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Foto: Karl Magnuson

Die rote Sonne und ihre Geschwister

Manchmal lösen kleine Fragen große Gedankengänge aus. In meinem Fall war’s die Frage von Thomas Malzen nach dem Cover der aktuellen Murakami-Romane. Er hatte die niederländische Ausgabe entdeckt und in der Facebook-Gruppe des Dumont-Verlags vorgestellt. Darauf zu sehen eine nicht näher identifizierte weiße Silhouette, in Softeisfarben umgeben von Linien auf dem ersten, durchzogen von eben diesen Linien auf dem zweiten Cover.

Welche Ausgabe sieht nun besser aus? Eine angemessene Symbolik hätten die Niederländer reingepackt, die Deutschen orientierten sich richtigerweise mehr an den bisher gestalteten Covern, befand Thomas nach kurzer Überlegung. Die Orientierung kann ich nachvollziehen. Woran Thomas denkt, ist vermutlich eine gleichartige Motivserie wie diese:

Kleine Blickwinkeländerung

Die Farben passen, allerdings wird mit dem hellen Hintergrund gebrochen und die vielgestaltigen Formen auf den Vorgängertiteln verändern sich hin zu einer ganz schlichten Struktur.

Was ich sehe, ist etwas ganz anderes. Nämlich einen einfachen Kreis, einen davon sehr orange. Und so etwas finde ich auf vielen japanischen Titeln, sodass meine Assoziationsreihe ganz anders aussieht:

Was seht ihr nun?

Keine Frage, als Verlag hat sich Dumont beim Design an den eigenen Mustern orientiert. Doch während die anderen Cover keinen Japan-typischen Bezug haben, liefert mir persönlich das neue Murakami-Design genau das: Ein Japan-Klischee. Farbabgleich mit den älteren Titeln hin oder Autoren-bezogenes Design her.

Es geht auch freundlicher im Design und weitaus weniger finster (wenngleich die Romane nicht immer so freundlich sind wie die Cover es vermuten lassen), aber ich kann die Reihe problemlos fortsetzen.

Spontan fallen mir zusätzlich noch diese ein: Bei Sayaka Murata wird die Farbzuordnung kurzerhand umgedreht (roter Hintergrund, schwarze Sonne wie Barry Lancets Tokio Kill), in der Taschenbuchfassung von Christoph Peters’ Mitsukos Restaurant wird die Sonne so groß gezogen, dass sie nur noch als Bogen den oberen Titelbereich abdeckt ist (im Hardcover aber ist es ein Motiv, wie es in der Galerie mehrfach zu finden ist) und natürlich Jake Adelsteins Tokio Vice. Sollte Heyne (hoffentlich) auf die Idee kommen, auch den dritten Teil der Jim Brodie-Serie zu veröffentlichen, kommt bestimmt eine Variante der ersten beiden Cover zum Einsatz.

Nicht, dass die Cover allesamt hässlich sind und alleine wegen der Symbolnutzung verdammenswert. Das finde ich noch gar nicht mal. Ich finde es witzig, wenn bei Carsten Germis eine rote Schüssel und Ketchup die rote Sonne symbolisieren. Ich finde es schön, wie sich die Sonne bei Frederica de Cesco in Kraniche auflöst. Ich mag die Schattenbilder bei Jonathan Lee und Natsume Soseki und ich mag das knallbunte Murata-Cover mit den Fugu sehr. Trotzdem muss ich mal fragen, warum sich die Covergestalter so gerne bei dem Motiv der japanischen Flagge bedienen.

Um nochmal zu den niederländischen Covern zu kommen: Die fand ich gerade interessant, weil sie offensichtlich einen Bezug zum Buch haben — ich finde, das sieht man auch ohne das Buch zu kennen (damit meine ich mich und ich sah meine Vermutung durch Thomas’ Antwort in der Community auch bestätigt).

Im Hinterkopf hatte ich bei der Gelegenheit die Stimme von Katja Cassing: “Ich verkaufe nicht Japan,” rief sie beim Telefoninterview zum Cass Verlag in den Hörer. Sie verkaufe Literatur und auf die Ausstattung achtet sie deshalb, damit sich die Cover an den Inhalten orientieren, nicht am Herkunftsland. Ist es tatsächlich so schwer, Cover ohne Klischees zu gestalten, die aber mit dem Buch oder Japan zu tun haben können? Was ich bei Sachbüchern oder Reiseführern noch nachvollziehen kann (zum Beispiel Japan für die Hosentasche), muss bei Belletristik nicht unbedingt sein.

Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Cover, die sich Klischees bedienen. Manche davon sind eher phantasielos, andere sehr schön, manche mit mit viel Bezug zum Buch, manche mit weniger. In einigen Fällen erledigt es die Farbkombination Rot-Schwarz-Weiß, wie zum Beispiel bei den neuen Covern von Sujata Massey und bei einigen der Cover, die ich oben schon gezeigt habe. Manchmal sind es landestypische Motive wie Bambus, Kimonos, Schwerter, Kraniche … und natürlich Kirschblüten. Aber bei keinem anderen Motiv sind sich die Grafiker offenbar so einig wie bei diesem, der roten Sonne und ihren variantenreichen Geschwistern.

2 comments

  1. Vielen Dank für deine Mühen – diese thematische Einfalt in der Gestaltung habe ich auch schon bemerkt. Habe zuletzt “Schatten der schwarzen Sonne” von Nicolas Obrégon und “64” von Hideo Yokoyama gelesen. Obwohl ich 64 gestalterisch klasse finde, kommt das Buch auch nicht ohne rote Sonne auf dem Buchschnitt und Kirschblüten auf dem Cover aus. Und Obrégons Buch ist ja auch voller graphischer Klischees.
    Vielleicht wagen die Verlage in Zukunft ein bisschen mehr gestalterische Raffinesse …

    1. Hallo Marius,

      ich würde mich auch freuen, wenn die Vielfalt sich vergrößerte!
      Bei 64 geht es mir wie dir: Großartige Gestaltung insgesamt. Aus diesem Grund kann ich so manches Cover auch richtig gut finden. Gerade bei “64” oder “Geständnisse” wabert etwas Bedrohliches aus dem Cover, jeweils auf geschickte Art ausgelöst. Beide Cover mag ich also. Aber gerade aus der oberen Musterreihe sticht wirklich nur eines mit Originalität heraus.

      “64” auf Englisch kommt vollständig ohne Klischee aus, passt gut zum Buch. Von Obregon habe ich extra mal die Cover gegooglet: Japanisches Nachtleben, aber für mich nicht so übel. Vor allem das Penguin-Cover ist toll!

      Viele Grüße!

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