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Arnold Bennett – Hotel Grand Babylon

Arnold Bennett - Hotel Grand BabylonWer ist der ungekrönte Herrscher des Hotels? Der Hotelmanager oder der Besitzer? Keinesfalls! Im Hotel Grand Babylon ist es Oberkellner Jules, der seine Kellnerschar nicht nur zu dirigieren weiß. Jules beherrscht es aus dem Effeff, Gästen mit kleinen Anmerkungen, seiner Haltung und dem Tonfall Wünsche zu erfüllen, sie einen herrlichen Abend haben zu lassen … oder aber Bestellungen auszureden und sie zu maßlosen, unkultivierten Individuen zu degradieren.

Der amerikanische Millionär Theodore Racksole macht sich Jules zum Feind: Einen amerikanischen Drink bestellt man nicht in London und schon gar nicht im ersten Hotel am Platze, in dem die gekrönten Häupter Europas ein und aus gehen. Als Racksole am darauffolgenden Abend für sich und Tochter Nella Filtetsteak und Bier bestellt, läuft das Fass über. Jules weigert sich, das Gericht in der Küche zu bestellen. Racksoles Konter allerdings kann Jules nicht vorhersehen: Der Millionär kauft kurzerhand das Hotel, um das Steak zu bekommen. Im Ohr hat er noch einen Hinweis von Félix Babylon, dem bisherigen Besitzer: Es gebe absonderliche Vorgänge im Hotel.

Das Personal verschwindet

Die Racksoles stecken schnell in solch einem Vorgang drin. Ein Bekannter Nellas ist zu Gast im Grand Babylon und der junge Mann entpuppt sich als Gesellschafter eines Landesfürsten. Jener Großherzog möchte bald heiraten und plant einen Besuch in London, um diverse Vorkehrungen zu treffen. Doch Nellas Bekanneter verschwindet plötzlich von der Bildfläche und der heiratswillige Großherzog taucht gar nicht erst auf. Ein bisschen ist es die Verpflichtung als Hoteleigner, viel mehr aber die Neugier, die die Racksoles antreibt. Zumal ausgerechnet jetzt, wo Jules weg ist, auch noch die Empfangsdame kündigt und das Weite sucht.

“Es geht nicht um Einbruch, Kind, sondern um etwas viel Schlimmeres.”
“Was denn? Mord? Brandstiftung? Einen Sprengstoffanschlag? Wie aufregend!”

Vater Racksole und Tochter stöbern in den Eingeweiden des Hotels und packen auch schon mal die Koffer, um verdächtigen Individuen nachzureisen. Getrieben von einer unglaublichen Abenteuerlust. Dabei arbeiten die beiden keinesfalls zusammen. Beide Racksoles sind es gewohnt, alle Probleme lösen zu können, nicht zuletzt durch ihr Geld. Das verschafft insebesondere Nella ein gewisses Auftreten und eine bewundernswerte Unbeirrbarkeit. Diese Leichtigkeit, mit der sie sich ins Getümmel stürzt, hat etwas von kindlicher Freude. Nicht immer zu verwechseln mit Naivität. Aber es ist so erfrischend, mit welcher Energie und Neugier Nella arbeitet. Die Begeisterungsfähigkeit für das, was sie tut, ist geradezu ansteckend. Das scheinbar verwöhnte Töchterchen ist trotzdem gewitzter und lebenskluger als man auf Anhieb vermuten darf.

Der mondäne Adel bekommt Kratzer

Zugleich bietet die Geschichte eine kleine Zeitreise an. Nicht nur an sich in die Jahre rund um 1900, sondern auch in die Gesellschaft. Bennett ist ein guter Beobachter seiner Zeit gewesen und merkt an, wie sich die Zeiten ändern. Den beiden Amerikanern fehlt die antrainierte Ehrfurcht vor dem europäischen Adel, wie ihn die Europäer pflegen. Racksole ist nur einer der Protagonisten, die eine künftige Machtverschiebung andeuten.

Die Szene war durchaus kennzeichnend für das ausgehende neunzehnte Jahrhundert. Ein ordinärer, fettleibiger, kurzatmiger kleiner Mann, der in einer Doppelhaushälte in Brixton zur Welt gekommen war …, konfrontierte in einem Hotel, das einem amerikansichen Millionär gehörte, einen Vertreter jenes Schlags von Menschen, die seit Hunderten von Jahren an sämtlichen Seiten im Buch der europäischen Geschichte mitgeschrieben hatten und auf ihren Stammsitzen noch immer von allen äußeren Anzeichen von Macht und Gepränge umgeben waren, und besiegte ihn auf der ganzen Linie.

Als Vorbild für das Grand Babylon diente Bennett das Savoy Hotel, in dem man vielleicht bis heute versuchen könnte, in Zimmer 111 unterzukommen. Wäre Racksole allerdings im echten Savoy abgestiegen, wäre die Geschichte bedauerlicherweise nie in Gang gekommen. Im Originalhotel wurden in der American Bar nämlich schon früh amerikanische Drinks angeboten.

Bibliografische Angaben

Verlag: Wagenbach
ISBN: 978-3-803-12802-7
Originaltitel: The Grand Babylon Hotel
Erstveröffentlichung: 1902
Deutsche Erstveröffentlichung: 1919
Übersetzung: Renate Orth-Guttmann

 

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