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Header zum Artikel "No risk, no fun"; Motiv: Schwimmerin im See; Foto: Todd Quackenbush / unsplash

Verlagsprogramm als Dauerschleife

Köln, 32 °C draußen, aber angenehmes Studioklima: Kulturjournalist Stefan Mesch spricht in Deutschlandfunk Kultur über Leserplattformen und darüber „Was Leser wirklich lesen wollen.“ Kurz darauf eine teilweise Verfeinerung in seinem Blog: „10 Gründe für und gegen Goodreads.“

Heidelberg, sonnig, freundliche 26 °C. Trotzdem sitzen viele Menschen lieber drinnen und hören live oder im Livestream, welches Bild der Autor Martin Krist derzeit von der Verlagslandschaft hat. Seine Session beim Literaturcamp Heidelberg betitelt er mit „Wie mutig sind Verlage noch?

Zwei Beiträge zur aktuellen Lesekultur, die auf Anhieb nichts miteinander zu tun haben. Auf den zweiten Blick meiner Meinung nach eine Menge.

Serienkiller und Skandinavien in heavy rotation

Martin Krist empfindet die momentane Verlagswelt als uninspiriert: Ideen und Konzepte ausgebremst von Verlagen, die sich aus verkaufstechnischen Gründen auf saufende Kommissare und griffige Titel wie „Engelsspiel“ fixieren. Statt auf brutalere Titel wie „Drecksspiel“, böse Cliffhanger und Konzepte, die wie bei TV-Serien über mehrere Bücher entwickelt werden. Frustrierend für ihn als Autor, frustrierend aber auch für Leser, die in der Luft hängen, wenn solche Serien gekippt werden.

„Ich sehe kaum noch im Buchhandel Bücher, die mal was Neues wagen, Verlage, die mit Büchern was Neues wagen, die Autoren unter Vertrag nehmen und sagen ‚Hey, der hat mal ne coole Idee, den nehmen wir jetzt, mit dem versuchen wir es.‘ Das passiert einfach viel zu selten.“

Schaffen sich Verlage gar ab, fragt er, wenn die Verlage ihre Kernkompetenz nicht mehr wahrnehmen? Das Entdecken und Entwickeln von Autoren statt dem Mainstream zu frönen. Schaffen sich Verlage ab, wenn die ambitionierten Autoren infolgedessen zum Selfpublishing wechseln?

Soviel ist klar (und wird in der Diskussion auch entsprechend kommentiert): Verlage müssen sich rentieren, Autoren wollen parallel von ihrem Schaffen leben. Wirtschaftlich denken müssen beide Seiten und trotzdem kann sich niemand dauerhaft auf Trends und Hypes einpendeln. Die Wirtschaft ist beweglich und irgendwie müssen immer neue Ideen ihren Weg auf den Markt finden, soll der sich nicht totlaufen. Wer kümmert sich darum?

Sichtbare Lesergewohnheiten

Fast zur gleichen Zeit analysiert Stefan Mesch die Nutzer auf den Social Reading Plattformen. Die Plattformen nämlich machen, sagt er, nicht nur die eigenen Gewohnheiten und Ansprüche beim Eintragen der Lektüren sichtbar. Sondern sie zeigen auch die aller Mitleser und das wiederum mit „überraschend präzisen Tendenzen, Entwicklungen und Abstufungen.“ Gerade mit Goodreads hat er sich richtig angefreundet und zieht eine womöglich unerwartete Bilanz:

Je schwerer, trockener, anspruchsvoller, desto höher der Score: Vielleicht sind die meisten Leser*innen stolz, sich durch ein Buch gekämpft zu haben. […] Wer viel Arbeit investiert, ist stolzer als jemand, der es leichter hat. Vielleicht werden deshalb zähe, mühsame, trockene Bücher oft höher bewertet. Je mehr man denken, mitarbeiten, die Zähne zusammenbeißen muss, desto höher oft der Score. Eine gute Nachricht, eigentlich: Ein breites Publikum bereut die meisten “schwierigen” Lektüren nicht. Im Gegenteil!

Stefan Mesch sieht auf den Plattformen eine große Vielfalt an Titeln und begeistert sich für die Katalogisierungen der Leser. Einordnungen wie „Jugendbücher, erschienen 2017, mit nicht-weißen Hauptfiguren“ und selbst leicht obskure wie „Liebesromane, in denen Plantagen und Obstanbau vorkommen“ zeigen, was Leser so alles an Bedürfnissen und Ankern in ihren Lektüren finden.

Wer traut sich was?

Die Leser würdigen es also sehr wohl, wenn Bücher ihre spezifischen Wünsche abdecken. Die Vielfalt bei den Lesern ist vorhanden. An kleine Marktsegmente trauen sich eher Kleinverlage. Hier kommen das Selbstverständnis, das Profil, das Image ins Spiel: Die großen Publikumsverlage schöpfen den Massenmarkt bereits auf breiter Front ab. Für die Kleinverlage ist es umso wichtiger, genau das nicht zu tun. Sonst würde ihnen das wichtige Unterscheidungsmerkmal fehlen.

