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John Verdon – Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks

John Verdon - Die Unbarmherzigkeit des AugenblicksCarl Spalter will gerade die Grabrede für seine Mutter halten, als er vor den Augen der Trauergäste eine Kugel in den Kopf bekommt. Als Täterin wird kurz darauf seine eigene Ehefrau verurteilt. Es gibt nur einen Haken: Der tödliche Schuss wurde offenbar aus einer unmöglichen Position ausgeführt. Dave Gurney, genialer Mordermittler im Ruhestand, rollt den Fall neu auf – und kommt dabei einem Killer auf die Spur, der sich das Unmögliche zur Spezialität gemacht hat.

Rezension

Der pensionierte Ermittler Dave Guerney genießt seinen Ruhestand und baut Hühnerställe auf dem Land. Zum Missfallen seiner Frau Madeleine allerdings verfolgt ihn sein exzellenter Ruf als hartnäckigiger und brillanter Detective mit allerbester Auflösungquote immer noch. Sein alter Weggefährte Jack Hardwick kontaktiert ihn wegen des Falles Carl Spalter. Der Immobilienbesitzer und Politikanwärter war -so die offensichtliche Sachlage- von seiner Frau erschossen worden. Hardwick kommt der Fall von vorne bis hinten erstunken und erlogen vor und da er mit der Polizei wegen seiner Kündigung ohnehin über Kreuz liegt, will er nicht nur den Fall Spalter gerade rücken, sondern seine ehemaligen Arbeitgeber gleich noch so richtig vorführen. Wegen schlampiger Ermittlungen, Manipulation von Beweismitteln und der Beeinflussung von Zeugen. Obwohl Guerney weiß, dass für Hardwick mehr der Hass als die Wahrheitsliebe Antriebsfeder für eine Neuaufnahme des Falles ist, lässt er sich auf die Recherche ein.

Der Fall Spalter bietet eine raffiniert konstruierte Ausgangslage, mit einem Schusswinkel, der unmöglich ist, falsch aussagenden Zeugen und einem Beamten, der mit Kay stellvertretend seine eigene Ex-Frau hinter Gitter bringen wollte. Es wird schnell offensichtlich, dass der Prozess gegen Kay Spalter ziemlich missraten ist und dass einige sehr üble Verfahrensfehler gemacht worden waren. Für eine Neuaufnahme des Verfahrens müssen diese beweisbar sein, eine Aufgabe, die zwar nicht einfach wird (da Guerney und Hardwick beide außer Dienst sind), aber lösbar. Viel wichtiger ist aber zumindest Guerney, dass er auch die Wahrheit über den Mord herausfindet. Und das ist ohne Polizeikollegen im Rücken schon viel schwieriger.

Guerney kommt schnell dahinter, dass ein Auftragskiller beteiligt war. Diese Tatsache an sich tut dem Fall keinen Abbruch. Was aber den Fall kurz danach zu einem wenig spannenden macht, ist die bald folgende Erkenntnis, dass es ein durchgeknallter Psychopath ist, mit schwerer Kindheit und viel Hass auf die Welt. Ab da bleibt es wohl interessant, wie sich der Fall Spalter auflösen lässt. Wer hat den Auftrag erteilt? Wie passen die Zeugen ins Muster? Und wer verfolgte während des Prozesses noch eigene Interessen? Aber mehr als interessant ist es einfach nicht mehr. Der Fall kostet ab dann sinnlos unschuldige Opfer, wird von den Medien hochgekocht, um den Killer aus seiner Reserve zu locken, und wird total berechenbar.

Irgendwann kommt es zum Showdown gegen Guerny mit noch viel mehr Opfern und Guerney wird ganz sicher der einzige sein, der sämtliche überaus raffinierten Fallen des Täters überleben wird. Das gibt keine Punkte mehr auf der Spannungsskala, sondern nur noch welche bei sensationsheischenden Effekten. Und der englische Originaltitel nimmt es daüber hinaus vorweg: Peter Pan must die (Peter Pan muss sterben). Ein Spoiler ist das aber beileibe nicht: Psychokiller dieser Art entkommen entweder und nehmen erneut Anlauf oder sie erleben das Ende des Buches nicht. Vor Gericht kommen sie niemals.

Um das Ganze noch ein bisschen zu garnieren, wird auch Guerney eine kleine Psychose angehängt und Madeleine diagnostiziert bei ihm, unterstützt von einem Psychologen, Todessehnsucht und ein bewusstes Verlangen danach, sich wegen der Gefahren gezielt um Psychopathen kümmern zu wollen. Es gibt einen tragischen Verlust in seiner Vergangenheit und natürlich Differenzen mit der werten Gattin. Ein ziemlich dick beschmiertes Butterbrot mit allen Zutaten, die es für einen Thriller mit irgendwie “psycho” braucht. Und für mich war es schade um den ansonsten wirklich kniffligen Fall, aus dem ein korrupter Polizist einen persönlichen Rachefeldzug gemacht hat. Haben diese perfekten Zutaten nicht gereicht? Mich würde sehr interessieren, was für einen Justizthriller und Pageturner einer wie John Grisham aus der Ausgangslage gemacht hätte. Ohne den derzeit überall auftretenden Killer mit Psychoknacks. Sondern mit Menschen, deren normale Charakterzüge schon reichen, um einen Ermittler zur Verzweiflung bringen zu können.

Typischerweise heißt es oft, das Buch sei immer besser als die zugehörige Verfilmung. Bei Verdons Buch könnte es genau andersherum sein; ich sehe die Spezialeffekte zum Finale vor Augen. Die Pyrotechnik hätte ihren Spaß daran und der Zuschauer ausreichend Popcorn. Verdons Thriller ist perfekt für Leser, die dicke Schmöker mit merkwürdigen Killern schätzen. Lesern, die die Spannung lieber aus vertrackten Fällen, kurvenreichen Ermittlungen, Finten und guten Charakteren ziehen, mag ich Verdon nicht empfehlen. Aber Hollywood könnte mal bei Verdons Agentur anrufen; die Adresse steht auf seiner Website.

Bibliografische Angaben

Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-41830-1
Originaltitel: Peter Pan must die
Erstveröffentlichung: 2014
Deutsche Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzung: Friedrich Mader
Autorenwebsite

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