Loading

Franzobel – Groschens Grab

Franzobel - Groschens GrabIn Wien-Ottakring wird eine entstellte Leiche gefunden: Ernestine Papouschek, 82, pensionierte Buchhändlerin und Bestsellerautorin von „Die Rübenkönigin“. Darin berichtet sie offen von ihren Erlebnissen mit Liebhabern, die sich auf die Annonce „Rüstige Pensionistin sucht Partner für Matratzensport“ gemeldet hatten. Ihr Tod führt Kommissar Groschen ins Verlagsmilieu, hinter Klostermauern, nach Sarajevo und unter ehemalige Kommunarden. Rasch gibt es eine Reihe Verdächtiger: den hünenhaften Nachbarn mit Lederjacke, den windigen Verleger und den Ex-Häftling Tode Todic.

Rezension

Kommissar Falt Groschen, seine Laune im Keller, er hat wildfremde Anrufer in der privaten Leitung, nichts freut ihn mehr. Nur ein neuer Mord, den es aufzuklären gilt, könnte ihn aufheitern, sofern er nicht zu kompliziert ist. Ganz einfach zu klären scheint der Mord an Ernestine Papouschek, einer Rentnerin, die mit einem Rentnerporno berühmt geworden war und durch die Talkshows tingelte. Papouschek liegt nun ermordet in ihrer Wohnung und die Mordmethode weist auf einen Straftäter hin, der gerade erst aus dem Gefängnis gekommen ist, Tode Todic. Groschens Vorgesetzter Döblinger stellt fix den Haftbefehl für Todic aus, aber der verzieht sich nach Bosnien. Groschen auf Befehl Döblingers hinterher.

Bis hierhin ein reichlich flapsiger Krimi, der nicht recht zieht. Nicht immer leicht zu lesen, da wörtliche Rede schlicht durch ein — eingeleitet wird und dann geht es im Text nahtlos weiter. Was von diesem Absatz noch gesprochen oder nur erzählt wird, bleibt dem Leser selbst überlassen und das ist nicht immer einfach zu entscheiden. Dazu kommt der haarige Humor. Groschen regt sich entweder selbst ständig über etwas auf und wenn Groschen sich mal nicht aufregt, tut es jemand anders. Einwohner, die sich nicht sicher fühlen, Groschen, der sich über die Frauenrechtlerin in seiner Abteilung oder das geschlossene Lieblingsrestaurant aufregt, Flugbegleiterinnen, die ihre Passagiere nicht besonders nett klassifizieren. Immer gibt es was zu mäkeln. Für viele Personen trifft Franzobel zudem eine sehr spezielle Namenswahl. Ist das jetzt Ironie mit Tiefgang oder kann das weg? Wie ausgezeichnet Franzobel sich mit Milieus beschäftigt, pointierte Personen zeichnet und mit seinem Stil an braven Schubladen herumreißt, merke ich erst, als er Groschen durch Sarajevo reisen lässt und ihn stellvertretend für den Leser die Grauen und die Nachwirkungen des Jugoslawienkrieges nachspüren lässt. Groschen begreift, was die Menschen bis heute bewegt und dass dort nichts einfach vergeht, nur, weil es aufgehört hat. Dann ist spürbar: Der Autor mag mehr sagen und versteckt seinen Stoff hinter Satire und Klamauk.

Falt Groschen wird klar, dass Tode Todic zwar eine nette Spur ist, aber eine viel zu einfache. Aber ein Groschen ist nicht dasselbe Kaliber wie seine Kollegen, die sich einfach mal so gegen den Vorgesetzten durchsetzen und ihm knallhart verklickern, dass der Täter ein anderer sein muss. Und Döblinger ist auch keiner, der sich so etwas sagen lassen würde, schließlich hat er gerade erst eine Auszeichnung bekommen und die gilt es nun mit Leistung zu untermauern. Groschen ist wissentlich auch der erste Kommissar, der in der Tram öffentlich angepflaumt wird, weil die Zeitung ihn als Versager hinstellt.

Ganz so weit weg von der Realität ist es eigentlich auch nicht. Es gibt einen grandiosen Bauchklatscher bei der Festlegung auf den einen Verdächtigen. Er war’s nämlich nicht, dafür hat er anderes auf dem Kerbholz. Falt Groschen schnallt am Ende zum Glück doch noch, wer hinter allem steckt, aber man wird das Gefühl nicht los, dass Kommissar Zufalll dem Kommissar Groschen unter die Arme gegriffen hat.

Bibliografische Angaben

Verlag: Zsolnay
ISBN: 978-3-55205-743-2
Erstveröffentlichung: 2015

Merken

Leave a Reply

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.