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Durian Sukegawa – Kirschblüten und rote Bohnen

Durian Sukegawa - Kirschblüten und rote Bohnen

Sentaros Tagesablauf ist schnell erzählt: Morgens öffnet er den kleinen Dorayaki-Laden Doraharu, backt, füllt und verkauft die kleinen Leckereien und abends schließt er den Laden. Gesellschaft nach Ladenschluss hat er lediglich in Gestalt von Bier und Sake. Denn Sentaro saß eine Weile im Knast und findet in der Gesellschaft keinen Anschluss mehr. Dass der Dorayaki-Laden eine Stelle für ihn hatte, liegt schlicht daran, dass er dem alten Besitzer Geld schuldete und das nun für dessen Witwe pflichbewusst abarbeitet.

Die alte Frau unter den Kirschbäumen

Eines Tages steht Tokue Yoshii vor seiner Theke und bittet um einen Job. Sentaro windet sich, setzt den Stundenlohn lächerlich niedrig an, doch die alte Dame wird er nicht los. Als “Bewerbung” bringt sie ihm eines Tages selbst gemachtes An mit, jene Paste aus roten Bohnen, mit denen Sentaro seine Dorayaki füllt.

Dieses An verändert Sentaro und das Doraharu. Er wirft die Fertigpaste aus dem Programm und lernt, wie man An selber kocht. Der Laden erlebt eine Blütezeit, die auch der Witwe nicht verborgen bleibt. Sentaro verschweigt ihr zwar die Anstellung von Tokue, doch die Besitzerin bekommt von der Küchenhilfe natürlich etwas mit. Und bald ahnen sie und die Kunden, welche Geschichte Tokue mit den knotigen Fingern hinter sich hat und bleiben plötzlich aus.

Drei Außenseiter halten zusammen

Sentaro und Tokue gehören zu den Außenseitern der Gesellschaft. Als Ex-Knacki hat Sentaro kaum eine Chance auf einen Arbeitsplatz nach Wunsch. Entsprechend lustlos kümmerte er sich bisher um den Imbiss. Tokue ist auf andere Art gezeichnet. Sie hatte als junges Mädchen Lepra bekommen, eine Krankheit, die mit lebenslanger Isolation einherging, in einem Sanatorium mit dem zynisch hübschen Namen Himmelsgarten. Mittlerweile gibt es gegen Lepra längst wirkungsvolle Medikamente und Mitte der 1990er Jahre wurde in Japan das Gesetz aufgehoben, das auch die Geheilten unter Zwangsquarantäne stellte. Doch selbst zwanzig Jahre danach lassen sich die Menschen nicht mit medizinischen Fakten beruhigen.

Dritte in diesem solidarischen Bund ist die Schülerin Wakana. Sie stammt aus ärmlichen Verhältnissen, einem schwierigen Elternhaus und kann sich die Dorayaki eigentlich nicht leisten. Die gutmütige Tokue steckt ihr jene Küchlein zu, die für den Verkauf nicht geeignet sind.

Eine besondere Freundschaft

Für Menschen, die nicht perfekt in ihre von der Gesellschaft zugedachten Rollen passen, ist es schwierig. Nicht nur in Japan. Vielleicht erinnert sich jemand noch an die Rezension zu Sayaka Muratas Die Ladenhüterin, die sich bereits mit Außenseitern befasste und bewies, dass deren Fähigkeiten schnell übersehen oder gering geschätzt werden. Auch Durian Sukegawa macht Menschen mit verschiedenen Makeln zu seinen Protagonisten und diese zeigen sich gegenseitig, was sie füreinander leisten können. Was sie vielleicht auch für andere leisten könnten, wenn man sie ließe.

Ganz gleich, wie viel wir verlieren — selbst, wenn es alles ist — und wie schlecht wir behandelt werden, wir bleiben Menschen. … Unser Kampf fand in tiefster Dunkelheit statt, und wir hatten keine Aussicht, ihn zu gewinnen. Unser einziger Stolz, das Einzige, woran wir und klammerten, war unser Menschsein.

Sukegawa arbeitet mit vielen Symbolen. Für ihn im Mittelpunkt steht An, die Bohnenpaste, und mit An sind das Schicksal und die Lebenserfahrungen von Tokue verbunden. Sie ist eine Frau, die in den Jahren der Isolation, zurückgeworfen auf sich selbst, das Dasein neu definieren musste und was ihr — wie Sukegawa zeigt — mit viel Schmerz, aber auch mit Klugheit und Energie gelungen ist.

Kirschblüten und rote Bohnen ist ein sanftes und melancholisches Buch, ohne in Rührseligkeit oder Kitsch abzudriften. Man kann sich manchmal vielleicht an jemanden wie Tokue erinnern, um Kraft zu schöpfen oder sich auf unseren inneren Kern zu besinnen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9812-1
Originaltitel: An, あん
Erstveröffentlichung: 2013
Deutsche Erstveröffentlichung: 2016
Übersetzung: Ursula Gräfe

2 comments

    1. Liebe Ina,

      vielen Dank für den Link! Ich habe durch das Buch auch viel über den Umgang mit Lepra erfahren.
      Mir geht es ähnlich wie dir: Ein wirklich berührendes Buch. Sukegawa schafft meiner Meinung auch den schmalen Grat der Empathie zu balancieren, ohne in Kitsch oder großen Pathos abzustürzen. Für Thema und Botschaft nicht unwichtig, genau das zu vermeiden.

      Liebe Grüße, Bettina

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