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Foto: Bettina Schnerr

Der Versuch einer individuellen Buchempfehlung

Ein ganz persönliches Fazit zu Mybook

[Update: Das Angebot von Mybook gibt es seit 2016 (?) nicht mehr. Der Artikel bleibt, weil er sich im weitesten Sinne mit einer Problemstellung beim Curated Shopping befasst.]

Über ein Facebook-Posting wurde ich im August auf den Service von Mybook aufmerksam. Mybook macht im Zeitalter unpersönlicher Onlineshops eine vielversprechende Ansage: “Wir helfen, das passende Buch für dich … zu finden und geben Empfehlungen auf Grund von Persönlichkeit und den individuellen Interessen des Lesers.” Funktionieren soll es ganz ohne einen extra programmierten Algorithmus, sondern über die Erfahrung von rund 20 Buchexperten. Diese kümmern sich um spezifische Empfehlungen, angepasst an die Wünsche der User. Einer davon wird zu meinem “persönlichen Buchexperten”, der mein nächstes Lieblingsbuch findet. Summa summarum angekündigt wird ein spürbar individuellerer Ablauf als beim typischen Onlineshop, bei dem frühere eigene Einkäufe irgendwie mit Einkäufen anderer, Bestsellerlisten und Verkaufsrankings nicht nachvollziehbar gemischt werden. Auf der Homepage heißt es: “Endlich empfiehlt mir jemand die Bücher online, die ich lesen will. Nicht die, die andere gut fanden!”

Wer den Service bei Mybooks nutzen möchte, startet mit einem Fragebogen, der die persönlichen Vorlieben abfragt. Los geht es mit zwei klassischen Fragen: Frau oder Mann? Vielleser, Wochenendleser oder Gelegenheitsleser? Aber auch einige, die (jedenfalls mich) erstaunen, weil sie für mich nichts mit den eigentlichen Vorlieben bei Themen und Autoren zu tun haben: Wo liest Du am liebsten? Wie alt fühlst Du Dich? Offenbar liest man auf dem Sofa andere Krimis als im Garten, in der Bahn oder gar in der Badewanne. Weiter geht’s, der Fragebogen möchte wissen, ob ich zur Unterhaltung und Entspannung lese (illustriert mit einer lesenden Frau) oder um zu lernen und neue Erfahrungen zu gewinnen (illustriert mit einem Mann am Schreibtisch, der tatsächlich eher nach Lernen als nach Entspannung aussieht). Ich gebe weiterhin an, wie ich mir mein nächstes Buch wünsche (mögliche Antworten unter anderem: anspruchsvoll? literarisch? poetisch? verblüffend?). Den Abschluss bilden Fragen nach Lieblingsautoren und Lieblingsbüchern, die optional angegeben werden können und was ich selbstverständlich ausnutze.

Wenige Stunden darauf kam die erste Empfehlungsmail mit diesen vier Titeln: “Schwarze Piste” von Andreas Föhr, “Hendlmord” von Ida Ding, “Alle Wege führen nach Morden” von Christiane Güth und “Die Hex ist tot” von Monika Geier.

Von der Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Wirklich anfangen konnte ich mit den ersten drei nichts. Bayernkrimis hätte ich nicht erwartet und wollte ich auch nicht empfohlen bekommen, denn ich wollte “Geheimtipps” (keine Bestseller, keine Neuerscheinungen) und hatte bei meinen Lieblingsautoren unter anderem Keigo Higashino, Dominique Manotti, Ross Macdonald und Bernhard Jaumann genannt, als Lieblingsbücher unter anderem Titel dieser Autoren neben Jón Gnarr und Dashiell Hammett (Tokyo on foot von Florent Chavouet wollte das System leider gar nicht erst annehmen). Hätte ich selber empfehlen müssen, wären die ersten drei Titel sicher nicht dabei gewesen. Lediglich der vierte Titel fiel mir positiv ins Auge, was aber einer anderen Quelle zu verdanken ist, die diesem Titel einen für mein Empfinden ganz anderen Rahmen gibt: Culturbooks. Hätte ich das Buch dort nicht vor einiger Zeit entdeckt, wäre es in der Vierergruppe von Mybook achtlos und glatt als Humor/Bayern/Lokalkrimi durchgerutscht. Angekreuzt hatte ich das in meinen Anforderungen nicht.

