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Drei Kurzrezensionen: Hiro Arikawa, Seicho Matsumoto,

Bücher kurz und knackig – Japan-Edition

Tetsuya Honda - Blutroter Tod

Tetsuya Honda – Blutroter Tod

“Reiko Himekawa ist cool, tough und sehr clever. Sie ist die beste Ermittlerin der Mordkommission Tokio!” Der Klappentext ist voller Lob für die Kommissarin, die sich um einen Toten kümmern muss mit zahlreichen Glassplittern im Körper. Das ist das Eine, was an dem Toten auffällt. Das Andere ist der Fundort. Akribisch verpackt, doch dafür ist der Fundort viel zu sichtbar. Soll die Leiche gefunden werden, wäre der Aufwand eigentlich zu groß. Himekawa vermutet instinktiv eine größere Angelegenheit hinter dem Mord, aber es benötigt den Zufall, um ihrer Theorie Gewicht zu verleihen. Die Spuren führen zu einer merkwürdigen Seite im Internet.

Honda entwickelte mit Reiko Himekawa eine Serie, die sich in Japan zum Bestseller entwickelte. Himekawa ist dabei eine Figur, die mir gut gefällt. Hartnäckig und mit dem Mut, Undenkbares, Unwahrscheinliches in Betracht zu ziehen. Dafür erntet sie ein loyales Team, bekommt aber natürlich auch Gegenspieler, die ebenso gut wissen, wie man sich Rosinen aus dem Kuchen pickt und Himekawa hoffentlich rechtzeitig den Erfolg vor der Nase wegzuschnappen.

Dafür geht es im Thriller aber auch sehr blutrünstig zu. Durchgeknallte Killer mit Psychosen, dass es für mehrere Therapien gleichzeitig reicht, sind nicht mein Ding. Andererseits musste ich speziell bei diesen Umständen an reale Vorbilder wie das Milgram-Experiment denken oder literarische wie Herr der Fliegen, wo Menschen unter bestimmten Rahmenbedingungen wahrhaft zu Monstern mutieren können.

ISBN: 978-3-596-03666-0
Erstveröffentlichung: 2006
Deutsche Erstveröffentlichung: 2016
Originaltitel: ストロベリーナイト
Verlag: Fischer
Übersetzung: Irmengard Gabler (aus dem Englischen)

Seicho Matsumoto - A quiet placeSeicho Matsumoto – A quiet place

Aus völlig anderem Holz geschnitzt ist dieser sehr klassisch gestrickte Whodunit. Matsumoto (*1909, †1992) war ein Vielschreiber, der bis zu sieben Bücher pro Jahr schrieb und damit die Detektivgeschichte in Japan so richtig bekannt machte. In diesem Fall stirbt eine junge Ehefrau plötzlich an Herzversagen und der Ehemann fragt sich, warum das im Stadtteil Yoyogi passiert, mit dem sie beide nichts zu tun hatten. Bei einer Art Kondolenzbesuch dort stellt er fest, dass in jenem Stadtteil viele Love Hotels sind, in denen sich Paare für einige Stunden einquartieren. Nicht immer miteinander verheiratete. Angetrieben von der Neugier, ihren Aufenthalt in Yoyogi zu entschlüsseln, verfolgt er die Hypothese, auch seine Frau sei dort womöglich abgestiegen.

Matsumoto verfolgt den Ehemann über mehrere Monate, der sich mit Hilfe eines Privatdetektivs an die Geheimnisse seiner Frau heranmacht. Über weite Strecken ist das ein sehr gemächlicher Plot, der maßgeblich von den Grübeleien des Ehemannes geprägt ist. Wie sah ihre Ehe eigentlich aus? Wieviel Intimität hatten sie und hätte es mehr sein können? Waren er oder sie überhaupt attraktive Menschen? Die fast platonische Ehe entpuppt sich als Fassade: Der Ehemann richtet sich bequem und anspruchslos in Beruf und Zuhause ein, die Ehefrau lebt auf Distanz, vertreibt sich die Zeit mit verschiedenen Kursen, solange jedenfalls, bis ein weniger bequemer, zielstrebigerer Mann ihre Wege kreuzt.

