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Bokrea. Foto: Lars Aronsson, Stockholm 2009: die Bokrea-Fensterauslage der Akademibokhandeln, Mäster Samuelsgatan 28

Februar ist Zeit für bokrea

Literatur-Volksfest auf Schwedisch

Paradiesische Zustände für Literaturfreunde: Einmal im Jahr fallen hunderte Leseratten über Buchhandlungen her, kaufen sich an Büchern satt und schleppen ihre erworbenen Schätze kiloweise durch den Schnee nach Hause. Was hier so utopisch anmutet, ist in einem anderen Land tatsächlich alljährliche Routine: Möglich macht das Bokrea, der schwedische Bücherausverkauf im Februar.So ein Bokrea beginnt für so manchen Schweden mit einem wahren Schlachtplan bereits mehrere Tage zuvor. Einen Tag Urlaub beim Chef einreichen, vorab verteilte Kataloge nach interessanten Werken und Autoren abgrasen, ausreichend Tüten und Taschen bereit stellen, rechtzeitig Schließfächer für die Zwischeneinlagerung suchen und am Tag zuvor früh zu Bett gehen.

Nichts für Langschläfer

Bokrea beginnt in der Regel bereits um sechs Uhr morgens. Um diese Uhrzeit stehen bereits zwei bis drei Dutzend Leseratten pro Buchhandlung vor der Tür, um die umfangreichen Stapel reduzierter Bücher zu begutachten. Seit mehreren Jahren öffnen manche Buchhandlungen sogar bereits um Mitternacht ihre Pforten, ein Kaufhaus sorgt anlässlich des Bokrea für sechzehn Extrakassen und einige Verlage drucken extra Bokrea-Exemplare auf billigerem Papier.

Im Forum von Literaturschock verfolgen die User die Kommentare von Saltanah, einer Forenteilnehmerin, die seit einigen Jahren in Schweden lebt und die von einem Bokrea gerne mal mit 40 bis 50 Büchern nach Hause zurückkehrt. Saltanah hat bei Bokrea immer Spaß:

“Trotz der frühen Zeit, der Enge und des ewigen Anstehens ist die Stimmung gut, man spiezt in die Einkaufskörbe der anderen, macht sich gegenseitig auf besondere Schnäppchen aufmerksam oder lacht über ähnlich aussehende Einkaufslisten.”

Eine ihrer Lieblingsbuchhandlungen, ohnehin schon eng und klein, wird im Februar noch enger, denn jeder Quadratzentimeter Platz wird bedingungslos den Bokrea-Stapeln geopfert. Dafür ist das Einkaufserlebnis ein ganz Besonderes: “Bereits beim Hereinkommen steht man praktisch schon in der Kassenschlange. Die Schlange ringelt sich einmal durch den gesamten Laden und auf dem Weg zur Kasse sammelt man einfach alle interessanten Bücher ein.” Futterneid gibt es übrigens nicht, denn vergessene Bücher oder spontane Wünsche vermeldet man quer durch den Laden und wildfremde Büchersüchtige reichen das ersehnte Buch quer durch den Laden weiter.

Das Bokrea-Phänomen erhielt sich auch nach Aufhebung der Buchpreisbindung 1970 — und keiner möchte darauf verzichten. Wenn ein Verlag früher ein Buch aus dem Programm nehmen wollte, gab er den Titel für den Schlussverkauf frei, bevor die Restbestände auf dem Müll landeten. Nach wie vor bleiben Bücher in Schweden ca. 3 Jahre im regulären Sortiment und sind danach in der Regel nur noch in Bibliotheken und Antiquariaten erhältlich. Dank Bokrea retten sich die lesefreudigen Schweden ihren persönlichen Lesestoff über die Jahre hinweg.

Neun Millionen Schweden kaufen übrigens doppelt so viele Bücher wie die Deutschen: Pro Kopf mehr als acht Stück pro Jahr. Saltanah hat dieses Jahr mit 43 gekauften Büchern ihren erklecklichen Beitrag dazu geleistet.

 


Foto: Lars Aronsson / Fensterauslage der Akademibokhandeln, Mäster Samuelsgatan 28, Stockholm

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