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Bücher kurz und knackig – Episode VI

Christoph Peters - Herr Yamashiro bevorzugt KartoffelnChristoph Peters – Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln

Der deutsche Ernst Liesgang ging jahrelang bei einem japanischen Keramikmeister in die Lehre. Dabei lernte er natürlich nicht nur das Töpfern, in endlosen Wiederholungen derselben Schalen und in demütiger Obhut des Meisters. Liesgang kennt die Gepflogenheiten im gesellschaftlichen Umgang und liest die feinen Nuancen aus Gesprächen heraus, in denen direkte Aussagen gerne vermieden werden.

Nach Deutschland kehrt er mit dem Angebot zurück, einen eigenen Anagama-Ofen von einem bekannten Ofenbaumeister zu erhalten. Liesgang schafft die nötigen Voraussetzungen, kauft ein Grundstück und beschafft die Baugenehmigungen. Als es soweit ist, begleitet ein Filmteam den Aufbau. Der Ofenbauer Yamashiro wird begleitet von Familie Nakata. Der Mann wird beim Aufbau des Ofens helfen, die Frau wird sich vor Ort um original japanisches Essen kümmern, damit Yamashiro den Aufbau übersteht, und fungiert zugleich als Aufpasserin im Auftrag von Yamashiros Töchtern.

Da kann ja heiter werden! Liesgang hat alle Hände voll zu tun, denn übersetzen alleine reicht beim kulturellen und handwerklichen Austausch nicht aus. Man kann vielleicht einem deutschen Maurer Kameraanweisungen geben, aber doch nicht einem japansichen Ofenbaumeister! Dem deutschen Team kann er recht unumwunden sagen, was geht und was nicht — dass die Deutschen immer verstehen warum, nimmt er in Kauf. Umgekehrt ist das nicht so einfach. Glücklicherweise erlaubt ihm seine langjährige Erfahrung im verbalen Umschiffen von Untiefen, Übersetzungen so anzupassen, dass im Fall der Fälle brauchbare Änderungen herauskommen. Peters geht die kulturellen Unterschiede locker mit und schafft es, die Unterschiede stets gut zu erklären. Das geht an keiner Stelle auf die Kosten der Unterhaltung oder des flüssigen Stils und, wie ich finde, auch nie auf Kosten der einen oder anderen Kultur. Im Gegenteil, will man auf unterhaltsame Art einen Cultural Clash miterleben, ist Yamashiros Ofenbau dazu hervorragend geeignet.

ISBN: 978-3-442-71332-5
Erstveröffentlichung: 2014
Verlag: btb

Benedict Wells - Die Wahrheit über das LügenBenedict Wells – Die Wahrheit über das Lügen

Über Wells hatte ich bis dato nur gehört, nichts von ihm gelesen, nur über ihn. In meiner Social Media-Blase bin ich umgeben von Fans, die seinen Stil und seine Geschichten lieben und natürlich frühzeitig in Begeisterungsstürme ausbrachen, als diese Sammlung mit zehn Geschichten am Horizont auftauchte.

Mit diesem Band erlebte ich eine Art Kettenkarussell, nach vielen Geschichten wechselte meine Begeisterung rauf oder runter. Die erste Geschichte gut, die zweite häh?, die dritte wieder ein bisschen besser, die vierte rätselhaft. Ich wusste, irgendwo sollte Yoda auftauchen und las weiter, obwohl mir bis zu diesem Zeitpunkt nichts erklärte, wieso in meinem Umfeld solche Begeisterungsstürme tobten. Aber, wie gesagt, Yoda sollte einen Auftritt haben und da wollte ich hin. Tatsächlich lohnte sich das Durchhaltevermögen über die ersten fünf Stories, denn die zweite Hälfte des Buchs gefiel mir entschieden besser.