Überraschenderweise dreht der Plot kurz vor Schluss noch (erinnert mich irgendwie an Simenons Zug aus Venedig), aber insgesamt dümpeln die Ermittlungen in viel Monotonie und es ist etwas mühsam, die Tragweite zu erfassen. Die letzten Seiten nach dem Dreh lösen die Distanzierung, die sich bis dahin zum Buch aufgebaut hat, nur schwer wieder ab.

ISBN: 978-1-908524-63-8
Erstveröffentlichung: 1975
Englische Erstveröffentlichung: 2016
Originaltitel: Kikanakatta basho / 聞かなかった場所
Verlag: Bitter Lemon Press
Übersetzung: Louise Heal Kawai

Hiro Arikawa - Satoru und das Geheimnis des GlücksHiro Arikawa – Satoru und das Geheimnis des Glücks

Drittes Buch im Bunde wird ein Roman, kein bisschen Krimi. Satoru, wohl ein Mittdreißiger, geht mit seinem Kater Nana auf Reisen und versucht, für Nana ein neues Zuhause zu finden. “Zwingende Umstände” machen es nötig. Während beim Leser vermutlich ganz schnell klar ist, was los ist, klärt das Buch erst bei der vierten und letzten Reise über diese Details auf. Der junge Mann trifft bis dahin seine drei besten Freunde aus Schulzeiten wieder, aus jeder Stufe einen. Die sind inzwischen über Japan verteilt, genießen die Erinnerungen und bringen Satoru auf den neuesten Stand ihres eigenen Lebens.

Freundschaft ist das zentrale Thema überhaupt. Satoru und die Freunde waren in Kindertagen bereits füreinander da, standen füreinander ein und lösten ihre Probleme gemeinsam. Das ist heute, bei Satorus Besuch, nicht anders: Satorus Besuch bringt erneut frischen Wind und mit seiner Hilfe bereinigen die Freunde ein paar private Lasten — dabei öffnet sich gleichzeitig Saturos Geschichte Stück für Stück und offenbart, wie er selbst von den Freundschaften profitieren konnte. Auf seiner Reise nun bemerkt er, wo der beste Platz für Nana zu suchen ist.

Arikawa hat eine sehr berührende Geschichte geschrieben, die (wie das öfter in Japan vorkommt) in den Jahren 2011/2012 zuerst als Fortsetzungsgeschichte erschienen war, später als Buch. Im Oktober wird die Verfilmung in Japan zu sehen sein.

Kater Nana ist nicht nur der Katalysator, über den sich die Freunde finden (und irgendwie hat jede Teilgeschichte auch mit Katzen zu tun). Nana hat eine eigene Erzählstimme und kommentiert die Menschen und ihre Missverständnisse. Was mich am Anfang als zu kindisch noch etwas gestört hatte, fügte sich aber im Rest zu einem sehr stimmigen Werk, das auf die eine oder andere Art nachhallen wird.

ISBN: 978-3-453-42168-4
Erstveröffentlichung: 2015
Deutsche Erstveröffentlichung: 2017
Originaltitel: Tabineko ripoto / 旅猫リピート
Verlag: Heyne
Übersetzung: Alexandra Klepper

 

2 comments

  1. Honda kenn ich bereits und war positiv angetan, dass der Fischer Verlag den Autor hier her geschleppt hat 😀
    Find die Reihe nicht perfekt, aber unterhaltsam!

    Matsumoto kenn ich noch gar nicht – muss ich mal stöbern gehen.

    Und die Katze – hach, verdammt! Hatte gestern noch nach dem Titel gesucht, als ich ne Buchbestellung gemacht hab – dann mein nächsten mal 😛

    1. Von Honda will ich gerne noch den zweiten Teil lesen; ich bin zwar kein Fan der allzu blutigen Gemetzel, aber ich finde die Figur Himekawa ganz interessant.

      Ja, und die Katze hatte mich echt überrascht. Am Anfang fand ich das Ganze ein bisschen kitschig und dachte noch, dass ich diesen Tenor nicht durchstehen würde. Aber das drehte komplett in meinen Augen und ich fand das Buch bis zum Schluss wirklich sehr ansprechend. Also, dann bei der nächsten Bestellung 😉

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