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Edney Silvestre – Der stumme Zeuge

Edney Silvestre - Der stumme ZeugeSão Paulo, Brasilien: Ein kleiner blonder Junge wird mit einer Luxuslimousine von der Schule abgeholt. Minuten später ist der Fahrer des Wagens tot, das Kind in der Gewalt einer Söldnertruppe. Mit der Entführung soll der Vater des Kindes, der mächtige Medienmogul Olavo Bettencourt, zur Aufdeckung eines Korruptionsskandals der brasilianischen Politikelite gezwungen werden. Doch Bettencourt reagiert nicht auf die Forderungen und den Entführern läuft die Zeit davon. Sie bekommen Zweifel: Haben sie den richtigen Jungen in ihrer Gewalt?

Rezension

Die Welt ist für Olavo Bettencourt ein einziger großer Selbstbedienungsladen. Der Agenturchef räumt die ganz wichtigen Kampagnen ab und verdient das große Geld. Im Hintergrund ist er mit allen bedeutenden Persönlichkeiten aus Medien, Industrie und – vor allem – Politik vernetzt. Ein Netzwerk, das ihm seinen Status überhaupt erst sichert. Während er vordergründig um einen Auftrag pitcht, dient er im Hintergrund als Strohmann für Politiker, die sich über ihn zum Beispiel Wohnungen in New York bezahlen lassen. Jetzt träumt er selbst von Apartments in New York und Paris, die Ausweitung seines privaten Territoriums ist nur ein paar Telefonate weit entfernt. In Kürze wird er wieder so einen Kaufvertrag stellvertretend für einen Minister unterschreiben und freut sich bereits über die Kette von Gefälligkeiten, die er daraufhin einfordern kann. In der Situation platzt die Bundespolizei bei ihm herein. Der Sohn des Hauses sei aus der Limousine heraus entführt worden, der Chauffeur wurde dabei erschossen.

Abgesehen von wenigen Rückblicken spielt der Hauptteil des Buches an einem einzigen Tag, dem der Entführung. In kleinen, jeweils genau datierten Happen springt Silvestre zu den einzelnen Personen, die von der Entführung in Mitleidenschaft gezogen werden oder direkt damit zu tun haben. Mit dem Wechsel der Perspektiven verschafft er dem Leser einen intimen Einblick in die einzelnen Lebenssituationen. Ganz direkt in die der Protagonisten, indirekt in die Funktionstüchtigkeit der Gesellschaft.

Silvestre ist in Brasilien als kritischer Kopf bekannt. Eine seiner Reportagen für das Magazin O Cruzeiro missfiel der einstigen Militärdiktatur besonders und Silvestre verlor daraufhin seine berufliche Grundlage. Er arbeitete mehrere Jahre hinweg in der Werbung, bevor er erneut als Journalist schreiben konnte. Sein Überblick über die Mechanismen und die verfilzten Strukturen findet sich in seinem Kriminalroman wieder. Die Mehrheit der Beteiligten ist kriminell, aber nur die Entführer werden als solche verfolgt. Die Wirtschaft- und Politikeliten erhalten sich nach eigenen Regeln selbst und die Polizei spielt mit. Bettencourt nutzt die Entführung für einen PR-Coup in eigener Sache und setzt dafür auf loyale Polizisten, die ihm und seinem Freundeszirkel wohlgesonnen sind. Bezeichnend die Reaktion von Bettencourt, als er davon erfährt, dass bei Entführungsfällen routinemäßig die Telefone der Familie angezapft werden. Ausgerechnet jetzt, wenn die finalen Abstimmungen für den geschickt eingefädelten Wohnungskauf laufen. Da er die Abhörung nicht ohne Weiteres stoppen kann, muss eben die Entführung so schnell wie möglich beendet werden. Die Entstehung seiner Kreation wird zur menschlich widerwärtigsten und entlarvendsten Szene des Buchs.

Silvestre lässt den Leser selbst entscheiden, wie er zu den Figuren steht. Er urteilt nicht, aber die Sympathien und Antipathien werden schnell offenbar. In der Kürze der Szenen entstehen von den Protagonisten präzise Studien. Bettencourt, unersättlich und gierig, ist ein grandioser Manipulator. Seine zweite Frau Mara, die sich einst mit der Heirat in bessere Kreise gehoben glaubte, ekelt sich inzwischen vor ihrem Mann. Sie reagiert instinktiv besorgt auf die Entführung und begreift fassungslos, wie ihr Mann die Ehe versteht und aufgebaut hat. Mit der Hausdame Irene, dem Chaffeur und dessen Tochter Barbara sind drei Personen im Spiel, die den Machenschaften der Eliten machtlos gegenüber stehen. Drei Personen, die an gute und solide Arbeit glauben und denen dieses eine Ereignis zeigt, wie viel Integrität wert ist.

Das Ende des Buches bleibt grandios offen. Es verspricht Veränderungen, Umbrüche und persönliche Emanzipation. Möglicherweise aber versinken die Ambitionen im Filz des Systems (hier ein kurzer Abriss über die eingeschliffenen Mechanismen, Spieler und Gegenspieler anlässlich der Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff). Vielleicht ist Barbaras Entscheidung am Ende jene Wertung, die Silvestre das Buch über still vermieden hat. Sie erkennt ihre wahren Perspektiven und will das Land umgehend verlassen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Limes
ISBN: 978-3-80902-658-7
Originaltitel: A felicidade é fácil
Erstveröffentlichung: 2011
Deutsche Erstveröffentlichung: 2016
Übersetzung: Kirsten Brandt
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