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Fred Vargas – Fliehe weit und schnell

Fred Vargas - Fliehe weit und schnellDie Pest in Paris! Das Gerücht hält die Stadt in Atem, seit auf immer mehr Wohnungstüren über Nacht eine seitenverkehrte 4 erscheint und morgens ein Toter auf der Straße liegt – schwarz. Kommissar Adamsberg sitzt in einer kleinen Brasserie in Montparnasse. Im Kopf hat er eine rätselhafte lateinische Formel, die auf jenen Türen stand – und vor sich, am Metroausgang, einen bretonischen Seemann, der anonyme Annoncen verliest. Auch lateinische darunter. Aber wo ist der Zusammenhang zwischen den immer zahlreicheren Toten in der Stadt und den sympathischen kleinen Leuten, die dem Bretonen so gebannt zuhören? Plötzlich hat Adamsberg, der Mann mit der unkontrollierten Phantasie, eine Vision.

gelesen von Suzanne von Borsody

Rezension

So schnell, wie es im Titel anklingt, geht es in Paris zunächst über weite Strecken gar nicht zu. Mehr als eine CD von sechs schauen wir den Menschen in einem Pariser Stadtviertel über die Schulter, wo sich der ehemalige Seemann Joss Le Guern als Ausrufer seinen Unterhalt verdient. Joss hat den uralten Beruf mit neuem Leben erweckt und liest täglich drei Mal Angebote, Verkäufe oder auch Beschwerden und persönliche Ankündigungen vor, die für fünf Francs pro Stück bei ihm in einer Urne hinterlegt werden können.

Seit dem Sommerferien sind sehr merkwürdige Texte dabei, die allerdings überdurchschnittlich bezahlt werden. Keiner versteht auch nur ansatzweise, worum es geht, aber Joss und seine Zuhörer akzeptieren die Meldungen wie alle anderen Meldungen auch. Interessant wird es erst, als sich der Zimmerwirt Décambrais die Texte merkt und ihre Quellen sucht. Mit einem beunruhigenden Ergebnis melden sich die beiden bei Kommissar Adamsberg, der gerade eine junge Frau hinauskomplimentiert hat, die sich über seitenverkehrte Vierer an den Türen ihres Hauses beklagt hat. Die Notizen hat Adamsberg schon weggeworfen, als sie unerwarteterweise wichtiger werden, als vermutet.

Zuerst erhalten die Botschaften ein Gesicht. Mit Hilfe des Mediävisten Marc Vandoosler entschlüsselt Adamsberg die weiteren Texte und sieht, dass Paris offensichtlich auf einen Pestausbruch vorbereitet wird. Marc Vandoosler, gerät auf Grund seiner fundierten Pest-Kenntnisse selbstverständlich schnell unter die Verdächtigen. Aber Adamsberg ahnt, dass etwas ganz anderes hinter der groß angelegten Kampagne steht. Doch ohne einen Verdächtigen und ohne einen Ansatzpunkt stochert er nur im Dunklen. Weiter hilft ihm nur seine Intuition.

Vargas entwirft einen ihrer typischen Mikrokosmen. Mit wenigen Ausnahmen dreht sich alles um ein bestimmtes Viertel, in dem sich die Tagesstruktur vieler Menschen nach dem Terminen des Ausrufers richtet und in dem man sich regelmäßig n der Kneipe “Viking” trifft. Da man kaum andere Personen vorgestellt bekommt, wird es angesichts dieser liebenswert skurrilen Menschen durchaus unangenehm … denn aus dieser Gruppe heraus scheint der Keim für die Pest zu stammen und Adamsberg rückt dem Täter immer näher auf die Pelle.

Das Ende spinnt sich aus einem sehr wirren Knäuel. Alles hängt zusammen, aber nichts war so, wie man es sich erdacht hat. Nur Adamsberg bewahrt inmitten der Unruhe, die das Pest-Gerücht mit sich bringt, Ruhe genug, um alles an seinen korrekten Platz zu sortieren. Logisch aufgelöst endet das Geschehen wohl, aber recht unwahrscheinlich und konstruiert. Und dennoch gelingt es der Geschichte (inklusive der ausgezeichneten Vorleserin Susanne von Borsody), den Leser für sich zu gewinnen und das alles als eine ganz eigene Welt zu akzeptieren.

Bibliografische Angaben

Verlag: tandem Verlag
ISBN: 978-3-842-70026-0
Originaltitel: Pars vite et reviens tard
Erstveröffentlichung: 2001
Deutsche Erstveröffentlichung: 2003

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