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Drei Kurzrezensionen zu Amélie Nothomb; Foto: Clay Banks, unsplash

Bücher kurz und knackig – Edition Amélie Nothomb

Amélie Nothomb - Metaphysik der RöhrenMetaphysik der Röhren

Autobiografie eines Kindes: Am Anfang versteht sich das Kind als Röhre. Oben kommt etwas rein, unten etwas raus, ansonsten rührt sich wenig. Das geht zwei Jahre so, die Eltern wundern sich. Doch das Kind findet sein Dasein als Röhre ganz normal. Jedenfalls solange, bis die Großmutter aus Belgien Schokolade mitbringt. Das Kind Amélie erwacht zu einem typischeren Kind und probiert sich neu aus. Aus dem stillen Röhrchen wird ein nörgelndes Kind, das seine Eltern nun auf neue Weise unendlich viele Nerven kostet. Einzig das Kindermädchen Nishio-san findet Gnade vor Amélies Augen, denn sie behandelt das Mädchen so, wie es ihr ihrer Meinung nach zusteht: Als Göttin.

Das Kleinkind wähnt sich in einem Garten Eden, in dem es tun und lassen kann, was es will. Blüten bewundern, Schwimmen lernen, Geschichten hören. Vom Krieg mit zertrümmerten Häusern, zerquetschen Körpern und die vom Zug zerschmetterte Schwester. Geschichten, die von ihrer tiefen Bewunderin Nishio-san kommen, müssen im Selbstverständnis von Amélie und ihrer Welt einfach wunderbar sein.

Nothomb baut mit unglaublicher Phantasie eine Welt zusammen, die natürlich nichts anderes sein kann als eine unglaubliche Erfindung. Und trotzdem nimmt man ihr in jeder Zeile ab, dass ein zwei- bis dreijähriges Kind genau so denkt, sich selbst so unverblümt als Mittelpunkt seiner Welt wahrnimmt. Die fabelhafte Kindheit geht so lange gut, bis die Eltern der Tochter zum dritten Geburtstag drei Karpfen schenken, die in Amélies Augen hässlichsten Geschöpfe überhaupt.

ISBN: 978-3-257-23399-5
Erstveröffentlichung: 2000
Deutsche Erstveröffentlichung: 2002
Originaltitel: Métaphysique des tubes
Übersetzung: Wolfgang Krege

Amélie Nothomb - Der japanische VerlobteDer japanische Verlobte

Zwei Jahre verbringt Amélie in Tokyo, als sie etwa Anfang Zwanzig ist. Einerseits war es die Hölle – in “Mit Staunen und Zittern” berichtete die Autorin von ihrer demütigenden Abwärtskarriere bei einem japanischen Großunternehmen. Mit ihrem japanischen Freund Rinri jedoch genießt Amélie das Leben in Japan.

Sie lernt ihn durch Zufall kennen: Rinri ist der einzige, der sich auf ihre Anzeige im Supermarkt hin meldet, mit der sie Französisch-Unterricht anbietet. Rinri stammt aus einer wohlhabenden Familie und verliebt sich recht zügig in seine Lehrerin. Das Verliebtsein in Tokyo findet Amélie fabelhaft: Rinri holt sie mit einem Auto ab und die beiden fahren zu beliebigen Unternehmungen. Bootfahren, Spazieren, Ausstellungen, Cafés … es gibt unzählige Kleinigkeiten, mit denen man sich die Zeit vertreiben kann. Zu Amélies Entzücken besitzt Rinris Familie außerdem für viele Freizeitbeschäftigungen passend gepackte Köfferchen, die mit allem Drum und Dran bestückt sind. Wo bei uns ein Set Boulekugeln oder ein Picknickkorb ausreichen, baut man in Tokyo beliebig aus. Die grandios kuriose Schilderung von Amélies Fondue-Abend sollte man sich mindestens zwei Mal durchlesen.

Allerdings lernt Amélie auch die ersten Tücken des japanischen Lebens kennen. Rinris Mutter hat viel zu zweifeln an der Zukünftigen ihres Sohnes und löst ihre Abneigung ganz Japanisch aus: Kleine bissige Seitenhiebe genügen völlig um Amélie zu zeigen, was sie von ihr hält. Auch die Sprachkurse, die Amélie selbst besucht, offenbaren eher Probleme, als dass sie Japanisch lehren. Das Buch erzählt nur am Rande von dem Jahr bei Yumimoto und konzentriert sich am Ende auf Amélies Überlegungen, wie es nach der Kündigung dort und nach dem Heiratsantrag von Rinri weitergehen soll.

ISBN: 978-3-257-24151-8
Erstveröffentlichung: 2007
Deutsche Erstveröffentlichung: 2010
Originaltitel: Ni d’Ève, ni d’Adam
Übersetzung: Brigitte Große

Amélie Nothomb - Eine heitere Wehmut

Eine heitere Wehmut

Amélie Nothomb wagt die Reise nach Japan, begleitet von einem französischen Kamerateam. Geplant ist eine Dokumentation über Nothomb und das Land ihrer Kindheit, das sie persönlich immens geprägt und das sie literarisch auf verschiedenste Art verewigt hat.

Nothomb weiß von Beginn an, dass es für sie persönlich eine emotional sehr spannende Reise werden wird, die sie mit ihren sehr individuellen Japanerinnerungen zusammen bringt. Was ist vom Paradies der Kindheit noch vorhanden? Nothomb weiß beispielsweise, dass das Erdbeben von 1995 ihr Haus in Kobe zerstört hat, aber das mit eigenen Augen sehen zu müssen, wird eine ganz andere Erfahrung sein. Zuletzt war sie als junge Frau in Tokyo, wo sie als Übersetzerin gearbeitet hatte. Seither hatte sie nie wieder einen Fuß nach Japan gesetzt oder die Sprache gesprochen, die sie einst fließend beherrscht hatte. Sie war verlobt, hatte das Land aber Hals über Kopf verlassen.

Umso mehr kontrastiert Nothomb natürlich mit dem TV-Team, das keine Ahnung hat, was emotional auf die Schriftstellerin zukommt bzw. zukommen könnte. Es ist aber eine Stärke Nothombs, den Abgleich zwischen dem von ihr aufgebauten Mythos und der Wirklichkeit niemals rührselig werden zu lassen: “Die Trauer, die sich bei der Vorstellung, Japan wieder einmal verlassen zu müssen, einstellen sollte, bleibt aus: Sosehr ich auch darum kämpfe, von diesem Gefühl durchdrungen zu werden, es gelingt mir nicht — ich empfinde nur eine ungeheure Freude bei dem Gedanken, nicht mehr gefimt zu werden.”

ISBN: 978-3-257-24151-8
Erstveröffentlichung: 2013
Deutsche Erstveröffentlichung: 2015
Originaltitel: La Nostalgie heureuse
Übersetzung: Brigitte Große


alle Titel: Diogenes Verlag; Foto Header: Clay Banks, unsplash

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