Da war sie, die Yoda-Story, über einen großartigen Regisseur, der mit einem Weltraumfilm weltberühmt wurde, ein gigantisches Franchise-Unternehmen hochzog – aber er heißt nicht George Lucas! Wells hat hier eine wunderbar gesponnene Phantasie um Star Wars herum aufgebaut und stringent erzählt. Der Untertitel dieser Geschichte “Das Franchise” verlieh der Antologie übrigens auch den endgültigen Namen. Gleich gefolgt von einer Geschichte über eine Fliege im Limo-Glas, die ich ebenfalls sehr mochte, aber aus einem anderen Grund. Kurz bevor ich mich an den Kommentar zu diesem Buch setzte, schrieb ich einen anderen über die Sprachbilder von Ross Macdonald und genau so eines findet sich in dieser Geschichte. Hier erweckt Wells in knapper Form zwei Charaktere zum Leben, untermalt von eben jener Fliege.

Mit vier der Geschichten konnte Wells mich tatsächlich begeistern. Das macht mich nicht zum Fangirl, wie das neuerdings heißt. Aber Yoda ganz besonders hat mich definitiv mit den für mich weniger zugänglichen Geschichten versöhnt (dabei hatte er noch nicht einmal die Hauptrolle).

ISBN: 978-3-257-07030-9
Erstveröffentlichung: 2018
Verlag: Diogenes

Alessia Gazzola - Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube

Alessia Gazzola – Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube

Erinnert ihr euch noch an Alice Allevi, Rechtsmedizinerin in Rom, die drei Bücher lang zufällig über Mordfälle stolperte? Von ihren inzwischen sieben Fällen schafft es seit Jahren keiner mehr nach Deutschland (ich wage die steile These, dass das Outfit der Bücher keine unwesentliche Rolle beim offenbar schleppenden Verkauf spielte). Jetzt kommt Gazzola wieder, mit einem Großerfolg in Italien, ohne Leiche dieses Mal.

Die Heldinnen Emma de Tessent und Alice ähneln sich ein wenig: Beide haben wenig Glück in der Liebe, sehen sich aber danach. Beide stehen im Job auf der Kippe. Alica seinerzeit wurde ewig Ungeschicklichkeit nachgesagt und ihre Arbeit angezweifelt, Emma arbeitet als ewige Praktikantin, perfekt im Job, aber stets völlig unterbezahlt und ohne Perspektive.

Was ebenfalls bleibt ist Gazzolas Stil: Leichte Unterhaltung, durchsetzt mit lebensnahen Einsichten und Mentoren, die den Heldinnen zur rechten Zeit die Hand reichen. Trotzdem kommt mir das aktuelle Buch so unglaublich viel kitschiger vor als die Vorgänger. Während in den Krimis außer dem Ausgang des Kriminalfalls der Rest des Buchs nicht vorhersehbar war, scheint mir das hier nämlich absolut alles zu sein. Die Villa zwischen den Glyzinien, die mich zunächst ein bisschen an Elizabeth von Arnims Verzauberter April erinnerte, ist hier kein Ort der Neufindung, sondern ein zuckersüßer Traum, der einfach irgendwann in Erfüllung geht. Emma kriegt über Umwege alles, was sie sich erträumt. Sämtliche Hindernisse purzeln rechtzeitig aus dem Weg. Dabei ist die Situation von Emma keineswegs ein Zuckerschlecken. Prekärer Job mit Hungerlohn, ein Durchhangeln von einem Kurzvertrag zum nächsten. Als romantische Unterhaltung funktioniert das nur, weil die Handlung sich lieber mit Emmas Träumen, attraktiven Männern und niedlichen Kinderkleidern befasst und alles rechtzeitig eine gute Wendung bekommt. Das Leben kann so laufen. Muss aber nicht. Tut es meist auch nicht. Emma bleibt putzige Filmkulisse, verwandelte sich bei mir trotz ihrer schönen Einsichten nicht in eine empfehlenswerte Heldin.

ISBN: 978-3-85179-407-6
Erstveröffentlichung: 2016
Originaltitel: Non è la fine del mondo
Deutsche Erstveröffentlichung: 2018
Verlag: Thiele
Übersetzung: Renée Legrand

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