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Annalena McAfee -Zeilenkrieg

Annalena McAfee - ZeilenkriegHonor Tait, Reporterin der alten Schule, hat sie alle persönlich gekannt: Hitler und Franco ebenso wie Cocteau, Sinatra und Picasso. Nun bereitet sie einen letzten Sammelband ihrer Arbeiten vor, ihr Vermächtnis für die Nachwelt gewissermaßen. Doch was ist ein Vermächtnis ohne Publicity? Tamara Sim, die sich bislang eher als Klatschkolumnistin profiliert hat, soll die alte Frau portraitieren – und hält ihr gleichzeitig den Spiegel vor. Die Zeiten haben sich gründlich geändert. Vor allem aber träumt die junge Journalistin, die bis anhin nur prekäre Jobs hatte, von einem großen Coup.

Rezension

Tamara Sims arbeitet als Journalistin bei einem Medienkonzern, der ein breites Spektrum unterschiedlich anspruchsvoller Zeitschriften und Zeitungen herausgibt. Sims’ Job ist es in der Regel, eine Fernsehbeilage aufzupeppen und Stars und Sternchen in kleinen Rankings und Fotostrecken zu präsentieren. Doch ewig will sie das freilich nicht tun und beharrlich hofft sie auf einen beruflichen Aufstieg. Eines Tages regnet tatsächlich ein Angebot vom angesehensten Blatt des Konzerns wie Sterntaler auf sie herab: Sie soll Honor Tait portraitieren, eine mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Grande Dame des Journalismus.

Sims macht sich begeistert an die Sache heran, trifft allerdings auf eine alte Dame, die ihr das Interview von Beginn an vermiest. Lust darauf, selber Objekt einer Berichterstattung zu sein, hat Honor Tait nicht. Eine Berichterstattung mit persönlichen Anekdoten zu beliebten Showgrößen aus dem alten Hollywood erscheint Tait ihrer Leistung nicht angemessen. Sie spielt sich schlecht gelaunt auf und Sims zieht frustiert ohne neue Erkenntnisse wieder ab. Damit löst Honor Tait ungewollt eine ungute Kettenreaktion aus, denn Tamara Sims verbeißt sich wegen der Kränkung und des drohenden beruflichen Fiaskos derart in den Auftrag, dass sie für besseres Recherchematerial Taktiken der Boulevardpresse startet.

Was auf Tait und Sims zukommt, bleibt lange vage. Statt dessen treten – wenn man Tait und Sims begleitet – Details zu Tage, die nicht immer schmeichelhaft sind. Willkürliche Hackordnungen sind im Pressecorps geradezu zementiert und Tait wird zu einer Figur, die sich bis ins hohe Alter in ihrem eigenen Nimbus einlullt. Dass “eine wie Tamara Sims” über ihre gesammelten Werke schreiben soll, fasst sie beinahe als Affront auf. Dabei sind sich die beiden gar nicht so fremd, wie ein Blick auf berufliche Stolpersteine und das Privatleben zeigt. “Zeilenkrieg” bietet einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Tagespresse. Bereits zu Taits Zeiten spielte sich da meist ein ganz anderer Film ab, als der, den das Publikum gerne sehen wollte. Das reicht von falsch interpretierten Fotos über alkoholschwere Preisverleihungen und missbrauchte Autorenrechte bis hin zu beängstigenden und bewegenden Geschehnissen, die nie den Weg in die Druckerei gefunden haben.

Sims und Tait nehmen uns mit ins Jahr 1997: Firmenhandys sind selten, das Internet macht sich langsam bekannt und eine visionäre Kollegin, die eine Website für den Medienkonzern vorbereitet, wird von den Kollegen mit Inbrunst belächelt. Einen Bruch mit einem vermeintlich fixen Kodex, den Honor Tait bei Tamara Sims zu beobachten meint, erlebt bei dieser Umstellung Sims selbst mit. Eine Entwicklung, die Sims an dieser Stelle noch nicht beurteilen kann und die das Buch auch offen lässt. Honor Tait, die mit ihrer Anthologie nochmals Teil des aktuellen Zeitgeschehens werden soll, findet, in alte Zeiten eingekapselt, den Zugang im Prinzip nicht mehr.

Der Rahmen für Pressearbeit mag sich verändern, er verändert sich vielleicht auch immer schneller. Und doch gilt es nach wie vor, eine angemessene Balance zwischen Wahrheit und Story zu finden. Was bei einem Roman über britische Zeitungen, der ein Jahr nach dem Skandal um News International erscheint, wohl mindestens einen Teil der Anspielungen ausmacht.

Bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06842-9
Originaltitel: The spoiler
Erstveröffentlichung: 2012
Deutsche Erstveröffentlichung: 2012

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