Wo steckt dieses Feld zwischen Mainstream und anspruchsvoller Literatur? Im Buchladen vermisst das Publikum in Krists Session entsprechend gestaltete Tische. Die deutschen Tische kenne ich in dieser Hinsicht zu wenig (aus Gesprächen heraus glaube ich aber zu hören, dass unabhängige Händler besser modulieren).

Daher ein Beispiel aus der Schweiz: Hier baut ein Buchhändler, der was auf sich hält (und dazu gehören durchaus Ketten), Regale und Tische mit „Schweizer Literatur“ und „Schweizer Autoren“. Teilweise bilden die Onlineshops diese Kategorien ab. Prompt landen viele kleinere Verlage und unbekanntere Autoren im Laden. Sie sind dank ähnlicher Maßnahmen ebenso sichtbar in den Bibliotheken.

Experimentierfreude to go

Die Masse der Buchkäufer scheint es anders zu wollen? RandomHouse strich gerade erst Manhattan und profiliert sich weiter mit leichter Lektüre (Wunderbaum). Aber Stefan Mesch schreibt:

“Unbequeme” Bücher, Zumutungen, Herausforderungen, Irritationen, Kurswechsel, Experimente – werden sie auf Goodreads abgestraft? Werden nur Wohlfühl-Titel hoch bewertet oder Autor*innen gelobt, die keine Wagnisse eingehen, nur eine feste Formel bedienen? Nein. Die Scores zeigen: Auch das aller-breiteste Publikum ist VIEL kritischer, experimentierfreudiger meist.

Eigentlich könnte das glatt als Schlusswort gelten. Doch lieber noch ein bisschen Senf dazu. Gerade erst bekam Dörlemann bei einer Crowdfunding-Aktion die Bestätigung dafür, dass einem ausreichenden Publikum die Programmausrichtung doch so gut gefällt, dass man den Verlag besser nicht untergehen lassen sollte. Der Markt ist schon da, meine ich, und so vielfältig, dass jeder seine Neugier abdecken kann. Meschs Analyse zeigt das. Passende Verlage gibt es. Es helfen Initiativen wie Indiebookday oder We read Indie. Was viel eher fehlt, ist die Sichtbarkeit im Markt. Und zwar für die Masse. Das Publikum beim Literaturcamp kennt all die Verlage, die anders können. Und „da draußen“, außerhalb der Filterblase?

4 comments

  1. Liebe Bettina,
    Bücher und Menschen brauchen Begegnungsorte. Via Internet auf Bücher aufmerksam machen funktioniert gut, aber man wird auch hier nicht alle Interessenten erreichen. Wir kommen aus einer Phase, in der es einfach war: klassische Pressearbeit und guter Buchhandelsvertrieb haben genügt.
    Heute ist alles kleinteiliger. Auf der einen Seite gibt es immer mehr Nischenbücher; auf der anderen Seite gibt es immer mehr Orte, an denen man Leser antreffen kann. Das macht es spannend, aber auch aufwendiger.
    Liebe Grüße
    Dagmar

    1. Das Internet als Fluch und Segen gleichermaßen. Macht so vieles einfacher und so vieles aufwändiger. Die Zielgruppen verteilen sich stärker …

      Ich schätze, du hast Recht mit der Kleinteiligkeit. Es sind so viele Kanäle mehr geworden. Vielleicht sehe ich auch so einiges durch die Filterbrille, weil ich für mich selbst meine Nischen entdeckt habe und nicht immer sehe, dass andere Leser nicht so gut zurecht kommen.

  2. Leser mit solcher Lust auf Bücher, die anders sind, trifft man natürlich auch eher auf Leserplattformen. Wo sonst? Einen engagierten Buchhändler vor Ort zu haben, der genau die eigenen Leseinteressen spiegelt, ist ein Glücksfall. Ich habe da leider kein Glück. Da sucht man sich doch lieber online Leser mit ähnlichen Interessen.

    Daher ist für mich der Engpass der Vertrieb: wir haben mutige Leser und mutige Verlage – wie finden sie zusammen und erfahren voneinander?

    1. Hallo Dagmar,

      merci für den Input — daraus ergibt sich der Hinweis, dass das Internet für solche Literatur die derzeit wichtigste Spielwiese liefert, oder? Eigentlich auch für den Vertrieb?

      Das Problem mit dem Buchhandel kenne ich; ich brauchte eine Weile, bis ich sowohl in Winterthur als auch Frauenfeld einen hatte. Dabei liegen beide gut, man muss nur davon erfahren. Tatsächlich finde ich aber auch mehr „meiner“ Titel via Internet.

      Viele Grüße,
      Bettina

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