur auf das lokale Gezänk, da guckt einer auch auf das größere Ganze. Sehr politisch schreibt Mann nicht, aber dankenswerterweise nicht kreuzbrav und in den Themen beengt. Irgendwer betitelte die Serie mal als „Wohlfühlkrimis“ — neeeee, lasst diesen Mist und lest dann lieber anderes!

Bibliografische Angaben

Verlag: Grafit
ISBN: 978-3-89425-384-4
Erstveröffentlichung: 2011

Trivia

Im Lauf des Buchs spielt ein Gemälde eine Rolle: Es heißt Der Genfersee von Saint-Prex aus und hängt im Haus des Politikers Walter Graf, der an einer edlen Adresse im Bezirk 6 wohnt, „etwas weit oben am Hang, aber die Aussicht …“. Andere Leute sagen dazu „eines der spießigsten Quartiere der Stadt“. Wohnen war schon immer Geschmackssache.

Gemälde von Ferdinand Hodler: Der Genfersee von Saint-Prex aus; Quelle: Wikimedia Commons

Das Bild gibt’s wirklich: Gemalt wurde es von Ferdinand Hodler (1853-1918) und ist das einzig bekannte Werk mit dieser Perspektive. Hodler gilt heute als der bekannteste Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts. Seine Lieblingsmotive: Berge und Seen. Sucht man zum Beispiel nach dem Motiv Thunersee mit Stockhornkette findet man über ein halbes Dutzend Gemälde dieses Namens und das sind sicher noch nicht alle, die Hodler gemalt hatte.

Wie nun das Bild vom Genfersee ins Buch kommt? 2007 wurde das Werk von Sotheby’s in Zürich versteigert. Den Zuschlag erhielt ein Schweizer Privatsammler, der telefonisch mitgeboten hatte. Sunil Mann lässt Walter Graf zum Sammler mit ausreichend Kleingeld werden, reich geworden mit Immobiliengeschäften. Und das nicht zu knapp!

Denn exakt 10’912’000 Millionen Franken Ertrag schrieb Sotheby’s damals in seine Pressemitteilung. So viel war noch nie für einen Schweizer Maler hingeblättert worden. Geschätzt hatte man auf einen Auktionspreis von „nur“ vier bis sechs Millionen Franken.


Bild: Wikimedia Commons

Merken

Leave a Reply