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Alexandra Lavizzari – Und Harry?

Alexandra Lavizzari - Und Harry?Die Basler Familie der Erzählerin macht wie so oft Station in Bigna, wo sie ein Haus besitzt. Es ist September 1960, das Mädchen ist sieben Jahre alt und freut sich auf den Nachmittag, für den Vater Unternehmungen versprochen hat. Die Mutter ist gerade unterwegs und macht Besorgungen, der Vater schneidet derweil Büsche, die Tochter malt Zebras und irgendwann knallt ein Schuss. Nichts, was eine Siebenjährige während der Jagdsaison beunruhigen würde, die sich ohnehin auf ein Zeichenprojekt konzentriert. Das Mädchen wird erst aufmerksam, als es allzu still wird. Den Vater findet sie, als sie irritiert nachschaut, erschossen im Garten.

Ein Indiz verschwindet in der Tasche

Die Polizei wird den rätselhaften Fall nie lösen können. Vielleicht hätte sie es geschafft, wenn das Mädchen ein wichtiges Detail weitergegeben hätte. Vielleicht auch nicht. Für das Mädchen hätte eine Klärung des Mordfalls in diesem Alter nicht viel hergegeben. Dieses verschwiegene Detail bekommt eine andere, weitaus tragischere Bedeutung: Der Nachbarsbub, ein kleiner Sadist im Teenageralter, merkt, was das Mädchen für sich behält und erpresst sie mit seinem Wissen über Jahre hinweg.

Jahrelang habe ich mich verflucht für diesen Schritt, aber heute ist mir klar, dass ich nicht anders konnte; ich war zu wohlerzogen, um mich aufzulehnen, zu brav, denn Mutter hatte ganze Arbeit geleistet, Gehorchen ohne zu hinterfragen wurde meine zweite Natur, und zwar gehorchte ich allen Erwachsenen und unter allen Umständen, bloß weil sie Erwachsene waren und dieser Status ihnen den Anspruch verlieh, besser als ich zu wissen, was gut für mich war.

Das hinterlässt weitaus schlimmere Spuren als der tote Vater im Garten. Als junge Studentin erst erkennt die Erzählerin, was es mit dem mysteriösen Detail am Tatort auf sich hat und sie beginnt, dem Vorfall nachzugehen.

Das gesamte Buch wird aus der Perspektive der jungen Frau geschrieben. Ihren Namen wird sie nie nennen, dafür tritt sie umso mehr ins Zwiegespräch mit dem Leser. Ein sehr guter Kniff, denn so werden die Erinnerungen der jungen Frau lebendig. Was sie fühlt und denkt wird nie zu einer simplen Dokumentation eines Mordes oder der Aufklärung desselben, sondern zu einer Aufforderung, mit ihr zu fühlen und zu denken. Mehrfach fordert sie auf, das Gelesene zu hinterfragen und das zu tun, was sie selbst zu selten getan hat und was auch in ihrem Umfeld viel zu selten passiert ist. Uns Lesern sollte nicht dasselbe geschehen: Nachfragen, hinschauen.

“Und jetzt das haarige Ding. Erinnern Sie sich daran?”

Das ist ein Stil, der mich wohl überrascht hat. Oft werde ich in Büchern als Leserin ja nicht direkt angesprochen. Doch ich wurde schnell warm mit der Art, wie die Frau ihr Leben nach diesem Septembertag rekapituliert. Mal schweift sie auch ab und folgt Erinnerungsfäden, die sich ergeben. Mir scheint, es wird sogar einiges bedrückender, wenn man das Gefühl hat, in einem direkten Dialog zu stecken, der sich um Missbrauch und den Folgen davon dreht. Das klingt oft, als würde sie abends neben uns sitzen, kurz, bevor sie eine ihrer geliebten Reisen antritt.

Alexandra Lavizzari erzählt, wenn man so will, zwei Suchen auf einmal: Natürlich vordergründig die des unaufgeklärten Mordes. Dafür muss die namenlose Studentin sich aber auch auf die Spuren ihrer Familiengeschichte begeben. Ein gewisser Harry, den sie auf einem Foto zusammen mit ihrem Vater entdeckt, spielt wohl eine Rolle und den zu finden ist ihr Ziel. Auf der Suche nach Harry findet die junge Frau zunächst einmal, und viel wichtiger, eine Seelenverwandte. Mit ihrer Hilfe gelingt es, die wichtigsten Knoten ihrer Geschichte aufzulösen. Und es ist gut, dass die Erzählerin dabei anonym bleibt, denn es könnte viele geben wie sie. Solange sie ihre Geschichten niemandem erzählen, bleiben sie unsichtbar.

Bibliografische Angaben

Verlag: Zytglogge
ISBN: 978-3-7296-0966-2
Erstveröffentlichung: 2017

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