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Zoë Beck – Die Lieferantin

Zoë Beck - Die LieferantinLondon, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist – sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Sache hat nur einen Haken – die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will ›Die Lieferantin‹ tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen – ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke.

Rezension

Der Tod eines Schutzgeldeintreibers wird statt zur Randnotiz zum Störfaktor: Der Unterweltboss Boyce schickt seine Leute los, ein Händler stirbt, ein verdeckter Informant wird entlarvt. Dabei verliert Ellie Johnsons neu aufgezogener und höchst erfolgreicher Drogenvertrieb den einzigen Lieferanten. Der Lieferengpass, der so schnell nicht zu beheben ist, löst eine Kettenreaktion aus.

Die Drogenbosse wollen die erfolgreiche Konkurrentin loswerden und unter Johnsons Mitarbeitern gibt es jemanden, der das Geld dringend brauchen könnte. Diese beiden Pole finden sich und zünden die Lunte hinter Johnsons Rücken quasi an beiden Enden an.

Zoë Beck webt nur eine Handvoll Personen zusammen. Sie wählt Personen und deren Geschichten so geschickt, dass es auch gar nicht mehr braucht, um bei der Handlung auf allen Ebenen voll einzuschenken. Zuerst entdeckt man die Rangeleien unter den Drogenhändlern. Die Alteingesessenen hatten eigentlich die groben Positionierungskämpfe hinter sich und beschränken sich auf’s Ordnung halten. Jetzt bekommen sie Konkurrenz von einer Neueinsteigerin, die moderne Technik einsetzt. Das Darknet alleine ist nicht Technik genug. Johnson setzt auf die kluge Nutzung von Geodaten und auf das Abzweigen von Gerätschaften, die sie von Berufs wegen ohnehin zur Verfügung hat: Drohnen.

Politisch trifft Beck ins Schwarze. Während sie den Roman schrieb, war der Brexit nur eine Möglichkeit, von der viele annahmen, sie würde nicht eintreten. Inzwischen gibt es nicht nur das England im Ausstieg; die Lebensrealitäten für Ausländer und Menschen anderer Hautfarbe entwickeln sich genau in die Richtung, die Beck formuliert: Von verbalen Anfeindungen über handfeste Angriffe bis zu tödlichen Prügeleien kann einem alles passieren. Täglich.

Nun versucht sich die imaginäre britische Regierung an einem Druxit, einem Ausstieg aus den Drogen, verbunden mit einem harten Vorgehen gegen Besitz, Handel und Nutzung, verbunden mit dem Entzug sämtlicher medizinischer Hilfen, sollte einer der Punkte auf den Versicherten zutreffen. Den Drogenbossen wäre es nur recht für ihr Geschäft. Johnson wiederum gehört zu den entschiedenen Gegnern. Für sie ist Drogenkonsum eine freie Entscheidung, die dem Einzelnen überlassen bleiben sollte, und sie ist überzeugt davon, dass ein freier Zugang zahlreiche Probleme rund um den Drogenkonsum lösen würde. Ideologisch prallen hier Welten aufeinander.

Beck zeigt bei ihren Protagonisten, wie Menschen mit Drogen in Kontakt kommen können. Dazu gehören zum Beispiel auch Menschen, die wegen schlechter medizinischer Versorgung mit Schmerzmitteln abgespeist werden und irgendwann eine Schwelle erreichen, von der es kein Zurück mehr gibt. Doch die medizinische Versorgung zu verbessern, steht nicht auf dem Programm; andere Schauplätze mit juristischen Regeln abzudecken, ist billiger und weniger aufwändig.

In den Regierungsstatistiken fand sich nichts über den Rückgang des Konsums von Uppern, dafür eine Menge über den Anstieg bei den Downern. […] Die Nation beförderte sich ins Land des Vergessens. Jedenfalls ein großer Teil. Der Rest behauptete, glücklich mit der Regierung zu sein, die er gewählt hatte.

Kurz gesagt: Ein spannender Krimi, eine politische Vision (die in Teilen nicht nur auf England beschränkt ist), ein gesellschaftliches Statement.

Bibliografische Angaben

Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46775-6
Erstveröffentlichung: 2017

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