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Dominique Manotti – Das schwarze Korps

Dominique Manotti - Das schwarze KorpsNoch herrschen deutsche SS und französische Gestapo über die Stadt. Aber man kann schon spüren, wie der Wind sich dreht. Besatzer und Kollaborateure setzen alles daran, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Im Salon der schönen Dora Belle trifft sich die Führung von SS und Wehrmacht mit Vertretern von Industrie, Finanzwelt und Kultur: Gemauschel, Delikatessen, Champagner, Sex. Inspecteur Domecq, Kommissar der Pariser Sittenpolizei, muss jetzt sehr geschickt lavieren. Denn nicht nur militärisch steht die entscheidende Schlacht bevor.

Rezension

Dominique Manotti nimmt und mit in die letzten Wochen von Paris unter deutscher Herrschaft: Sie steigt ein am 6. Juni 1944, dem Tag, an dem die Alliierten in der Normandie landeten. Was ausgehend von der Landung an den beiden Fronten in Frankreich und Russland geschieht, erzählt jeweils ein kurzer Abschnitt mit Fakten, der jedem datierten Tag im Roman vorausgeht. In den folgenden zehn Wochen bis zur Befreiung von Paris verfolgt Manotti das Tagesgeschehen, das zu einem tückischen Kampf um die beste Ausgangsposition nach der Niederlage der Deutschen ausartet. Denn dass die Deutschen verlieren werden, scheint den Parisern immer klarer. Wer kann, verschachert teure Weine oder Waggonladungen mit Kaffee und versucht, so viel wie möglich in ein neues, befreites Leben hineinzuretten. Und ausreichend Geld ist dabei eben das wichtigste Startkapital.

Hinter den Kulissen wechseln möglichst viele jener Franzosen, die sich in den vorigen Jahren gut unter deutscher Herrschaft eingerichtet hatten, zur anderen Seite – lebend und ohne Verluste, so ihr Ziel. Die Amerikaner suchen Verbündete für den Neuaufbau und brauchen Sponsoren unter den Industriellen. Die Deutschen raffen zusammen, was sie kriegen können und hauen ab. Die Franzosen, die mit der deutschen Regierung nie viel anfangen konnten, werden mutiger und wehren sich zunehmend gegen Übergriffe. Eine chaotische und gefährliche Zeit, in der sich jeder herausnimmt, was opportun ist. Verrat, Diebstahl und Mord inklusive.

Lichtblick in dieser unbarmherzigen Szenerie ist Domecq, ein junger Polizist bei der Sitte, der für Charles de Gaulle als Informant arbeitet. Er knüpft Kontakt zu Dora Belle, um in deren Salon Neuigkeiten und Vorhaben aufzuspüren, immer mit dem Risiko, enttarnt zu werden oder falsche Kontakte zu knüpfen. Denn Domecq merkt bald, dass nicht wenige an zwei Seiten informieren, um ihr Überleben zu sichern. Die für ihn verwirrenden Verhältnisse sind es mitunter auch für den Leser, der in demselben Tempo mitdenken muss, um mit Domecq am Ball zu bleiben.

Manotti erzählt nüchtern, oft stichwortartig. Schrecken und Gewalt wirken durch diese unsentimentale Sprache doppelt, zumal in vielen Szenen sehr deutlich wird, wie sehr der Umgang mit Gewalt die Menschen abstumpfen lässt. Manotti vergisst nicht, auf die Mechanismen der Macht hinzuweisen:

“Er war durch Zufall in die Rue de la Pompe gekommen, ein lustiger hilfsbereiter Geselle, ihm gefiel die kameradschaftliche Atmosphäre, die viele Kohle, das neue und wohlige Gefühl, völlig ungestraft über den anderen zu stehen. Man gewöhnt sich schnell ans Töten.”

“Das schwarze Korps” ist eine Geschichtsstunde, die historische Fakten zum Leben erweckt und die, speziell für deutsche Leser, eine neue Perspektive auf das französische Leben bis 1945 öffnet.

Bibliografische Angaben

Verlag: Argument Verlag
ISBN: 978-3-867-54206-7
Originaltitel: Le Corps Noir
Erstveröffentlichung: 2004
Deutsche Erstveröffentlichung: 2012
Übersetzung: Andrea Stephani

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