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Ayelet Waldman – Der Schlaf der Gerechten

Ayelet Waldman - Der Schlaf der GerechtenIhr kleiner Sohn lässt Juliet keine halbe Stunde schlafen – umso dankbarer ist sie für die neue Babysitterin Fraydle, die sich des Schreihalses annehmen soll. Als die nicht erscheint, ist Juliet mit den Nerven am Ende. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach dem Mädchen, und stößt sehr bald auf Ungereimtheiten, die ihren detektivischen Jagdinstinkt wecken.

Rezension

Gerade einmal vier Monate sind seit der Geburt des zweiten Kindes für Ex-Strafverteidigerin Juliet Applebaum vergangen. Vier ziemlich harte Monate für sie, denn an Schlaf ist kaum zu denken. Die Eltern wohnen in New York, der Mann arbeitet gerade Überstunden an einer Produktion ab und da kommt das Angebot einer Ladenbesitzerin wie ein kleines Wunder. Sie entschließt minutenschnell, ihre Nichte Fraydle Finkelstein könne bereits ab dem nächsten Tag je zwei Stunden täglich Nanny für Applebaums Nachwuchs sein. Der erste Versuch funktioniert tadellos, aber schon am zweiten Tag erscheint Fraydle nicht mehr. Angesichts ihrer strapaziösen Situation ist Applebaum ziemlich verzweifelt, fragt im Laden nach und merkt, dass Fraydle auch zu Hause fehlt. Komisch aber ist, dass Familie Finkelstein wenig Interesse an polizeilicher Unterstützung bei ihrer Suche hat. Man werde Fraydle schon finden, verkündet das Familienoberhaupt. Applebaum zieht ab, aber sie kann es nicht lassen. Die beruflichen Instinkte sind noch da und sie beginnt, sich selbst nach ihrer Beinahe-Nanny umzuhören.

Juliets einziger Anhaltspunkt ist ein junger Mann, mit dem sie Fraydle kurz gesehen hat. Da die Finkelsteins zur sehr strenggläubigen Gruppe der Verbover Juden gehören, ist es ziemlich ungewöhnlich, dass Fraydle sich alleine mit ihm unterhalten hat. Für Juliet Applebaum wird die Suche zu einer Bekanntschaft mit einer Glaubensrichtung, die von ihrer eigenen weiter kaum entfernt sein könnte. Während sie selbst, mit einem Katholiken verheiratet, kaum einen Gedanken an ihre Religion verschwendet, gehören die Regeln bei den Verbover Juden mit zu den strengsten überhaupt. Während Applebaum in Los Angeles kaum weiterkommt, hilft ihr ein Besuch bei den Eltern in New York weiter. Den unternimmt sie nicht ganz ohne Hintergedanken. Sie trifft sich mit einer ehemaligen Studienkollegin, die vor Jahren ein Mitglied der Glaubensgemeinschaft geheiratet hat und ihr mit vielen Erläuterungen helfen kann. Just in New York lebt zufällig aber auch der künftige Ehemann Fraydles und Applebaum nutzt die Gelegenheit, um ihn unter die Lupe zu nehmen.

Der zweite Band mit Juliet Applebaum macht deutlich, wofür die Serie steht: Krimis mit einem sehr menschlichen Ambiente. Juliet Applebaum ist zwar hartnäckig, dickköpfig und hartgesotten, aber sie vergisst nie, dass alles zwei Seiten hat. Sie bringt es nicht übers Herz, die Entscheidung der Finkelsteins zu übergehen und einfach selbst die Polizei zu rufen. Sie begreift bald, warum die Entscheidung der Finkelsteins genau so gefallen ist, auch, wenn ihre eigene Erfahrung mit Straftaten ihr natürlich zu etwas völlig anderem rät. Applebaums neugierige Fragen kommen bei den New Yorker Verdovern zwar ziemlich schief an, aber letztlich entspringen sie ihrem Wunsch, der Familie —und vor allem Fraydle— zu helfen, und das auf einem Weg, der wenigstens halbwegs deren Wunsch nach inoffizieller Suche entspricht. So fremd den meisten Lesern die Gemeinschaft der Verbover erscheinen mag, so universell wird das Ergebnis von Juliet Applebaums Suche ausfallen. Zwischenmenschliche Probleme bewegen sich unabhängig und treten unbeirrbar überall auf. Und das ist uns eben allen doch gemeinsam, so fremd uns andere erscheinen mögen.

Abgesehen davon, dass die Applebaum-Bücher sich bereits nach diesem zweiten Band für den deutschen Markt erschöpften, sind die beiden Taschenbücher auch schon lange nicht mehr erhältlich. Auf Englisch bekommt man sowohl die gedruckte Version noch (Stand Januar 2016) als auch die Ebooks dazu. Wohl ein klassisches Beispiel dafür, dass die Übersetzung seinerzeit nicht gut genug gezündet hat und die Reihe schnell wieder eingestampft wurde. Da hat Ayelet Waldman mit ihren anderen Titeln wenigstens mehr Erfolg hierzulande.

Bibliografische Angaben

Verlag: Heyne
ISBN: 3-453-87022-0
Originaltitel: The big nap
Erstveröffentlichung: 2001
Deutsche Erstveröffentlichung: 2003
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