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Bücherkeramik vor der Bibliothek von Denver CO; Foto: Bettina Schnerr

Blogfragen für Buchblogger

15 Fragen von Stefan Mesch und ein paar Extras

Stefan Mesch, der Fragebogenfan, stellte vor einigen Wochen einen neuen Fragenkatalog zusammen. Dieses Mal für Buchblogger, zu Themen wie Motivation oder Ansprüchen. Also gut, das habe ich dazu zu sagen:

Das Lieblingsbuch meiner Mutter / Das Lieblingsbuch meines Vaters: Ich erinnere mich eigentlich nicht daran, dass daheim außer einer Fernsehzeitschrift oder einer Fachzeitschrift etwas gelesen wurde. Es gab wohl Bücher im Wohnzimmer, aber aktuelle Lektüren waren das alles nicht. Die Lesequote der Familie wurde von mir gestemmt und äußerer Leseeinfluss kam von einer einzelnen Person aus der Verwandtschaft. Ich erinnere mich daran, dass bei uns sogar ein Kinderbuch herumstand, meine Eltern aber keine Ahnung davon hatten, dass dieser Titel jemals etwas für mich hätte sein können. Ich hatte das Lesen dank Vorlesen für mich früh entdeckt und mit Hilfe einer kleinen Leihbibliothek im Klassenzimmer und Büchergeschenken blieb ich dabei.

Ich führe einen typischen Buchblog, weil … es mit Büchern zu tun hat. Was sonst typisch ist? Was untypisch ist? Dazu müsste man vermutlich Kriterien festlegen, aber ich bin froh, dass dem nicht so ist.

Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil … Frag’ mal andere danach. Ich setze mich nicht bewusst gegen irgend etwas ab, sondern gestalte die Website so, wie es mir geeignet erscheint — und ich gehe davon aus, dass andere Buchblogger das ebenso handhaben. Daraus ergeben sich naturgemäß Unterschiede. Der regelmäßigste Input geschieht bei den Rezensionen, gefolgt vom Feuilleton. Und die literarische Weltreise ist eine Herzensangelegenheit, um Autoren der Welt zu entdecken. Das dauert, aber das ist das Projekt einfach wert.

Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass … sich mein Lesen und Schreiben insgesamt verändert hat. Lese ich beispielsweise ältere Rezensionen von mir, lesen die sich völlig anders als heute. Nicht nur stilistisch, auch inhaltlich. Denn ich befasse mich inzwischen anders mit einem Buch, weil ich es für die Rezension rekapituliere, mir Querverbindungen auffallen oder ich Details, Namen, Orte recherchiere. Ich setze mich mit Eindrücken anderer auseinander und das kann ich, weil es auch andere Buchblogs gibt.

Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie? Ich nutze Amazon-Rezensionen in der Regel dann, wenn die gesuchten Titel auf den gängigen Blogs nicht zu finden sind; das ist oft bei Sachtiteln oder englischen Titeln der Fall, mitunter aber auch bei Krimititeln. Generell scheint mir Amazons Nutzen zum Einen in seiner Funktion als Gigantodatenbank zu liegen, in der man hervorragend nach irgendetwas suchen kann. Zum Anderen darin, dass die teils sehr große Masse der Rezensionen manchem Leser wahrscheinlich einen ganz guten Überblick über die Meinungen verschafft.

Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie? Freilich hilft sie, wenn es drum geht, größere Zusammenhänge mit anderen Autoren oder literarischen Strömungen herzustellen. Sie kann auf vom Autor behandelte Themen und Anspielungen hinweisen, die dem Leser vielleicht entgehen können. Das ist, wenn es gut geschrieben ist, auch immer sehr interessant. Nutzen für die eigene Lektüre aber ziehen nur die Menschen daraus, deren Lesevorlieben durch diese Literaturkritik abgedeckt sind. Da steckt für mich ziemlich klar eine bestimmte Zielgruppenansprache dahinter. Für alle anderen ist der Blick in die Feuilletonseiten wohl eher eine interessante Zugabe, die man haben kann, wenn man will.

Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem? Blogs finde ich in zweierlei Hinsicht hilfreich. Wenn ich einen Eindruck vom Blogger und seinen Lesevorlieben gewinnen konnte, kann ich die Rückmeldung zu einem Titel oft ziemlich gut abschätzen und eine Empfehlung für mich ableiten. Außerdem schätze ich den individuellen Stil der Blogger, weil ihre Darstellungen in der Regel viel näher an der Art des Lesens und Wahrnehmens liegen, die ich als Leser auch praktiziere. Außerdem lese ich Blogbeiträge auch dann ganz gerne, wenn ich das Buch selber eigentlich gar nicht lesen will, weil ich das als wichtigen Blick über den Tellerrand verstehe. Ich will ja nicht ständig nur meine Interessen gespiegelt sehen (was übrigens auch für das klassische Feuilleton gilt, das ich hin und wieder lese).

Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.” Genau das war das Grundproblem, vor dem ich jahrelang stand und weshalb ich überhaupt angefangen hatte, mich über Bücher im Internet zu informieren und selber über Bücher im Internet zu schreiben. Allzuviel geändert hat sich an dieser Motivation nicht. Übrigens: Unsere Bibliothek ist ein Social Reading-Hub, weil sich hier die ganzen Nutzer untereinander kennen, Bücher ansprechen, Titel empfehlen und das finde ich großartig. Auch, wenn die Vorlieben da weit auseinandergehen.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten: Geschmäcker ändern sich und das erlebe ich für mich selbst auch. Derzeit schätze ich Autoren, die prägnant erzählen können, ohne ellenlange Sätze (wobei die schon immer genervt haben) und lange Ausflüge in andere Szenen und Erklärungen. Ich mag die Anspielung auf kritische Themen und gerne auch Titel, die abseits der üblichen Schauplätze spielen. Bei meiner Einschätzung versuche ich abzudecken, auf welche Weise der Roman mich beeindruckt hat, welche Aspekte mich besonders interessiert haben oder ob beispielsweise reale Hintergründe dazu existieren.

Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe? Rein statistisch gesehen angeblich etwa halbe halbe, was Männer und Frauen angeht und drei Viertel aller Nutzer liegen in der Altersgruppe bis Mitte 40. Darüber hinaus denke ich, dass es tapfere Menschen sind, die in Kauf nehmen, dass ich auch mal einen Titel dabei habe, der nicht mehr im Handel erhältlich oder auf Englisch ist. Außerdem sind manchmal sehr nette Leser dabei, die rückmelden, dass sie einen Titel wegen meiner Empfehlung nun unbedingt haben möchten (noch besser ist es, wenn ihnen der Titel dann auch tatsächlich gefallen hat). Generell sind es wohl Leser querbeet. Verlage und Nicht-Verlage, Autoren und Nicht-Autoren, Vielleser und Nicht-so-viel-Leser, Blogger und Nicht-Blogger, Bekannte und Nicht-Bekannte, Buchhändler und Nicht-Buchhändler. Aber eben immer Menschen mit Bücherliebe.

Habe ich Vorbilder? Nein. Der Begriff Vorbild hat für mich einen dumpfen Beigeschmack von “will so sein wie”, doch das sollte man niemals versuchen. Man kann und sollte sich bei anderen Menschen Dinge abgucken, die von ihnen jeweils gut gelöst werden. Das hat für mich nur nichts mit “Vorbild” zu tun.

Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie? Meinem früheren Lese-Ich würde ich keine Ratschläge geben, niemals, denn dann würde es sich nicht entwickeln können wie es will. Wie ich mir meine Lektüren damals ausgesucht hatte, passte zu meinem damaligen Ich. Wie ich sie mir heute aussuche, passt zu meinem heutigen Ich. Dazwischen liegt dieses “kann man lernen” und dieser Bildungsprozess gehört einfach mit dazu. Den muss man selber durchziehen. Man kann seine Buchwahl sicher verfeinern. Was man dazu braucht, ist Zeit und die sollte man sich dafür auch nehmen. Man muss lesen und ausprobieren und wird mit der Zeit merken, welche Stile, Genres oder Autoren einem liegen … um einige Jahre später festzustellen, dass man wahrscheinlich doch wieder leicht veränderte Ansprüche hat. Der Lesegeschmack verändert sich mit der Zeit und dem sollte man schlicht und einfach Raum geben.

“Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” … oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt? Ich glaube, das hat sich in den letzten Jahren ziemlich zur ersten Aussage hin verschoben, weil Verlage in Bloggern immer mehr interessante Multiplikatoren entdecken. Blogs eröffnen Kontakte zu Lesern jedes Genres und all seiner Spielarten, was bei der reinen Zeitungskritik nicht der Fall war. Blogs dürften auch interessanter für den Longtail sein, weil sich nicht alle nur auf die neuesten Titel stürzen. Ich bevorzuge hauptsächlich eine eigene Auswahl und frage, wenn ich frage, die Rezensionsexemplare sehr gezielt an. Schließlich gehe ich eine Verpflichtung ein, das Buch zeitnah zu lesen und daran hapert es manchmal. Aber ich freue mich über die freundlichen Verlagskontakte, denn die sind ja wie ich und mögen Bücher sehr.

Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren: So lange möchte ich gar nicht planen; ich fordere für mich selbst seit jeher eine gewisse Flexibilität und will offen bleiben. Ich will in fünf Jahren jedenfalls immer noch über Bücher schreiben, diese Grundsatzfrage jedenfalls ist geklärt. Aber für Varianten davon, für neue Autoren oder Ideen zu neuen Schwerpunkten möchte ich offen bleiben.

Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen …? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr. Und: Warum? Das kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Solche Bücher gibt es einfach, das kommt vor und es kommt jedes Jahr vor. Es bleibt jedem überlassen, ob er sich trotzdem bis zum Ende mit dem Buch befasst oder ob er es abbricht.


Bonus: Empfehlungen

Ein Buch, das fast niemand mag — aber das ich liebe: [warum?] Mir fehlt für meine Bücher eine Einschätzung des ersten Parts dieser Frage.

Ein Buch, das fast alle mögen — aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?] Ob es alle mögen, weiß ich nicht, aber es ist jedenfalls preisgekrönt: Der Kameramörder von Thomas Glavinic. Darüber habe ich mich an anderer Stelle schon zur Genüge ausgelassen und mag über das Buch gar nicht mehr weiter motzen.

Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe: Vor kurzem hatte ich eine Mangaserie vorgestellt, die sich um die Besteigung des Everest dreht: Fünf Bände Gipfel der Götter von Jiro Taniguchi. Die konnte ich erfolgreich an eine Leserin vermitteln und ein zweiter wollte auch gleich deswegen los. Hoffentlich lesen das noch mehr Bergfreunde.

Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne: Wirklich warnen kann man vor einem Buch eigentlich nicht. Ich sage freilich, wenn ich ein Buch aus irgendeinem Grund schlecht fand. Aber ich werde einen anderen Leser sicher nicht davon abhalten, es selber lesen zu wollen.

Ein schlechtes Buch, das ich gut fand: / Ein gutes Buch, das ich schlecht fand: Wer legt denn fest, was gut oder schlecht ist? Ist zum Beispiel ein wenig gelesenes Buch schlecht? Oder einfach nur zu wenig bekannt? Geschmack ist individuell und für diese Frage fällt mir daher beim besten Willen kein Titel ein. Ich finde die ersten beiden Bonusfragen in dieser Hinsicht viel besser gestellt.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde: Peter Hänni mit Boarding Time. Die Crux ist, dass es ein Schweizer Autor ist, der in einem Schweizer Verlag publiziert wird. Daher kennt ihn in der Schweiz ein netter Anteil Leser, aber in Deutschland kennt ihn keiner. Und das sollte sich bei diesem Buch ändern.

Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde: Kann man ein Buch zu oft besprechen? Den Eindruck hat vermutlich eher jemand, der mit dem betreffenden Titel wenig anfangen kann und sich dann fragt, was all die anderen daran so super finden. Aber Blogger dürfen nun mal alles lesen und darüber schreiben.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst: Ein Beispiel ist Kleine Kassa von Martin Lechner. Ich hätte den Protagonisten schütteln können, weil er mir so entsetzlich denkbefreit vorkam. Nicht einmal panisch oder kurzzeitig aussetzend, sondern so richtig neben der Spur.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst: Die Hunter-Serie von Richard Stark, weil Hunter detailliert voraus denkt, sich sehr gut absichert, Menschen präzise einschätzt, immer achtsam ist, er aus Kleinigkeiten Gefahren und Fallen ableitet und auch spontan lebensrettende (im wahrsten Sinn des Wortes) Entscheidungen auf die Schnelle treffen kann, wenn etwas schief geht.


Foto: Bettina Schnerr

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