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Gila Lustiger – Die Schuld der anderen

Gila Lustiger - Die Schuld der anderenZehn Zeilen – mehr hat Marc Rappaport einem 27 Jahre zurückliegenden Prostituiertenmord, der jetzt durch DNA-Abgleich gelöst sein soll, nicht zu widmen gedacht. Und doch will er mehr über die Geschichte der jungen Frau erfahren, die mit 18 aus der Enge ihrer Industriekleinstadt nach Paris floh, um zu studieren, und dort in die Prostitution schlitterte. Dabei stößt er bald auf einen Skandal von schockierendem Ausmaß, der die unlösbaren Verstrickungen von Wirtschaft, Geld und Politik durchscheinen lässt. Was als klassische Ermittlungsgeschichte beginnt, entpuppt sich bald als ein atmosphärisch dichter und mit souveräner Leichtigkeit erzählter Gesellschaftsroman über ein ganzes Land und unsere Gegenwart.

Rezension

Im Januar 2015 hörte ich zum ersten Mal von Gila Lustigers Roman im NDR Podcast. Drei Monate später gab es eine dicke Empfehlung im ARD Buffet. Seither waberte der Titel immer wieder durch meinen Hinterkopf, aber es letzten Endes fast ein Jahr gedauert, bis ich das Buch tatsächlich in den Händen hielt. Mit so viel Vorschusslorbeeren versehen war die Erwartungshaltung entsprechend. Und ich habe 120 Seiten lang am NDR und Karla Paul gezweifelt, weil sie mir die Story über einen Journalisten empfohlen hatten, der am liebsten per Selbstzweifel über sich selbst nachdenkt, die Beziehung zu seiner Deborah reflektiert und sich an seienn Großvater erinnert. 120 Seiten. Da steht eine Dominique Manotti mitunter schon knapp vor dem Finale und dieses Buch hier hatte noch nicht mal richtig angefangen. Ich war genervt. Richtig los geht es tatsächlich erst, wenn man diesen ersten Teil durchgehalten hat. Dann erst ist der Roman das, was alle versprochen haben.

Marc Rappaport ist ein Kind aus bestem Haus, mit einem Großindustriellen als Großvater, Absolvent erstklassiger Ausbildungszentren. Aber er hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Journalist gegen die großen und kleinen Skandale des Landes anzuschreiben und dem selbstverständlichen heimischen Wohlstand wenigstens halbwegs den Rücken zu kehren. Er schreibt unter anderem über Verfahren und Gerichtsprozesse und lernt dadurch den Fall Emilie kennen. Dieser 30 Jahre alte Mordfall wird auf Grund moderner DNA-Analytik neu aufgerollt und unter Verdacht gerät ein Mann, dem Rappaport beim besten Willen nicht einmal so recht den Besuch einer Prostituierten zutrauen mag. Er spürt viel mehr Angst bei den Menschen, die er dazu interviewt und will herausfinden, was diese Angst auslöst. In Emilies Geburtsort Charfeuil wird er fündig.

Rappaport reist im Buch quer durch die französische Realität. Politik und Industrie sind eng verflochten, Fehler der Wirtschaftspolitik ziehen eine Spur der Desillusionierung durch das Land und wer aufmuckt, wird mit Leichtigkeit kaltgestellt. Aufmucken lohnt also nicht und in Charfeuil ziehen die Menschen einen sicheren Arbeitsplatz anständigen Arbeitsbedingungen vor. Die Kinder werden früh darauf eingestellt, dass der Konzern am Ort Brot und Nahrung gibt und größere Ambitionen wenig bringen. Das offene und vielseitige Paris ist in jeder Hinsischt weit weg und es gilt, mit dem seine Existenz zu sichern, was da ist. Und das gilt nicht nur für Charfeuil; Rappaport wird klar, dass diese Rahmenbedingungen im Prinzip überall im Land herrschen. Was die Abhängigkeiten auslösen, wird an dem Industrieskandal offensichtlich, dem Rappaport in Charfeuil auf die Spur kommt. Eine Lehrstunde darüber, wie wenig man juristisch ausrichten kann, wenn sich die Industrie ihren Handlungsspielraum von der Politik hübsch einrichten lässt.

So offenbar die Rücksichtslosigkeit der Industrie- und Politikelite ist, so klar die eklatanten Aufreger festgelegt sind, so raffiniert zeigt Gila Lustiger aber auch, dass die Grenzen fließen. Die Schuld der “Anderen” lässt am Ende viele Interpretationsmöglichkeiten zu. Lustiger verklebt sehr geschickt Kriminalfall und Korruption mit französischen, gut recherchierten und illustrierten Milieus. Dazu gehört zum Beispiel der reale Mord an Ilan Halimi, der sich in der Story wiederfindet und der Konzern Nutrissor hat das reale Vorbild Adisseo. Lustiger thematisiert die französische Wirtschaftspolitik der letzten dreißig Jahre und deren fatale Auswirkungen, sie schreibt über Eliten, die den Bodenkontakt längst verloren haben und über aggressive Jugendliche in der Vorstadt. Gesellschaftlichen Leim sucht man in dieser Realität vergebens. Und so ist es wenig verwunderlich, dass die Geschichte auf der Suche nach einem Möder peu à peu noch andere Abgründe, Skandale und Dramen zutage fördert.

Nachdem die Länge zu Beginn überstanden war, folgte —wie man merkt— ein praller Roman, der viele Aspekte thematisiert ohne je überladen zu werden. Das alles regt zum Nachdenken an über Werteskalen und die Frage, was passieren muss, um Änderungen voranzutreiben, persönliche Grenzen ebenso wie gesellschaftliche Grenzen. Insgesamt eine sehr komplexe Struktur, die aber nie bleischwer und bedeutungsschwanger erdrückt. Gesellschaftsroman? Krimi? Oder vielleicht besser Panorama? Gila Lustigers Buch ist jedenfalls vieles davon.

Bibliografische Angaben

Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-82701-227-2
Erstveröffentlichung: 2015

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