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Banana Yoshimoto – Erinnerungen aus der Sackgasse

Banana Yoshimoto - Erinnerungen aus der SackgasseFünf Kurzgeschichten umfasst die jüngste Übersetzung von Banana Yoshimoto. Es sind keine Kurzgeschichten, die in beliebiger Reihenfolge entstanden und irgendwann zu einem Buch zusammengefasst wurden (wie das mit Kurzgeschichten manchmal so läuft). Diese fünf erschienen vor ca. 15 Jahren in Japan in genau dieser Zusammensetzung.

Deshalb fange ich ausnahmsweise mit dem Nachwort an, das Yoshimoto selbst geschrieben hat:

“Wieso schreibe ich ausgerechnet jetzt über diese schlimmen Sachen, die mir doch am allerschwersten fallen? […] Der Versuch vielleicht, kurz vor der Geburt meines Kindes noch schnell mit allen bitteren, schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit abschließen zu wollen?”

Es seien ihre persönlichsten Erzählungen, die sie je geschrieben habe, sagt sie über diese fünf Kurzgeschichten. Um gleich darauf zu betonen, dass aber nichts von dem, was beschrieben werde, ihr jemals zugestoßen sei. Offenbar verarbeitet Yoshimoto dennoch eigene Erlebnisse auf die eine oder andere Weise darin, denn sie sagt auch, dass die Geschichten Erinnerungen wach riefen “an die schlimmsten Zeiten meines Lebens”.

Ihre Motivationen und ihre realen Erlebnisse bleiben also vage, wenn sie bei der Druckfahnenkorrektur zu Tränen gerührt ist, ohne dass Beschriebene selbst erlebt zu haben. Irgendwie sind die Geschehnisse als Ventile zu verstehen, die mir aber fremd geblieben sind. Nun, ich muss auch nicht im Detail alles wissen, aber es fällt auf, dass Yoshimoto in den Erzählungen sehr distanziert bleibt. Ihr persönlicher Schlüssel zu den Empfindungen, die jene Geschichten auslösen, bleibt ihr erhalten. Doch welchen Schlüssel erhalte ich?

Yoshimoto ist von ihren Figuren recht entfernt. Ihnen stößt alles mögliche zu, doch der Text rührt kaum an Emotionen. Die werden beschrieben als stünden sie in einer Bedienungsanleitung. “Lesen Sie fünf Minuten, dann ist das Problem verschwunden.” Eine junge Frau hat etwa 30 Seiten lang Pech und Unglück und lebt in einer eigenen Welt. Plötzlich ruhen seit jeher die Augen einer mystischen Macht auf ihr. Irgendwo lebt eine betrogene junge Frau, die an der geplatzten Verlobung deutlich mehr kaut als die eben erwähnte an weitaus gößeren Unglücken, doch auch sie bekommt, siehe Bedienungsanleitung, einen lebensklugen Menschen zur Seite gestellt, der ihr auf die Sprünge hilft.

Die Erzählungen empfinde ich als sehr distanziert, ohne Ansatzpunkte für ein Kopfkino oder Mitgefühl. Schade ist es allemal, denn von einem Kind zu lesen, das durch einen tragischen Unfall den besten Freund verliert, sollte genau das auslösen. Aber Yoshimoto steckt mehr oder weniger im nächsten Satz bereits wieder im sachlichen Bericht, sodass das Unglück ganz im Alltagsgeschäft untergeht und die Gefühle des Mädchens auch schon keine Rolle mehr spielen. Es ist eh schon lange her, die Zeitungen haben an diesem Fall schnell das Interesse verloren. Es ist alles gut.

Von Banana Yoshomoto gibt es schon einige Kurzgeschichtensammlungen. Jetzt erscheint es mir paradoxerweise umso interessanter herauszufinden, ob sie immer so eine lapidare Erzählerin ist. Schmucklos zu erzählen an sich ist dabei gar nicht so sehr mein Problem, sondern vielmehr noch die Frage, wie sehr mich die Texte auf Distanz halten. Ich habe über andere Kurzgeschichten schon mehr gegrübelt, so kerzengerade sie auch erzählt waren — bei Yoshimoto komme ich gar nicht auf die Idee, es könne versteckte Bedeutungsebenen geben. Warum diese fünf Kurzgeschichten für Yoshimoto so unglaublich wichtig waren, bleibt mir verschlossen. Hier muss ich nichts nachschlagen, keine Gedankengänge desinfizieren.

Es ist alles gut. Es ist am Ende alles geregelt. So viel habe ich von Yoshimotos Welt zunächst begriffen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-30056-7
Originaltitel: Deddoendo no omoide / デッドエンドの思い出
Erstveröffentlichung: 2003
Deutsche Erstveröffentlichung: 2018
Übersetzung: Annelie Ortmanns

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