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Georges Simenon – Der Zug aus Venedig

Georges Simenon - Der Zug aus VenedigAm Ende der Ferien nimmt Justin Calmar allein den Zug von Venedig zurück nach Paris. Seine Familie wird ein paar Tage später nachkommen. Ein Mitreisender bringt es fertig, den zurückhaltenden Pariser eingehend auszufragen. Dieser schämt sich zutiefst seiner Selbstgefälligkeit, was ihn jedoch nicht daran hindert, dem Unbekannten zu Willen zu sein und einen kleinen Gang für ihn zu tun: In Lausanne, wo Calmar zwei Stunden Aufenthalt hat, bevor er in den Zug nach Paris umsteigen kann, soll er bei der Gepäckaufbewahrung einen kleinen Koffer abholen und ihn gleich um die Ecke zu einer gewissen Arlette Staub bringen. Kurz danach verlässt der Fremde das Abteil, um nicht wieder aufzutauchen. Verwirrt und unbehaglich macht sich Calmar auf den Weg zu Arlette Staub. Diese liegt jedoch tot in ihrer Wohnung – erschlagen. Von Panik ergriffen, flieht er nach Paris, wo er zu seinem Entsetzen feststellt, dass der Koffer ein Vermögen in englischerWährung enthält …

Rezension

Bis zur letzten Seite habe ich bei diesem Buch mitgefiebert und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Simenon macht aus einer kleinen Gefälligkeit, die Justin Calmar einem Mitreisenden gewährt, ein regelrechtes Roulettespiel: Calmar bringt während eines Zwischenstopps seines Zuges einfach nur einen Koffer zu einer jungen Frau, weil der Mitreisende keine Zeit dazu hat. Er erfüllt diesen Wunsch, obwohl er sich peinlich berührt fragt, wie es eigentlich dazu kommen konnte. Geschwätzigkeit und anerzogene Höflichkeit wusste der Mitreisende geschickt auszunutzen. Umgekehrt erfährt Calmar nichts von seinem Gegenüber und er traut sich auch nicht, danach zu fragen. Mit herben Folgen, denn Calmars Leben gerät infolge langsam aber sicher aus den Fugen.

Bestens gefällt mir, wie nachvollziehbar die plötzlichen Gewissensbisse geschildert werden. Calmar weiß sich vor niemandem zu erklären oder zu rechtfertigen und isoliert sich mit seiner Geschichte. Eine Ausrede ergibt die nächste und er strickt ein immer engeres Netz um sich. Er begreift, dass er in einer Lebensroutine steckt, die ihm keine Möglichkeiten für eigene Wege bietet. Selbst ein leicht vorgezogener Dienstschluss – völlig ungewohnt beim sonst so diensteifrigen Kollegen – bringt die Gerüchteküche zum Kochen. Vor seiner Frau verbiegt er sich förmlich, um keinen Argwohn zu hegen. Selbst die hart umkämpfte Ausrede gerät, obwohl pfiffig und schlüssig erklärend, zum ehelichen Eiertanz. Was bisher einen sicheren Rahmen ergab, droht ihn nun zu ersticken. Wie soll er sich retten?

Auf der bereits erwähnten letzten Seite allerdings platzte ein Ende herein, das mir irgendwie nicht so recht zu passen schien. Als ob die Geschichte beendet werden musste, weil alles andere so lang geraten wäre wie die Vorgeschichte dazu. Auch zu Calmar schien mir das Ende ganz und gar nicht zu passen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 3257216173
Originaltitel: Le train de Venise
Erstveröffentlichung: 1965
Deutsche Erstveröffentlichung: 1968

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