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Eckhart Nickel – Hysteria

Eckhart Nickel - Hysteria

Als die Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis herauskam, war ich zunächst ratlos, in welchen der zwanzig Titel ich zuerst reinlesen sollte. Kurzbeschreibungen gab es ja nun in Hülle und Fülle, aber manchmal ist zuviel Auswahl tatsächlich genau das: zu viel. Da erschien es ausgesprochen sinnvoll, sich einen Abend in den Buchladen von Marianne Sax zu verdrücken, die alle zwanzig Titel mit einem kleinen Bücherabend vorstellte. Praktisch, dass Sax auch gleich noch Jury-Mitglied in diesem Jahr ist und alle Bücher kennt wie ihre Westentasche. Die Hefte mit den Leseproben waren schnell vergriffen … nicht wild, denn ich hätte vor demselben Problem gestanden wie schon vor dem Abend, mit zwanzig Möglichkeiten und das sind ganz schön viele. Ich wollte wissen, was Sax zu den Büchern erzählt, wie sie kommentiert und was sie herausstreicht. Und irgendwann an diesem Abend fiel dieser Satz:

Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.

Mit so etwas harmlosem wie Himbeeren Spannung aufbauen und eine kleine Katastrophe heraufbeschwören? Funktioniert. Hysteria war das erste Buch, das ich aus dem Reigen der Longlist auswählte.

Bei Eckhart Nickel fallen die komischen Himbeeren einem Mann namens Bergheim auf einem Biomarkt auf. Bergheim, Absolvent eines Kulinarik-Studienganges, reagiert sehr sensibel auf farbliche oder haptische Abweichungen. Als ihm kurz darauf noch ein seltsames Rind unter die Augen kommt, sucht er nach der Kooperative, die den Marktstand betreibt. Sie heißt Sommerfrische, liegt irgendwo im Wald verborgen und empfängt Bergheim mit offenen Armen. Über eine Angestellte lernt er das Kulinarische Institut kennen und trifft dort überraschenderweise auf eine alte Studienkollegin, Charlotte. Die hat es bis in die Führungsetage geschafft und führt Bergheim durch die Räume. Allerdings unter seltsamen Vorzeichen: Sind andere dabei, tut sie so, als sei ihr Bergheim fremd.

Noch interessanter wir der Aufenthalt im Institut, als ein weiterer Studienkollege eintrifft: Ansgar arbeitet als Fruchtdetektiv und ist Ehrengast des Hauses. Im Institut scheint irgendetwas nicht zu stimmen und während des speziell entwickelten Galaessens für Ansgar zerbricht die elegante und intelligente Fassade des Hauses.

Die Kunst der modernen Ernährung

Hysteria spielt in der Zukunft und vermutlich in einer gar nicht so weit entfernten. Durch die Geschichte führt Bergheim, zeitnah über seine Recherchen zu den merkwürdigen Himbeeren und in Rückblicken über Erinnerungen an seine Studienzeit und die Anfänge der Umweltschutzbewegung. Die begann unter anderem mit Abfalltrennung und unterschiedlichen Versuchen, den CO2-Ausstoß in den Griff zu bekommen. Parallel dazu entwickelten sich zahlreiche Vorschriften zum gesunden Leben, Koffein und Alkohol verschwanden von der Bildfläche. Wie sollte es anders sein, nicht alles davon kam und kommt gut an.

Zu Studentenzeiten rebellierte eine Gruppe von Studenten, indem sie 10 Gebote erstellte, gedacht als “ironischer Kommentar zu den immer schärferen Auflagen des damaligen Umweltministeriums”. Gebote allerdings, die auf die Naturpartei nicht ironisch genug wirkten und in reale Gesetze überführt worden waren. Der Schutz der Natur wurde so weit entwickelt, dass der Mensch nicht mehr als ein Teil von ihr angesehen wird:

Die Existenz der Menschen auf der Erde ist ein biologischer Zufall und steht der uneingeschränkten Entfaltung der Natur nur im Weg.

Die Idee des Kulinarischen Instituts war es, naturverträgliche Ernährung zu entwickeln. Manche Grundprinzipien aus der Anfangszeit der Bewegung kennt man aus dem Konzept der Fruktarier. Es gibt eine Art “biodynamischen Friedensvertrag” mit der Natur, auf dessen Basis das komplette Leben der Menschen stattfindet. Der Vertrag wurde allerdings aufgekündigt, sozusagen. Nicht von den Menschen, wie sich herausstellt.

Vom spurenlosen Leben

Mich hat das Buch sehr ansgesprochen und ich bin dankbar, dass ich über die Nominierung auf den Titel aufmerksam wurde. Eckhart Nickel hinterfragt auf intelligente Art unseren Umgang mit der Natur. Von den Facetten der Übertreibung verschiedener Maßnahmen bis hin zu gangbaren Möglichkeiten, von Modellen, die bereits existieren bis hin zu Zukunftsvisionen, was sein kann. Was nicht sein sollte, davon liegt viel in unserer Hand — nur erinnert uns Hysteria daran, dass wir nicht der Chef im Hause sind. Also sollten wir uns vielleicht besser nicht so aufführen.

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