Die zweite Mail versuchte sich vielleicht in Wiedergutmachung, was aber mit den ersten beiden Titeln gar nicht funktionierte: “Grabt Opa aus!” von Tatjana Kruse und “Unter allen Beeten ist Ruh” von Auerbach & Keller. Die Kurzbeschreibungen wollten mich nicht begeistern (siehe oben: die angegebenen Lieblingsautoren und Lieblingsbücher). Den dritten Titel (“Der Tote im Eisfach – Dr. Siri ermittelt” von Colin Cotterill) hätte ich gar nicht erst empfohlen, denn Cotterill hatte ich als Lieblingsautoren angegeben und damit wohl eine Steilvorlage geliefert, aber eben auch das Risiko, dass ich den Titel schon längst kennen könnte. Was bei Lieblingsautoren durchaus passieren kann. Nennt mir jemand einen bestimmten Autoren, käme ich selber übrigens definitiv nicht auf die Idee, gleich ein weiteres Buch dieses Autoren zu empfehlen. Entweder wurde die Liste der Lieblingsautoren nicht zu Rate gezogen (was ich immer wieder argwöhne) oder Mybook wollte auf Nummer Sicher gehen. Ein Kunststück war allerdings Titel 4, denn das ist ein Buch, das ich tatsächlich als Geheimtipp verbucht hätte (weil ich es bereits kenne): “Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät” von Nury Vittachi. Es gehört zur metro-Reihe vom Unionsverlag, einer Krimiserie, die kleine Schätze aus aller Welt parat hat.

In der dritten Mail eine einzelne Empfehlung, die Autoren aus einer anderen Mail wiederholt, Auerbach und Keller. Laut Verlagsangaben “Wohlfühlkrimis”, humorvoll, sympathisch und skurril. Allerdings hatte ich “lustig” im Fragebogen nicht angekreuzt, wie schon geschrieben, sondern “anspruchsvoll”. Da bin ich mir ganz sicher. Ebenso sicher passt das Buch -folgt man der Verlagsbeschreibung- nicht dazu. Eine der weiteren Mails geriet da schon besser mit Empfehlungen von Christian Mähr, den ich meiner persönlichen Einschätzung zufolge so verorte, wie ich es in meinen Wünschen formuliert hatte. Einen der drei genannten Titel von ihm kannte ich bereits. Eine weitere Mail empfahl zwei ältere Werke verschiedener Autoren, die ich ebenfalls schon kannte (wurde da auf der Website gespickt?).

Halbe halbe

Mein persönliches Fazit fällt nach mehreren Mails halbherzig unentschieden aus. Hauptsächlich aus diesem einen Grund: Mit den Autoren und Titeln, die ich im Fragebogen genannt hatte, hatten die folgenden Empfehlungen für mein Empfinden wenig gemein. Mag sein, dass ich keine einfache Kandidatin bin, weil ich nach all den Jahren ziemlich genaue Vorstellungen davon habe, was ich lesen möchte (und auch Vorstellungen davon, was ich nicht lesen möchte). Aber wenn ich den Eindruck gewinne, dass maßgebliche Teile aus dem Fragebogen nicht genutzt wurden, hinterlassen die Empfehlungsmails trotzdem den Eindruck abgetippter Bestsellerlisten, Verlagstipps und ähnlichem. Hauptsache, es passt zur Auswahl “Krimi”. Zu Higashino und Macdonald, zu Manotti und Gnarr, finde ich, passen Föhr, Kruse, Auerbach und Keller nicht überzeugend dazu, wenn ich mir die Verlagstexte dazu durchlese. Es mögen Krimis sein, die mich tatsächlich unterhalten hätten (was für Nuri Vittachi und Colin Cotterill in der Vergangenheit ja auch zutraf und ich hatte mit Jörg Maurer schon einmal einen vergnüglichen durchgeknallten Alpen-Krimi auf dem Tisch). Aber ich wiederhole mich: Danach hatte ich bei Mybook gar nicht gefragt. Humorkrimis will ich gerade gar nicht auf dem Lesesofa haben.

Der Clou der persönlichen Empfehlungen mag ziehen, vor allem in einer Zeit, in der Onlineshops rein technische Lösungen bieten. Ich denke, dass es auch viele Leser gibt, die mit dem Angebot deutlich besser zurecht kommen und gerne nehme ich auch die Replik in Kauf, dass ich mit zu hohen Erwartungen ins Rennen gegangen bin. Vielleicht passen in die Zielgruppe von Mybooks eher Leser, die keine allzu spezifischen Vorstellungen von ihrer kommenden Lektüre haben? Vielleicht ist es das, was man die breite Masse nennt. Für meinen Teil werde ich weiter mit den langjährig erprobten Kanälen aus direkten, persönlichen Kontakten arbeiten, bei denen ich mich gut bedient fühle.


Foto: Bettina Schnerr

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