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Franz-Olivier Giesbert – Ein Diktator zum Dessert

Franz-Olivier Giesbert - Ein Diktator zum DessertRose ist 105 Jahre alt, eine begnadete Köchin mit einem kleinen Restaurant in Marseille. Sie hat den Genozid an den Armeniern, die Schrecken der Nazizeit und die Auswüchse des Maoismus erlebt. Deshalb hat sie vor nichts und niemandem mehr Angst. Für den Fall, dass ihr jemand blöd kommt, trägt sie immer einen Colt in der Tasche. Sie lässt sich von Mamadou, ihrem jugendlichen Gehilfen im Restaurant, auf dem Motorrad durch Marseille kutschieren, hört Patti Smith, treibt sich im Internet auf Singlebörsen herum und denkt auch im biblischen Alter immer nur an das Eine. Und sie meint, dass sie nun alt genug ist, ihre Memoiren zu schreiben: Um das Leben zu feiern und die Weltgeschichte das Fürchten zu lehren.

Rezension

Rose ist mittlerweile 105 Jahre alt und ziemlich abgebrüht. Ein wenig aus der Ruhe bringt sie nach vielen ereignislosen Jahren in ihrem Marseiller Restaurant allerdings eine Todesanzeige aus Deutschland. Sie beuaftragt ein 13-jähriges Schlitzohr damit, ihr mit Internetrecherchen über die Tote weiterzuhelfen, während sie selbst damit anfängt, ihre Memoiren zu schreiben. Gleich zu Beginn verrät sie ihre Lebensversicherung, die sie zeitlebens alles und alle überleben ließ:

“Damit ist euch hoffentlich von Anfang an klar, dass ich nicht zum Opfer tauge.”

Rose erlebte das Jahrhundert der Mörder hautnah: Geboren als Armenierin überlebte sie als Einzige ihrer Familie den Genozid durch die Türken, mit dem hohen Preis, danach jahrelang sexuell missbraucht zu werden. Später durchleidet sie die Judenverfolgung in Frankreich, danach die zerstörerische Politik von Mao Zedong. Immer wieder verliert sie liebgewonnene Menschen, Familie und Freunde durch diktatorische Politik, um danach bei Null anfangen zu müssen. In den Phasen der Normalität dazwischen (die sie von Beginn an nur als trügerische Sicherheit wahrnehmen kann) nimmt sie ihre persönliche Rache an Übeltätern aus der Vergangenheit, denn Rache ist das einzige Ventil, mit dem Rose inneren Frieden findet.

Rose sollte man als Botschafterin verstehen – wer sie als Mensch oder Romanfigur auffassen wil, wird schnell merken, dass sie dazu viel zu dick aufgetragen ist. Mit vielen prominenten Bekanntschaften auf der einen Seite, aber eben auch einem unsäglichen Leid auf der anderen. Mit einem Colt in der Tasche und einer rüstigen Gesundheit. Dabei ist sie als Rächerin keine wirkliche Sympathieträgerin und obendrein eine distanzierte Erzählerin.

Irgendwie ist es wohl Mode, nicht nur Romane mit viel Essen in der Handlung zu schreiben, sondern auch noch deren Rezepte anzuhängen. So geschehen auch hier; vier der Rezepte, die Rose mit wichtigen Personen aus ihrem Leben verbindet, stecken zum Nachkochen im Anhang.

Was den Roman interessant macht, sind die zahlreichen Markierungen mit interessanten Textpassagen, die den Roman jetzt zieren. Was ihn ebenfalls interessant macht, ist die politische Botschaft hinter dem historischen Konstrukt, die implizite Ermahnung, Augenmaß zu wahren und extremistische Auswüchse besser zu kontrollieren. Das zwanzigste Jahrhundert bietet ausreichend Anschauungsmaterial, um uns daran zu erinnern. Giesbert baut am Ende des Romans Zahlen ein und erinnert an zahlreiche verheerende politische Entscheidungen mit über 231 Mio. Toten. Ein humorvoller Roman ist es nicht geworden, trotz der frechen Schnauze von Rose, trotz ihrer Unbeirrbarkeit. Es ist einer, der uns mahnt und einer, der uns daran erinnert, das zu genießen, was wir haben:

“Wenn die Geschichte die Hölle ist, dann ist das Leben das Paradies.”

Bibliografische Angaben

Verlag: Carl’s Books
ISBN: 978-3-64115-619-0
Originaltitel: La cuisinière d’Himmler
Erstveröffentlichung: 2013
Deutsche Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzung: Katrin Segerer

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