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Jim Thompson – Getaway

Jim Thompson - GetawayKaum aus dem Gefängnis entlassen, macht sich Carter “Doc” McCoy über die Bank in der amerikanischen Kleinstadt Beacon City her. Seine beiden Helfer profitieren von der ausgeklügelten, minutengenauen Planung McCoys, die jener auch nach 12 Jahren Haft nicht verlernt hat. Danach aber geht das erste Mal etwas richtig schief: Ein Helfer schert nervös aus und versucht, sich seines Kollegen und auch McCoy zu entledigen. Damit zieht er allerdings die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich und plötzlich müssen McCoy und seine Frau Carol improvisieren. Derart ungeplante Manöver führen unweigerlich zu Fehlern und machen die geplante Flucht nach Mexiko zu einem äußerst gewagten Unterfangen.

Rezension

Doc McCoy ist ein brillanter Planer; was er anpackt, klappt stets wie vorhergesehen. Er arbeitet effizient und berücksichtigt alle relevanten Umstände lückenlos. Fast jedenfalls, auf mehr als zwei Mal Knast hat er es mit 36 Jahren noch nicht gebracht. Mit Hilfe seiner Frau Carol schaffte es mit raffinierten Schachzügen auch, vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden. Das Gangsterpärchen schmierte geschickt die Jury, die die Gnadengesuche beurteilt. Um die Schmiergelder wieder hereinzubekommen, braucht McCoy nun einen lohnenden Banküberfall. Beacon City passt auf seine Bedürfnisse. Mit im Boot sind Torrento und Jackson, die das Geld herbeischaffen werden. Für Carol und McCoy geht es danach Richtung Mexiko und natürlich ist auch der Fluchtweg bestens vorbereitet.

“Doc war der geborene Verbrecher, wie eigens geschaffen für großkalibrige Unternehmungen. Keiner verstand es wie er, eine lohnende Sache auszubaldowern und Zug für Zug umsichtig zu planen. Niemand blieb, selbst in kritischter Lage, so gelassen und so kühl.”

Doch Torrento erweist sich als paranoid und für den minutiös getakteten Plan als unberechenbarer Faktor. Ihn verfolgt die Schnapsidee, alle Kollegen bei diesem Einbruch wollten ihn aus dem Weg räumen. Er dreht den Spieß um und hinterlässt den ersten Toten schon in der Bank. Danach probiert er es bei McCoy, doch der ist schneller. Aber nicht präzise genug und unwillig, an einen Fehler überhaupt zu denken. Aus einem perfekten Bankraub wird durch einen falschen Schuss eine Katastrophe. Die Flucht muss zwingend gelingen, es geht gar nicht anders, denn die zusätzlichen und ungeplanten Spuren, die der missratene Kumpan ausbreitet, führen direkt zu McCoy und die Polizei weiß jetzt nicht nur, wen sie jagen muss, sondern auch wie. McCoy jagt sie definitiv auf Hochtouren.

Wer bei dem kühl kalkulierenden Verbrecher, dem andere die Tour vermasseln, spontan an Parker denkt, muss umsteuern. McCoy ist ein Egozentriker, der andere um den Finger wickelt und für seine Zwecke einspannt. Kein Typ, der beim Leser Sympathien entwickelt und dem man eine gelungene Flucht gönnte. Auch das Verhältnis zu seiner Frau ist angespannt. Carol ist 14 Jahre jünger und eigentlich begeisterte Anhängerin seiner Sache. Sie hilft maßgeblich dabei, ihn vorzeitig aus dem Gefängnis zu holen. Aber McCoy frisst das Misstrauen fast auf ob der Frage, wie sie das geschafft hat. Gerade rechtzeitig besinnt er sich darauf, dass sie die einzige Verbündete ist, die er hat – möglicherweise eine, die in seinem Gefolge zu selbständig geworden ist. Leider aber auch eine, die nicht ganz so gewitzt ist und ihm bei spontanen Entscheidungen weitere Probleme bereitet.

Jim Thompson erzählt knapp und ohne Ausschweifungen, wie ein kleiner Ausraster massive Probleme nach sich zieht und das Pärchen McCoy auf einen Abgrund zuzulaufen scheint. Was der Film am Ende auslässt, ist der wahre Dreh- und Angelpunkt des Buchs. Thompson lässt seine Gangster am Ende auf merkwürdige Weise ihre Zuflucht finden. Die legendäre Verbrechertochter Ma Santis hilft ihnen, in das mexikanische Refugium des El Rey zu gelangen. Der sichere Hort für alle, die vor der US-amerikanischen Justiz auf der Flucht sind. Aber ab der Begegnung mit Ma Santis schwingt die Story in eine surreale Richtung. Beklemmende Allegorien tauchen auf und aus dem klassischen Gangsterdrama wird eine Parabel, die den Leser weitaus länger festhält als die Story. McCoy, der sonst über alles nachdenkt, hat sich beispielsweise nie gefragt, warum noch nie jemand von El Rey wieder zurück gekommen ist. Hollywood mag einen spannenden Film gerade ohne dieses Finale gedreht haben, aber das Buch ist wegen seines ungewöhnlichen Endes wohl der Zeit voraus gewesen. Letztlich ist es Thompsons Abrechnung, die dem Titel etwas Spezielles verleiht.

Bibliografische Angaben

Verlag: Ullstein
ISBN: 3-548-10186-0
Originaltitel: The getaway
Erstveröffentlichung: 1958
Deutsche Erstveröffentlichung: 1983
Übersetzung: Günter Panske
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